Fall Wohlen

Die Chronologie eines Polizeieinsatzes

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Die Spezialeinheit Argus, die einen mit einem Rüstmesser bewaffneten Serben lebensbedrohlich angeschossen hat, beschäftigt weiter. Der Fall im Detail.

Der Polizeieinsatz von Wohlen, bei dem am 25.Mai 2009 ein Mitglied der Sondereinheit Argus einen suizidalen, mit einem Rüstmesser bewaffneten 30-jährigen Serben angeschossen hatte, beschäftigt die Aargauer Justiz weiter. Dies, nachdem die Justizbehörden diese Woche einen Antrag auf eine ausserkantonale Untersuchung abgelehnt haben. Offen ist, ob der Rechtsanwalt des heute 31-jährigen Serben den Entscheid vor Bundesgericht zieht.

Während für die Polizei die Schüsse aufgrund eines klaren Falls von Notwehr fielen, ist für den Geschädigtenvertreter nicht nur der Schusswaffeneinsatz unzulässig gewesen, sondern der Einsatz der Sondereinheit an sich. Es stellt sich die Frage: Was hat sich an jenem Maiabend im Wohnblock zugetragen? Ein Blick in die Untersuchungsakten und die Gutachten zeigt die Chronologie des umstrittenen Polizeieinsatzes.

19.30 Uhr: Der 30-jährige Serbe Z. kommt alkoholisiert heim zu seiner Frau und der dreijährigen Tochter. Es kommt zu einem lautstarken Streit, wobei der Serbe einen Aschenbecher zerschlägt und sich selber an den Haaren reisst. Klar ist: Der Ehemann rastete bereits früher aus, nachdem er getrunken hatte. Dann nimmt er ein Küchenmesser aus einer Schublade und sagt seiner Frau, sie sehe ihn nun zum letzten Mal. Die 31-jährige Ehefrau verlässt zusammen mit dem Kind die Wohnung und geht zu einer Nachbarin, wo sie erklärt, dass ihr Mann besoffen sei und sich umbringen wolle. Der Polizei sagt die Frau später, sie sei nicht «konkret» bedroht worden, sie habe aber «Angst» gehabt. Der Serbe beteuert: «Ich könnte ihr nie etwas antun.»

19.55 Uhr: Der 30-Jährige ruft einen Freund an und bittet ihn, sofort zu ihm zu kommen. Bei der Polizei geht derweil ein Anruf ein, worin die Nachbarin schildert, die Serbin habe Angst vor ihrem Mann. Dieser sei betrunken nach Hause gekommen und habe ein grosses Messer. Die Regionalpolizei rückt aus.

Vor 20.30 Uhr: Ein Regionalpolizist steht im Treppenhaus vor der verschlossenen Türe, die Frau des Betrunkenen wartet hinter ihm. Die 31-Jährige fordert ihren Mann erfolglos auf, die Türe zu öffnen. Der Polizist gibt sich zu erkennen, worauf der aufgeregte Mann schreit, die Polizei solle abziehen.

Plötzlich öffnet Z. die Türe, in der Hand hält er ein Fleischmesser. Der Serbe zeigt – gemäss den späteren Aussagen des Polizisten – einen «verzerrten, bösartigen Gesichtsausdruck» und geht in kleinen Schritten auf ihn zu. Der Polizist zieht die Waffe, wobei der Serbe auf die Forderung, das Messer wegzulegen, sagt: «Schiess doch!» Dann legt sich der 30-Jährige das Messer an die eigene Brust und schlägt die Türe zu.

20.28 Uhr: Der Polizist fordert nun über Funk Verstärkung an. Die eintreffenden Polizisten bewachen die Türe, der Zustand des Betrunkenen sei dabei «weinerlich» bis «aggressiv». In der Wohnung trinkt Z. Raki aus der Flasche. Die Polizisten vor Ort verlangen, die Sondereinheit Argus aufzubieten.

20.50 Uhr: Der Freund des Serben trifft vor dem Wohnblock ein. Die beiden Freunde diskutieren miteinander. Der Freund steht auf der Strasse, Z. auf dem Balkon. Etwa gleichzeitig trifft der alarmierte Pikettoffizier der Kantonspolizei am Schauplatz ein. Er ordnet an: Zwei bereits eingetroffene Argus-Angehörige sollen die Wohnungstüre bewachen.

21.12 Uhr: Per Telefon erteilt Kripo-Chef Urs Winzenried die Bewilligung für einen Argus-Einsatz im Falle eines «akuten Zustandes» einer erheblichen Selbst- oder allenfalls Drittgefährdung. Die Verantwortlichen setzen eine Frist in der Hoffnung, dass es dem Freund gelingt, den Mann doch noch zu beruhigen.

21. 22 Uhr: Eine Ambulanz wird vor das Wohnhaus beordert. Mittlerweile hat der Betrunkene verschiedene Messer – darunter das Fleischmesser – vom Balkon geworfen. Der Serbe blutet an einer Hand. Zweimal stürzt der aufgeregte Mann beinahe über das Balkongeländer.

Der Freund ist bereit, in die Wohnung zu gehen, um mit Z., dessen Wutausbrüche gemäss Polizeiprotokoll immer heftiger werden, zu reden – wenn auch mit einem «unguten Gefühl». Die Polizei erlaubt es nicht. Schliesslich gibt der Einsatzleiter – nach den gemachten Feststellungen – das «OK» für den Zugriff der Argus, die hierfür bereits eine «Vergleichswohnung» inspiziert hat.

21.48 Uhr: Mit einem Rammbock schlagen sechs Elitepolizisten die Türe ein und stürmen die Wohnung. Z. gibt in einer Einvernahme an, er sei mit dem Messer in der Hand auf dem Sofa eingeschlafen und durch den Knall aufgewacht. Gemäss Polizei kommt er vom Balkon herein – in der Hand das Rüstmesser, gemäss Rekonstruktion in einer «dynamischen Bewegung». Ein Polizist schiesst Z. zweimal in den Bauch, der Serbe soll sich dabei höchstens eineinhalb Meter entfernt befinden. Ein anderer Polizist benützt gleichzeitig den Elektrotaser. Z. bricht getroffen zusammen, bis zum Eintreffen der Sanität wird er von den Polizisten betreut.

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