Fischbach

Die Geschichte von Bettwil nahm schon in Fischbach kein gutes Ende

Der Kanton Aargau will in der 560-Seelen-Gemeinde Bettwil eine Asylunterkunft für 140 Asylbewerber bereitstellen. Die Bevölkerung wehrt sich. Eine ähnliche Geschichte passierte in Luzern schon einmal - mit vorerst ungutem Ausgang für die Bevölkerung.

Im Luzernischen Fischbach, gleich an der Grenze zu Bern, begann vor 2 Monaten einen Geschichte, die an den Fall Bettwil erinnert - heute nahm sie ein (vorübergehendes) Ende.

Die Idee war, im 700-Seelen-Dorf Fischbach eine Asylunterkunft für 55 Asylsuchende zu errichten. Dazu sollte das alte Bürgerheim Mettmenegg umgebaut werden. Dieses sollte das Ende März 2012 schliessende Asylzentrum in Malters ersetzen. Um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten, sollte das Asylzentrum in Fischbach bereits ab Januar 2012 bereit stehen. Das Zentrum sollte rund um die Uhr von Mitarbeitern der Caritas betreut werden. Soweit der Plan.

Doch die Gemeinde opponierte. Einen Tag vor der Medienorientierung, als die Bevölkerung via Flugblätter informiert wurde, machte sich bereits Unmut breit. Gemeindepräsidentin Martha Stöckli kamen Klagen zu Ohren, wonach die Fischbacher um die Idylle der Gemeinde fürchteten. Sie betonte - wohl um die Gunst der aufgebrachten Bevölkerung bemüht - dass der Gemeinderat in dieser Sache von Anfang an sehr kritisch eingestellt gewesen sei.

Auch die Luzernische Kommunikation ist Mangelware

Zu diesem Zeitpunkt war der Vertrag zwischen dem Kanton und der Familie Ottiger, der Eigentümerin des ehemaligen Bürgerheims, zur Nutzung des desselben noch gar nicht unterschrieben, wie Asylkoordinator Raymond Caduff später der «Neuen Luzerner Zeitung» (NLZ) bestätigte. Hugo Steinmann von der CVP Fischbach beispielsweise kritisierte die Kommunikationsstrategie des Kantons: «Man verheimlicht alles, was möglich ist, und schafft dann Fakten.»

Auf die erste Ernüchterung folgten verschiedene Lösungsvorschläge. So forderte Fischbachs Sozialvorsteher, dass, wenn es wirklich zu einer Asylunterkunft komme, man finanzielle Entschädigung vom Kanton fordern wolle. Andere votierten dafür, dass «die (Asylsuchenden) bei denen dort in Bern wohnen sollen.» Wieder andere schlugen vor, dass Calmy-Rey ja nun Zeit habe und sie deshalb doch den einen oder anderen Asylbewerber bei sich aufnehmen könnte.

«Wir sind nicht fremdenfeindlich»

Die Diskussion rückte die Gemeinde in ein zweifelhaftes Licht. Auch Gesundheits- und Sozialvorsteher Markus Maurer forderte vom Kanton einen höheren Finanzausgleich als Gegenleistung.

Ebenso konnte eine Informationsveranstaltung am 14. September die Wogen nicht glätten. 250 aufgebrachte Bürger waren gekommen. Der Luzerner Regierungsrat, Gesundheits- und Sozialvorsteher Guido Graf hatte einen schweren Stand.

Allmählich kippte die Stimmung ins Rassistische: Die Familie Ottiger bekam mehrere Drohbriefe. Der Besitzer eines Einkaufsladens im Nachbordorf Zell brachte hervor, dass man die Asylsuchenden nach Willisau zum Einkaufen schicken sollte, da ja von Diebstählen auszugehen sei. Bei CVP-Politikern tauchte die Idee auf, man solle die Asylsuchenden in Containern unterbringen, die man in die Nähe der Strafanstalt Wauwilermoss platzieren könnte - in Anspielung auf die kriminelle Energie, die von solchen Leuten ausgehe.

Befürworter melden sich zu Wort

Im Gegensatz zur momentanen Diskussion um das geplante Asylzentrum in Bettwil meldeten sich im Fall Fischbach auch die Befürworter eines solchen Zentrums lautstark zu Wort.

So schrieb die Sozialarbeiterin Judit Aregger in der «Neuen Luzerner Zeitung»: «Man könnte den Eindruck gewinnen, dass das Dorf nicht mehr sicher ist, sobald diese Asylsuchenden da sind, dass im Speziellen die Kinder an Leib und Leben gefährdet sind. Offenbar geht man davon aus, dass alle diese Personen kriminell sind. Falls die Fischbacher Kinder noch nie einer Person mit schwarzer Hautfarbe begegnet sind, wäre es wohl höchste Zeit, ihnen zu erklären, dass es verschiedenartige Menschen auf der Welt gibt, dass wir aber alle derselben Gattung angehören. Es wäre eine Möglichkeit, mit ihnen über Kriege, Unterdrückung, Wohlstand und Armut zu diskutieren.»

Ruth Heimo-Diem, FDP-Einwohnerrätin von Emmen, bemängelte, dass es unter den Luzerner Gemeinde nicht weit sei mit der Solidarität. So nehme die Gemeinde Emmen seit Jahren Asylsuchende auf - momentan 120. Wegen der Schliessung des Zentrum in Malters solle das Emmener Kontingent gar noch um 30 erhöht werden. Sie könne daher das Verhalten von Fischbach nicht nachvollziehen.

Bereits 14 andere Gemeinden lehnten ab

Die Fischbacher hingegen wehrten sich und argumentierten, dass sie keinesfalls Fremdenhasser seien. Schon jetzt seien 10 Prozent der Dorfbevölkerung ohne Schweizer Pass. Alle bisher gestellten Einbürgerungsversuche seien bewilligt worden. Zudem hätten gemäss Regierungsrat Guido Graf schon 14 andere Gemeinden im Kanton ein Asylzentrum abgelehnt.

Schliesslich wurde auch die Meinung laut, dass in dem Gebäude weit mehr als 55 Personen untergebracht werden können. Doch allein diese 55 seien in Relation so viel, wie wenn die Stadt Luzern deren 6000 aufnehmen müsste.

Fischbacher machen Ernst

Schliesslich machten die Fischbacher Ernst und reichten am 22. September beim Gemeinderat eine Petition ein, wonach dieser sich gegen das Asylzentrum zu wehren habe. Interessant dabei: Von der 700-Seelen Gemeinde Fischbach unterzeichneten die Petition - laut NLZ - 601 Personen.

Mittlerweile wurden die Lösungsvorschläge immer verzweifelter, sodass bereits das seit einem Jahr leer stehende Willisauer Gefängnis als Unterkunft gehandelt wurde. Immer klarer wurde aber: Der Zeitplan wird nicht eingehalten werden können. Weder anfangs 2012, noch Ende März wird ein Asylzentrum bereit stehen. Die geplanten Umbauten dauern mit dem Bewilligungsverfahren noch mindestens sechs Monate, wie Erwin Roos, Sekretär des Gesundheits- und Sozialdepartementes, gegenüber der «Neuen Luzerner Zeitung» bestätigte - momentan läuft noch das Bewilligungsverfahren. Zudem will sich die Gemeinde gegen die geplante Umzonung wehren.

Alles beim Alten

Der Kanton Luzern sucht nun immer noch nach zwei bis drei Asylunterkünften, um die ihm monatlich zugewiesenen 60 bis 80 Asylbewerber unterbringen zu können.

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