«Diese Anschuldigung tut weh»

Autofahrer steht wegen fahrlässiger Tierquälerei vor dem Bezirksgericht Brugg, weil er eine Kollision mit einem Reh zu spät gemeldet hat.

Michael Hunziker
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Passiert ist es in Sekundenbruchteilen: Luca (Name geändert) hat die beiden Rehe bemerkt auf der linken Strassenseite und eine Vollbremsung eingeleitet. Trotzdem hat er eines der Tiere berührt mit seinem Auto. Wie stark, ist vor dem Bezirksgericht in Brugg ein Thema gewesen. Vorgeworfen wurden dem 53-Jährigen Verletzung des Tierschutzgesetzes durch fahrlässige Tierquälerei sowie Nichtgenügen der Meldepflicht bei entstandenem Sachschaden.

Der Beschuldigte – schwarzer Anzug, weisses Hemd – erschien mit seiner Partnerin zur Verhandlung. Mit ihr war er auch unterwegs im Februar dieses Jahres, als sich der Vorfall ereignet hatte im Ausserortsbereich auf der Kantonsstrasse Richtung Scherz. Die beiden waren an jenem Samstagabend nach einem Ausflug auf dem Heimweg zu ihrem Wohnort in einem Nachbarkanton.

Gegen Strafbefehl erhob der Beschuldigte Einsprache

Laut Anklageschrift hat es der Beschuldigte «pflichtwidrig und unvorsichtig» unterlassen, sich schnellstmöglich mit der Polizei in Verbindung zu setzen, habe die Kollision mit dem Reh erst vier Stunden später gemeldet. In Kauf genommen habe er Schmerzen und Qualen des verletzten Tiers, das durch den Jagdaufseher nicht mehr habe aufgefunden werden können. Die Staatsanwaltschaft be­antragte eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 170 Franken sowie eine Busse von 1000 Franken.

Gegen den Strafbefehl, der ihm Anfang Mai ins Haus flatterte, hat Luca Einsprache er­hoben. In der Befragung durch Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven sprach er von einer leichten Berührung. Er habe sein Auto zum Stillstand gebracht, sei ausgestiegen und habe im Licht der Scheinwerfer nach dem Tier gesucht. Es sei weder etwas zu sehen noch zu hören gewesen, Blutspuren keine vorhanden. An seinem Auto sei bis auf einen kleinen Riss an der Stossstange sowie auf ein paar Haare nichts zu entdecken gewesen.

Der Verteidiger fordert einen Freispruch

Seine Partnerin sei sehr erschrocken und aufgewühlt gewesen, ihr sei es nicht gut gegangen, hielt Luca fest. Er fuhr mit ihr nach Hause. Vom Vorfall erzählt habe er dort bei einem Telefongespräch einem Kollegen. Dieser riet ihm, die Polizei zu verständigen. Was Luca tat, wie er ausführte. Er wurde weiterverwiesen an den Polizeiposten im Aargau. Tags darauf fuhr er nach Brugg und machte seine Aussage. Die Anschuldigung wegen fahrlässiger Tierquälerei tue weh, hob er hervor. Er sei der Letzte, der einem Tier etwas antun würde.

Für den Verteidiger war klar: Es war kein Tier zu Schaden gekommen. Denn wäre es tatsächlich zu einer Kollision gekommen, so der Verteidiger, wären gravierendere Schäden zu verzeichnen gewesen. Durch die «höchstens» leichte Streifung habe das Reh maximal eine Prellung erlitten. Kurz: Es musste kein Tier leiden oder qualvoll sterben, zeigte sich der Verteidiger überzeugt. Die Anklage der Staatsanwaltschaft entspreche nicht den Tatsachen, die Vorwürfe seien unverständlich. Sein Klient sei von Schuld und Strafe freizusprechen, könne nicht verurteilt werden aufgrund von Mutmassungen. Vielmehr habe er alles richtig machen wollen, sei mit Augenmass vorgegangen.

Erfolgreiche Nachsuche war nicht möglich

Eine sofortige Meldung sei eminent wichtig bei einem Unfall mit einem Wildtier, betonte indes der anwesende Präsident der zuständigen Jagdgesellschaft. Denn nur so bestehe eine gute Chance auf eine erfolgreiche Nachsuche. Dies sei in diesem Fall leider nicht möglich gewesen. Das Bestreben der Jagdgesellschaft sei, dass kein Tier leiden müsse. «Uns geht es um das Tierwohl.» Die von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafe erachtete der Präsident als richtig.

Vom Vorwurf der fahrlässigen Tierquälerei wurde der Beschuldigte freigesprochen, schuldig machte er sich aber – kam das Gericht in seinem Urteil zum Schluss – wegen Verletzung der Meldepflicht. Das Gericht ging davon aus, dass ein Aufprall stattgefunden hat, nicht nur ein leichtes Touchieren. Weil der Beschuldigte das Tier angefahren habe, hätte er unverzüglich die Polizei benachrichtigen müssen.

Nicht zweifelsfrei bewiesen sei dagegen, was mit dem verletzten Reh passiert sei, ob – und allenfalls wie lange – es gelitten habe. Deshalb erfolge in diesem Punkt ein Freispruch. Neben einer Busse von 400 Franken muss der Beschuldigte einen Drittel der Kosten des Strafbefehlsverfahrens zahlen. Die restlichen Kosten gehen zu Lasten der Staatskasse.