Cats

Ein Aargauer lässt ordentlich die Miezen tanzen

Die Kostüme von «Cats» sind ein Augenschmaus; der Schweizer Mario Reichlin ist Kostümleiter bei der neuen Musical-Produktion. Foto: Thommy Mardo

Die Kostüme von «Cats» sind ein Augenschmaus; der Schweizer Mario Reichlin ist Kostümleiter bei der neuen Musical-Produktion. Foto: Thommy Mardo

In Aarau ist Mario Reichlin aufgewachsen, aber er ist längst ein Weltenbürger. Kein Wunder, betreut und entwirft er doch Kostüme für Musicals und Stars. Reichlin ist als Kostümbildner global erfolgreich – mit «Cats» kehrt er in die Schweiz zurück.

Grizabella ist alt und räudig. Dennoch hat sich die einstige Glamour-Katze ihre Würde bewahrt. «Ich erinnere mich an die Zeit, als ich jung war und schön. Ich glaub, damals hab ich gewusst, was Glück wirklich ist. Warum musste es vergehen?», singt sie. An dieser Stelle haben seit 1981 mehr als 65 Millionen Zuschauer in über 30 Ländern und in über 300 Städten zum Taschentuch gegriffen. Das Musical «Cats» rührte das Publikum 1981 zu Tränen – und rührt es auch 2011. Etwa in der neuen, auf der Londoner Originalversion fussenden Neuinszenierung, die aber – neu – in einem eigens dafür entwickelten Zelt spielt; bald in Zürich gastieren und somit eine neue Zuschauergeneration für den Musical-Klassiker «Cats» anlocken wird.

Mit dabei in dieser internationalen Produktion ist ein Schweizer, der Andrew Lloyd Webbers Musical aus dem Effeff kennt (siehe Kästchen). Ob er Zeit hat, bei Grizabellas Ohrwurm-Seufzer zum Taschentuch zu greifen? Kaum. Denn Mario Reichlin ist gewissermassen Lordsiegelbewahrer von insgesamt 600 «Cats»-Kostümen und in dieser Eigenschaft ein viel beschäftigter Mann. «Pro Show setzen wir allein 99 Kostüme ein», betont Reichlin. Für den Laien sind das staunenerregende Zahlen, für den 41-Jährigen sind sie normal. Dem Haute-Couture-Damenschneider und Kostümbildner sind Musical-Produktionen, Stars wie etwa Tina Turner, Elton John und Madonna, aber auch ein üppig besetzter Hollywood-Film wie «Operation Walküre» mit Tom Cruise Alltag. Davon hat er als Jugendlicher nicht zu träumen gewagt. Dafür von Stoffen, vom Schneidern, vom Theater. Die Ausbildung zum Theaterschneider hat Reichlin dann aber nicht vollendet, «weil ich mich ausgebeutet fühlte». Dass der in Aarau Aufgewachsene gleichwohl schon 1994 erste Theatererfahrungen sammeln konnte, verdankt sich seiner Neugier und seinem Beharrungsvermögen.

Reichlin lacht:«Ich habe damals Telefonbücher konsultiert; habe Inserate durchgeackert, bis ich auf ein Inserat des Zürcher Varieté-Theaters Polygon stiess. Da bin ich reingerutscht – als Kostümkoordinator», sagt Reichlin, und das hört sich ebenso nach Understatement wie nach realistischer Selbsteinschätzung an. Reichlin vergass seinen Theaterschneider-Traum aber nicht. «Doch da gab es keinen Job. Will man vorne dabei sein, muss man sich zuerst einmal beweisen», sagt Reichlin und erzählt von seinem Engagement beim Basler «Phantom of the Opera» – als Ankleider. Das mag zunächst nicht glamourös anmuten, aber man spürt die Ernsthaftigkeit eines Menschen, der dem Theater auf den Grund gehen will. «Das erfordert Flexibilität. Vor allem im Musical: Da muss man sich immer wieder neu erfinden; muss blitzschnell rausfinden, wie Probleme rasch gelöst werden können.»

Mario Reichlin kann das offenkundig hervorragend: Mit der irischen Tanzshow «Riverdance» ging er sechs Jahre auf Welttournee; dann rief eines Tages – Hollywood. Das hat eine Vorgeschichte. Reichlin hatte Inserate durchgekämmt; wieder einmal hatte er sich «keine Hoffnung gemacht». Aber dann hiess es plötzlich: «Kommen Sie vorbei.» Neun Stunden sei er nervös im Zug gesessen; bloss 20 Minuten sei er interviewt worden – «danach hatte ich den Job». Anders gesagt: Mario Reichlin war für das Nähen und die Abnahme der Militär-Uniformen im Film «Operation Walküre» mit Tom Cruise verantwortlich. Ein Jahr später wirkte er für den Film «Chéri» mit Michelle Pfeiffer mit.

Seit 2010 steht aberwieder das Musical im Fokus von Reichlins Interessen. «Cats» im Zelt? «Ich hatte meine Klischeevorstellung von Zirkus und einem Wanderleben mit Wohnwagen, doch dann merkte ich: Das ist anders.» Zwar zieht das «Cats»-Team von Stadt zu Stadt; logiert aber stets in Hotels. «Wir sind eine einzige grosse Familie», schwärmt Reichlin, und man hört: Das ist für den Weltenbummler, der ein «nomadisches Leben führt ohne festes Domizil», ein schöner Umstand. Obgleich «Cats« den Aargauer derzeit am meisten beschäftigt, kreisen seine Gedanken auch um das nächste Projekt: Er ist Kostümdesigner für das Musical «Kein Pardon». Doch vorerst wird er in Zürich mit «Cats» Station machen. Anders als die Katze Grizabella wird er dort indessen nicht entsagungsvoll singen müssen: «Warum musste das Glück vergehn?» – Mario Reichlin hat Glück.

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