Armut im Aargau
Drei Kinder, 5400 Franken, keine Sozialhilfe: Es geht also doch!

Es gibt auch Menschen, die trotz wenig Geld keine Sozialhilfe beziehen. So zum Beispiel die Familie Hauser. Sie schafft es - trotz knappem Lohn. Dafür müssen sie auf einiges verzichten.

Sabine Kuster
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Bei der Spielzeug-Tausch-Aktion gilt: Zwei Spielzeuge bringen, eins nehmen.

Bei der Spielzeug-Tausch-Aktion gilt: Zwei Spielzeuge bringen, eins nehmen.

Sabine Kuster

Die 9. und letzte Folge über die Familie Seiler mit Sozialhilfe war erschienen, da setzte sich ein Grossvater im Raum Zofingen an den Computer. Er fand, zum Thema Armut sei noch nicht alles gesagt. «Meine Tochter, ihr Mann und ihre drei Kindern müssen mit weniger auskommen als Frau Seiler», schrieb er im E-Mail, «die Sozialhilfe ist mehr als grosszügig.» Sein Schwiegersohn verdient als Handwerker 4800 Franken im Monat. Mit 600 Franken Kinderzulage hat die Familie ein monatliches Einkommen von 5400 Franken. Vor dem Besuch sagte die Mutter am Telefon: «Es geht immer auf Ende Jahr.»

Die Familie, nennen wir sie Hauser, hat ein Auto und einen Computer mit Internetanschluss. Eingekauft wird im Denner und in der Migros. Sie wohnt im ehemaligen Elternhaus der Mutter. Auf den ersten Blick sind die Hausers eine Schweizer Durchschnittsfamilie. Aber im Durchschnitt verdient eine fünfköpfige Familie hierzulande rund 9600 Franken, nicht 5400.

Drei Kinder, die teuer werden

Die Familie verzichtet auf einen Fernseher, DVDs sehen die Kinder am Computer. Nur der Vater hat ein Handy. Fleisch gibt es selten. Den öffentlichen Verkehr benutzen die Hausers kaum. Diesen Sommer reisten sie eine Woche zum Zelten nach Südfrankreich – zuvor waren sie mehrere Jahre lang nicht in den Ferien gewesen. Skiferien liegen nicht drin, nur tageweise geht der Vater im Winter mit den Kindern auf die Piste. Die Skikleidung haben Nachbarn geschenkt.

«Wir kriegen Kleider von diversen Nachbarn zum Nachtragen», erklärt die Mutter, «so sparen wir viel Geld.» Auch Spielzeug, einen Tischtennistisch und Velos kriegten sie geschenkt.

Die neuen Kleider sind von Vögele. «Markenkleider sind immer ein Thema», sagt die Mutter, denn der älteste Sohn besucht die Bezirksschule. Marken sind in diesem Alter wichtig für die Identifikation, die Integration und die Coolness überhaupt. Im Moment tragen alle Klassenkameraden Kapuzen-Pulli mit Reissverschluss. Auch ohne Markenkleider sind die Kinder der grösste Budgetposten: «Es wird immer teurer», sagt die Mutter, «Schuhe mit der Grösse 44 gibts nirgends zum Nachtragen, die muss man kaufen.»

Klettern statt gamen

Mit den 6 Franken Taschengeld, die der Älteste pro Monat kriegt, hat er sich kürzlich einen Memorystick zusammengespart, mit dem Weihnachtsgeld will er für einen iPod sammeln. Die jüngeren Kinder wünschen sich Lego. Kürzlich zählte ein Klassenkamerad auf, was er zu Weihnachten bekommen wird: ein Handy, ein ferngesteuertes Auto, Nintendo und Legos. «Unsere möchten schon auch gerne eine Playstation, aber sie sind auch gerne draussen», sagt die Mutter. «Sie spielen Hockey, tschutten, klettern, graben Löcher, basteln in der Werkstatt.» Die anderen Kinder kommen gerne zu den Hausers, es gibt immer etwas zu tun.

Klassenkameraden, die ein Handy besitzen, würden per Anruf von ihren Eltern geweckt, weil diese schon am Arbeiten sind, erzählt die Mutter. Sie findet ihren Deal besser: «Wir haben weniger, weil ich nicht arbeite, aber die Kinder schätzen es, dass ich immer zu Hause bin. Andere Kinder sind in den Ferien manchmal den ganzen Tag alleine.» Arbeiten gehen wird die Mutter womöglich in einigen Jahren, falls der Älteste studieren will. Vielleicht nimmt sie eine Stelle als Putzfrau an, das hat sie früher schon einmal gemacht.

Nie Kino, kein Restaurantbesuch

Kein einziges Mal war die Familie Hauser dieses Jahr im Kino oder im Restaurant. Nur manchmal gehen sie in den McDonald’s, wenn die Kinder ein gutes Zeugnis nach Hause bringen.

Wird man nicht unzufrieden in einer Zeit, in der manche Väter Boni in der Höhe des Jahreseinkommens der Familie Hauser erhalten? «Nein, wir sind glücklich», sagt der Vater, «gerecht ist es nie.» Die Mutter sagt: «Träume haben wir alle – einen Wohnwagen zum Beispiel und die Kinder würden mal gerne mit dem Flugzeug in die Ferien.» Aber arm seien sie nicht. «Es geht uns wirklich gut, noch nie war jemand schwer krank und auch Therapien brauchen unsere Kinder Gott sei Dank nicht.»

Vieles machen sie selbst

Wenn etwas ist, können sie sich meist selbst helfen. Der Vater bastelte aus drei kaputten, ferngesteuerten Spielautos ein funktionstüchtiges, der Boiler und die Waschmaschine installierte er eigenhändig. Der Grossvater strich im Sommer die Fensterrahmen. Die Tante schneidet der Familie die Haare. Die Mutter bestellt als gelernte Gärtnerin den Garten – und sie pflegt die Beziehungen im Dorf. Ihre Freunde sind ebenfalls Handwerkerfamilien. «Das hilft», findet die Mutter, weil die Verhältnisse dieselben sind.

Sport und Instrumentalunterricht, beides liegt in diesen Familien nicht drin. Die meisten entscheiden sich für Sport, die Hausers musizieren. Das kleinste Kind hat sich das Flötenspiel selbstständig mit Abgucken bei den Geschwistern beigebracht. Zu Weihnachten gabs vom Götti einen farbigen Notenständer. Der Älteste will Saxofon spielen; für das Instrument werden die Eltern nächstes Jahr sparen müssen. Und für ein
neues Occasionsauto.

«Mein Mann krampft viel, er steht um halb 5 Uhr auf und kommt manchmal erst um 9 Uhr abends heim», sagt die Mutter. Was sie stört, ist das Vorurteil gegenüber Handwerkern. Sie sagt: «Es stimmt einfach nicht, dass jeder Handwerker 7000 Franken verdient.»