Arbeitsmarkt

Dieser Mann bekämpft Dumping-Löhne auf Aargauer Baustellen

Auf der Baustelle in Eiken kontrolliert B. die Ausweise der gemeldeten Arbeiter aus der EU

Auf der Baustelle in Eiken kontrolliert B. die Ausweise der gemeldeten Arbeiter aus der EU

B., der Kontrolleur der Arbeitsmarktkontrolle Bau ist im ganzen Kanton unterwegs, um fehlbare Firmen aus der EU aufzuspüren. Wir haben ihn bei seiner Arbeit begleitet.

Kaum hat uns der weisse Kastenwagen in Ittenthal gekreuzt, wendet B. sein Auto und fährt ihm nach. Von einer kleinen Anhöhe aus beobachtet B., was die Insassen des Kastenwagens vorhaben. Wie von B. prophezeit, steigen sie aus und betreten ein Einfamilienhaus, das sich im Bau befindet. Er nickt zufrieden und fährt los.

Diese Szene stammt nicht etwa von einer Observation mit der Polizei. B. ist Kontrolleur bei der Arbeitsmarktkontrolle Bau. Das klingt deutlich weniger aufregend, als es in Wirklichkeit ist.

Die Aufgabe von B. ist es, ausländische Firmen aus der EU auf Aargauer Baustellen zu kontrollieren, ob sie korrekt angemeldet sind und ihre Angestellten nach Gesamtarbeitsvertrag entlohnen. Er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Zwar sei er noch nie bedroht worden, doch das soll auch so bleiben.

B. guckt in jeden Raum

B. parkiert vor dem Rohbau mit dem weissen Lieferwagen davor. Von den zwei Arbeitern ist nichts zu sehen. Schnellen Schrittes betritt der Kontrolleur das Haus, guckt in jeden Raum. Im oberen Stockwerk stehen die Gesuchten. Ohne etwas zu sagen, gehen sie die Treppe hinunter und verlassen das Haus. B. hinterher. «Guten Tag, mein Name ist B. von der Arbeitsmarktkontrolle», sagt er und zückt seinen Ausweis. Sein Verdacht löst sich aber in Luft auf. Sie seien auf dem Rückweg nach Deutschland von einer Baustelle in Biel, erklären die zwei Arbeiter.

Hier würden sie erst nächste Woche arbeiten. Auf Geheiss ihres Chefs hätten sie sich das Haus im Voraus ansehen müssen. B. glaubt die Aussage und wünscht ihnen eine schöne Heimreise. «Wahrscheinlich stimmt es, was sie sagen. Um ihnen das Gegenteil zu beweisen, hätte ich sie schon beim Arbeiten treffen müssen», zieht er Bilanz.

Solche Kontrollen auf gut Glück sind die Ausnahme im Alltag des Kontrolleurs. Im Normalfall besucht B. Baustellen, auf denen ausländische Betriebe aktiv sind, die sich angemeldet haben. Eine solche ist die Strassenbaufirma Heberle. Sie verlegt in Eiken eine Zufahrtsstrasse für die Westfalen Gas AG. «Ich will immer offen auf die Baustellen gehen und nicht Polizist spielen. Mein Ziel ist es, das Vertrauen der Leute zu gewinnen», sagt B.

Arbeiter werden zusammengerufen

Auf der grossen Baustelle in Eiken sind verschiedene Firmen tätig. B. begrüsst den Firmenchef Norbert Josef Heberle. Es ist nicht ihre erste Begegnung. Dieser ruft seine Arbeiter zusammen und B. führt seine Kontrolle durch. Stimmen die gemeldeten Leute mit den Anwesenden überein? Sind alle EU-Bürger? Mit den eingesammelten Papieren lassen sich diese Fragen schnell beantworten. Die Arbeiter sind das Prozedere gewohnt, die Stimmung ist locker.

Bei Heberle ist alles in Ordnung und der Kontrolleur ist zufrieden: «Wenn es so flott geht, ist das natürlich angenehm.» Neben der Überprüfung der Identitäten besucht B. die Baustellen, um sich ein Bild der Arbeitsverhältnisse zu machen. Die Detailkontrolle folgt später. Zurück im Büro wird B. die Lohnverträge und andere Unterlagen der Arbeiter anfordern und kontrollieren, ob sie GAV-konform sind. Falls er einen Verdacht auf Lohnverstoss feststellt, wird eine Kommission des Berufsverbandes in Kenntnis gesetzt. Diese kann, wie auch das kantonale Amt für Migration, Sanktionen aussprechen. Für die fehlbaren Firmen bedeutet das Bussen oder ein Arbeitsverbot in der Schweiz.

Seit die Personenfreizügigkeit 2006 eingeführt wurde, ist B. der einzige Kontrolleur für die Baubranche im Aargau. Die Entwicklung des freien Personenverkehrs hat er hautnah miterlebt. «Bei den Branchen, die im Aargau tätig sind, gab es einen steten Anstieg. Rund 85 Prozent der Firmen kommen aus Deutschland.»

Eurokurs spielt eine Rolle

Während in Bundesbern über die Zukunft der Personenfreizügigkeit gestritten wird, weiss B., wie die Situation auf den Baustellen aussieht: «Die Attraktivität der Schweiz hängt für die ausländischen Betriebe vom Eurokurs ab.» Je weniger der Euro wert ist, desto höher sind die Lohnkosten für die ausländischen Firmen, die in Franken berechnet werden müssen. Ohne Kontrollen und Mindestlöhne würden viel mehr Firmen aus dem EU-Raum in die Schweiz drängen, ist B. überzeugt.

Auf dem Weg zur nächsten Baustelle in Laufenburg erzählt B. von besonders ereignisreichen Kontrollen. Rund 20 Mal im Jahr muss er die Polizei beiziehen, wenn ein nicht gemeldeter Selbstständiger auftaucht. Dieser muss dann unverzüglich die Arbeit einstellen. Manchmal werden auch mit der Polizei und dem Amt für Migration Grosskontrollen durchgeführt. Da wisse man auch nie, was einen erwarte, sagt B. «Bei einer solchen Grosskontrolle rannte plötzlich ein Arbeiter einfach davon. Ein Polizeihund konnte ihn aber rasch stellen. Es zeigte sich, dass er kein EU-Bürger war und über keine Arbeitsbewilligung verfügte.»

Alles in Ordnung?

Die nächste Station ist deutlich übersichtlicher. In einem Laufenburger Einfamilienhausquartier erstellen drei deutsche Zimmerleute zwei Gartenhäuschen. Auch hier ist alles in Ordnung. B. erkundigt sich nach den Arbeitszeiten und wie die Überstunden geregelt sind. Der Umgang zwischen den Handwerkern und dem Kontrolleur ist kollegial. Dank seiner langjährigen Berufserfahrung auf dem Bau wird B. nicht als weltfremder Bürokrat wahrgenommen.

Bevor die nächste Baustelle an der Reihe ist, will B. eine Mittagspause einlegen. Mit knurrendem Magen steuert er ein Gasthaus etwas ausserhalb von Laufenburg an. Doch der Magen muss sich noch gedulden.

Auf dem Parkplatz entdeckt B. einen Lieferwagen mit einem spanischen Kennzeichen. «Der sieht verdächtig nach Handwerker aus», meint B. Eine kurze Rückfrage beim Amt für Migration bestätigt: In den nächsten Tagen ist kein Handwerker aus Spanien gemeldet. «Das heisst natürlich noch lange nicht, dass er auch wirklich arbeitet. Aber ich werde die Augen offen halten.» Erst jetzt kann der Schreck aller Lohn-Dumper sein verdientes Mittagessen geniessen.

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