Der Gemeindepräsident ist da, der Waffenplatzchef ist da, sogar ein Vertreter der Luzerner Kantonsregierung. Sie stehen auf der Wiese neben dem Bahnhof Wangen an der Aare, unter einer Allee aus Platanen. Roger Keller, 49, Holderbank, steht auf der Ladefläche eines «Puch» und spricht in ein Mikrofon: «Es het Spass gmacht mit eu. Macheds guet und hebed de Flab Sorg.» Vor ihm steht die Flab K Gr 1 – die Fliegerabwehr-Kampfgruppe 1. Mehrere hundert Mann, in Tarnanzügen, mit Sturmgewehr in den Händen und Helm auf dem Kopf. Soeben ist die Übung «STABANTE» zu Ende gegangen – «das grösste Training, das ich in meinen 30 Dienstjahren erlebt habe», sagt Keller. 5000 Angehörige waren involviert, neun Tage «Ernstfall im Raum La Chaux-de-Fonds». Für den Oberst im Generalstab ist dieser Tag ein spezieller: Keller gibt die Standarte und damit das Kommando zurück, nach über drei Jahren als Chef der Einheit. Er tut dies gerne – denn er weiss, an wen er es übergibt: Roger Frei, 45, Ehrendingen. Von Aargauer zu Aargauer. Oder: «Von einem begeisterten Fläbler zu einem anderen begeisterten Fläbler.»

Altersbedingtes Handicap

In der Schweizer Armee gibt es zwei Fliegerabwehr-Kampfgruppen. Eine schützt die Luftwaffe, die andere das Heer am Boden. Was wenige wissen: Die Einheit ist einzigartig. Die Fliegerabwehr-Kampfgruppe 1 ist inzwischen der einzige Verband, der keine Brigade ist, sondern ein Regiment – und trotzdem eigene Abteilungen führen darf. «Das ist nötig, damit wir flexibel sind», erklärt Roger Keller. Die Abteilungen sind unterteilt nach Waffensystem: Mobile Fliegerabwehr, Stinger, Rapier. Die einen funktionieren bei jedem Wetter, die anderen nur auf Sicht. Die einen bekämpfen Waffen oder Flugzeuge des Gegners in der Nähe, die anderen in der Weite. Drei Systeme, die «nur im Mix stark sind», wie Keller erklärt. Doch sie haben inzwischen ein altersbedingtes Handicap. Das zeigen die
Jahre, in denen sie eingeführt wurden: 60er, 80er, 90er. «Ein Ersatz ist dringend nötig», sagt Keller. Und bereits geplant. Im neuen Rüstungsbudget BODLUV 2020 ist der Kauf eines neuen Systems enthalten. Es wird weiter und höher schiessen als die jetzigen Waffen. Die zwei Aargauer Offiziere sind froh darüber: Die Aufgabe der Fliegerabwehr sei komplex – wenn wie beim abgelehnten «Gripen» eine Lücke entstehe, müsse man aufpassen, das Know-how langfristig nicht zu verlieren.

Zivil Banker und Berater

In der Fliegerabwehr-Kampfgruppe 1 soll dies nicht passieren. Der eine Aargauer hat den anderen Aargauer gut eingeführt: Frei, der per Anfang Juli das Kommando übernimmt, war zwei Jahre lang Kellers Stellvertreter. Beide leisten Dienst als Milizoffiziere, arbeiten also im Zivilen Vollzeit auf ihrem Beruf. Roger Frei ist als selbstständiger Unternehmensberater tätig, Roger Keller bei der NAB als Regionenleiter Aarau und damit in der erweiterten Geschäftsleitung der Bank. «Die Doppelbelastung ist anspruchsvoll», gibt Keller zu. «Aber mit der heutigen Technik machbar.» Er habe jeweils sowohl Militärisches am Arbeitsplatz als auch Arbeit im Dienst erledigen können. «Das bedingt natürlich die Unterstützung von beiden Seiten. Aber ohne Milizsystem wäre die Schweizer Armee nicht denkbar.»

Roger Frei sagt: «Dass ich das Kommando jetzt übernehmen darf, ist eine Freude. Wäre es eine Bürde, würde ich es nicht machen.» Die Standarte ist übergeben, die Truppe marschiert von der Wiese. Und wird schon bald wieder den Schweizer Luftraum schützen, unter dem Kommando eines Aargauers.