Wer nach den Wurzeln des längsten und mächtigsten europäischen Adelsgeschlechts und der ersten europäischen Weltmacht – der Habsburger – sucht, landet im Aargau. Hier existieren markante Spuren aus den Anfängen dieser Herrschaft.

Deren ehemalige Präsenz markieren vor allem die um 1020/30 erbaute Habsburg, die dem Geschlecht den Namen gab, und das Kloster Muri, wo die Herzen des letzten habsburgisch-österreichischen Kaiserpaars ruhen, sowie Königsfelden, das an eine Tragödie im Hause Habsburg, an die Ermordung König Albrechts 1308, erinnert.

Albrechts Vater Graf Rudolf IV., der als erster Habsburger aus dem Aargau 1273 zum König des Römisch-deutschen Reichs erkoren wurde, legte den Grundstein für eine Dynastie, die zeitweise ein weltumspannendes Imperium beherrschte.

Während 650 Jahren, bis zum Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, 1918, herrschten Dutzende habsburgische Kaiser und Könige. Ihre Macht erstreckte sich von Europa bis Asien, Afrika und Amerika. Zu Recht stellte König Karl V. um 1550 fest: «In meinem Reich geht die Sonne nie unter.»

Wie funktionierte dieser Machtapparat?

Anhaltspunkte liefert der neue Band «Habsburger Herrschaft vor Ort, weltweit, 1300–1600». Das Buch rezipiert die Vorträge, die im Rahmen des Habsburger Gedenkjahrs 2008 an einer wissenschaftlichen Tagung auf Schloss Lenzburg gehalten wurden. Jeannette Rauschert, stellvertretende Staatsarchivarin des Kantons Aargau, sowie die Professoren und Mittelalterspezialisten Simon Teuscher, Universität Zürich, und Thomas Zotz, Universität Freiburg i.Br., gaben das Werk heraus.

15 Autorinnen und Autoren beleuchten, wie Praktiken und Organisationsformen im Habsburgerreich transferiert und vor Ort vereinheitlicht wurden – oder ob umgekehrt vom Lokalen her neue Perspektiven in das Machtgefüge einflossen. Fanden zum Beispiel Herrschaftstechniken wie die Aktenführung und die Verschriftlichung von Rechten, die in Dörfern im Aargau entwickelt wurden, auch Eingang in habsburgische Siedlungen im mexikanischen Yukatan?

Einig sind sich die Fachleute, dass es Kulturtransfers auf übergeordneter Ebene, etwa zwischen den habsburgischen Höfen, gab. Nicht eindeutig ist, ob solche Bewegungen aus den Herrschaftszentren auch die untersten Ebenen in den Aussenposten erreichten – wichtiger scheint die Abschöpfung lokalen Reichtums gewesen zu sein.

Überdies ist die räumliche Fixierung der Zentren eines solchen Reichs schwierig. Die Schwerpunkte der Herrschaft und des Aufenthalts der Herrscher veränderten sich immer wieder. Regiert wurde sozusagen «aus dem Sattel»: Der Herrscher und sein Hof wanderten durch die Territorien.

Aber die Vorstellung, dass die Präsenz vor Ort den Machthabern einzig dazu gedient hätte, ihre Ansprüche durchzusetzen, greift zu kurz: Oft beklagten sich gerade die Untergebenen über die Abwesenheit der Herrscher – weil sie sich dadurch um die Gelegenheit betrogen fühlten, ihre Klagen und Bitten an höchster Stelle vorzubringen.

Es ging nicht ohne Akteure und Institutionen, welche die Herrschaft vor Ort vertraten, angefangen bei den Vizekönigen über die Landvögte, die Amtsleute bis hinunter zu den dörflichen Untervögten und Weibeln.

Der Beitrag von Simon Teuscher zeigt am Beispiel des Aargaus, wie am untern Ende der langen Delegationsketten Bewohner der Kleinstädte und Dörfer, ohne ein Amt innezuhaben, von Fall zu Fall herrschaftliche Aufgaben gegen Bezahlung ausführten. Es gab jedoch auch «ungetreue Diener», «böse Vögte», die sich zwar auf ihre Herrschaft und deren Rechte stützten, aber ihr Handeln stark auf eigene Aspirationen ausrichteten.

Habsburgerherrschaft vor Ort konnte vielfältige Formen annehmen. Das exotischste Beispiel beleuchtet der Beitrag von Felix Hinz über die indianische Stadt Tlaxcala im zentralmexikanischen Hochland. Sie zog die Schirmherrschaft der spanischen Expeditionstruppe unter Hernán Cortés der Unterwerfung unter die Azteken vor und gab sich fortan demonstrativ kaisertreu. Dafür genoss sie fürstliche Privilegien aus Europa. Diplomatisches Geschick gehörte eben auch zur habsburgischen Regierungserfahrung.