E-Mobilität
Während dem ETH-Studium verkaufte er Massanzüge, jetzt produziert er stylische E-Bikes – was dieser Aargauer Unternehmer bei Elon Musk abgeschaut hat

Ego Movement stellt E-Bikes her, die aus der Masse herausstechen. Vor sechs Jahren gegründet, hat das Unternehmen heute rund 35 Mitarbeitende in Deutschland und der Schweiz. Gegründet wurde es vom Aargauer Daniel Meyer und seiner Frau Marie So. Eine asiatisch-schweizerische Erfolgsgeschichte.

Sébastian Lavoyer
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Daniel Meyer, CEO des E-Bike-Herstellers Ego Movement, fotografiert in Zürich am 27. Mai 2021.

Daniel Meyer, CEO des E-Bike-Herstellers Ego Movement, fotografiert in Zürich am 27. Mai 2021.

Severin Bigler / ©

Die Liebe zum Velo muss irgendwann in seiner Kindheit entflammt sein. Ziemlich früh sogar. Denn da, wo er aufwuchs, in Hausen bei Brugg, direkt am Waldrand, da ging ohne fahrbaren Untersatz praktisch gar nichts. Er radelte in die Schule, die Jugendriege und selbst beim Spielen in der Freizeit konnten Daniel Meyer und seine Freunde nicht auf ihr Fahrrad verzichten: «Wir haben Räuber und Poli auf dem Velo gespielt», erzählt Meyer und lacht, wie so oft während unserem Gespräch.

Daniel Meyer, CEO des E-Bike-Herstellers Ego Movement, auf dem Weg zu seinem Büro in Zürich.

Daniel Meyer, CEO des E-Bike-Herstellers Ego Movement, auf dem Weg zu seinem Büro in Zürich.

Severin Bigler / ©

Meyer ist Mitgründer von Ego Movement, einem Schweizer E-Bike Hersteller, der seit der Gründung 2015 rasant gewachsen ist. Zusammen mit seiner Frau Marie So hat er vor fünf Jahren einen ersten Prototypen anfertigen lassen. Da waren sie eben aus Peking zurückgekommen, wo sie beide in den Jahren zuvor gearbeitet hatten. Meyer sagt:

«Wir hatten in Asien einen E-Scooter und wollten hier etwas Ähnliches kaufen, fanden aber nichts. Also schauten wir uns E-Bikes an, doch das waren doch vorwiegend grobschlächtige Gefährte.»

Von seinem Büro in der ehemaligen Druckerei im heute boomenden Norden Zürichs sieht er direkt in eine Art Turnhalle. Sie teilen sich das Gebäude mit einem Fitnessclub. Durchtrainierte Männer und Frauen, die Klimmzüge machen, Liegestützen, Sit-ups. Und oben hinter der Glasscheibe sitzen wir am Tisch in Meyers Büro. Er trägt eine rote Chinohose, ein weisses Hemd und einen dunkelblauen Sakko mit Einstecktuch, dazu schwarze Lederschuhe. Stil ist ihm wichtig. Der Sinn für Ästhetik offenbar in die Wiege gelegt. Genauso wie die Faszination für alles, was sich bewegt.

Schon als Kind hat er mehr von Asien gesehen als so manch anderer

Als Kind baute er Modell-Autos und -Flugzeuge zusammen, ist fasziniert von elektrischen Schaltern und Motoren. Eine Leidenschaft, die er vom Vater mitbekommt. Dieser arbeitet damals als Elektroingenieur für die BBC und macht später auch bei der ABB Karriere. Oft arbeitet der Vater im Ausland, oft in Asien, wo auch die Familie häufig Ferien macht. Japan, China, Malaysia, Vietnam - schon bevor Daniel Meyer mit der Familie nach Zürich zieht, wo er das Gymnasium und später die ETH absolvieren wird, hat er mehr von Asien gesehen, als die meisten in ihrem ganzen Leben.

Da, wo Ego Movement heute seinen Hauptsitz hat, war früher eine Druckerei.

Da, wo Ego Movement heute seinen Hauptsitz hat, war früher eine Druckerei.

Severin Bigler / ©

Wie der Vater lässt er sich zum Elektroingenieur ausbilden. Schon während dem Studium gründet er sein erstes Unternehmen im Textilbereich. «Ich habe an Abenden und Wochenenden Kundenbesuche gemacht. Dann haben wir bei den Leuten Mass genommen, um die Anzüge schliesslich aus italienischen und britischen Stoffen fertigen zu lassen», erzählt Meyer. Das Studium findet er zwar spannend, aber «etwas eindimensional», wie er heute sagt, zu sehr nur auf die Technik fokussiert, zu wenig an der Marktfähigkeit von Produkten und den Kundenbedürfnissen orientiert.

Die Vorliebe für schöne Stoffe und edle Schnitte ist geblieben, obschon er sein erstes Start-up verkauft hat, kurz bevor er 2009 nach Asien auswanderte. Das kam so: Die letzten Monate seines Studiums verbrachte Meyer in Hong Kong, wo er an der University of Hong Kong seine Masterarbeit schrieb. «Nicht viele ETH-Studierende machten damals ihren Master an einer Uni ausserhalb Europas, aber ich hatte einfach Lust auf etwas Neues», erzählt der heute 39-Jährige mit Aargauer Wurzeln. In ihm wuchs das Bedürfnis, zu bleiben - und einen Monat vor seiner eigentlichen Rückkehr lernte er dann auch noch seine heutige Frau Marie So kennen.

Kaum gegründet, gewinnt Ego Movement einen begehrten Designaward

Sieben Jahre arbeitete er für die Schweizer Marktexpansionsspezialisten DKSH in Asien. Zuerst in Hong Kong, dann in Vietnam und zuletzt in China. Er führt Teams von 120 Leuten und mehr und leitet eine Organisation, die Technologie-Produkte wie Präzisionsschleifmaschinen für die Automobil- und Flugzeugindustrie oder ganze Anlagen für die Produktion von Halbleiter-Elementen verkauft, installiert und unterhält.

Das Cleopatra von Ego Movement ist insbesondere für den Stadtverkehr konzipiert.
5 Bilder
Das Tarzan von Ego Movement fährt auch auf Feldwegen und Landwegen souverän durch die Gegend.
Great Gatsby hat Ego Movement sein Cargo-E-Bike genannt.
Kein anderer Anbieter von Elektromobilität ist so breit aufgestellt wie Ego Movement. Schon bald gibt es auch einen E-Scooter.
Jane heisst die weibliche Version von Tarzan. Von der Konstruktion her ist das Bike eher einem Gravel Bike nachempfunden.

Das Cleopatra von Ego Movement ist insbesondere für den Stadtverkehr konzipiert.

Zvg / Aargauer Zeitung

Doch irgendwie war für Meyer und seine Frau immer klar, dass sie dereinst in die Schweiz zurückkehren wollen. Sie kamen mit einer Idee zurück, sie wollten E-Bikes mit Stil herstellen. 2015 starteten sie mit einem Prototypen, Ego Movement war geboren. Schon im Folgejahr wurden sie mit einem Red-Dot-Design-Award ausgezeichnet. Der Preis wird vom Design Zentrum Nordrhein Westfalen verliehen und gehört zu den weltweit anerkanntesten Auszeichnungen.

Anfangs, da waren sie einfach zu zweit, er und seine Frau. Im Gerolds Garten hatten sie ihren ersten Pop-up-Store. Meyer erzählt:

«Wenn ich irgendetwas nicht selbst einstellen konnte, ging ich jeweils zum Velomechaniker um die Ecke, damit er mir helfen konnte»

Heute arbeiten rund 35 Leute für ihn und seine Frau, darunter auch 9 Velomechaniker. Acht Stores haben sie in der Schweiz, drei in Deutschland. Als nächstes kommen Genf und Lausanne dazu. Und sie möchten nach Übersee expandieren.

E-Bikes werden für Testfahrten gratis nach Hause geliefert

Die Komponenten ihrer preisgekrönten Bikes kommen - wie in der Branche üblich - mehrheitlich aus Asien, einzelne Teile wie spezielle automatische Schaltungen oder Lichtanlagen aus Holland und Deutschland. Aber jedes Bike, das in der Schweiz verkauft wird, wird in Wallisellen montiert, wo Ego Movement vor Kurzem eine neue, über 1000 Quadratmeter grosse Produktionshalle bezogen hat.

Alles nach Wunsch des Kunden. Deshalb setzt Meyer wie Elon Musk und Tesla auf Direktvertrieb und qualitativ hochstehenden Service. «Unser Aussendienst besucht interessierte Kunden zum Beispiel auch zu Hause für einen kostenlosen Test und man kann sich das Bike fixfertig montiert und fahrbereit liefern lassen», erzählt Meyer. Ein Service, den kein anderer Hersteller anbiete und der gerade während Corona sehr gefragt war.

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Apropos Corona: Wie so viele E-Bike-Hersteller war auch Ego Movement im letzten Jahr von Lieferengpässen und -verzögerungen betroffen. Insbesondere bei Shimano-Schaltungen, Bremsen und Federgabeln. Unterdessen sind die meisten der Ego-Movement-Bikes wieder innert zwei bis vier Wochen bei den Kunden. Meyer: «Die Handelsrouten funktionieren wieder besser und wir haben die Lieferketten letztes Jahr den neuen Herausforderungen angepasst.»