Armut
Die Armut kommt selten allein

Armut im Aargau, 3. Folge: Tiefes Einkommen und wenig Bildung sind ein Gesundheitsrisiko. Karin Seiler, Sozialhilfebezügerin und Mutter, bewirtschaftet zwei Aren Garten. Eine gute Sache. Doch die Arthrose macht die Arbeit für die Mutter oft mühsam.

Sabine Kuster
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Das Kornblumenbeet hat Karin Seiler (Name geändert) für das Jugendfest angelegt. «Die Kornblumen sind zu teuer, wenn man sie kaufen muss», sagt sie. Zehn Minuten von ihrer Wohnung entfernt hat die 43-jährige Mutter zwei Aren Garten gepachtet. In dreissig Beeten wächst so ziemlich jedes einheimische Gemüse. Winzige, hellgrüne Blätter spriessen schon aus der Erde: Salat. Sogar Erbsen, Kefen und Knoblauch wird Karin Seiler ernten. Dazu kommen Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren.

Ja, der Garten rentiere, sagt sie. 140 Franken zahlt sie jährlich für die Miete, rund 100 Franken für Samen. «Manche sagen, wenn ich das Gemüse in Deutschland kaufen würde, käme es billiger, als es selbst anzubauen. Aber soll ich etwa nach Deutschland fliegen? Ich habe kein Auto.»

«Armut macht krank»

Armut kommt selten allein. Eine Studie der Caritas hat ergeben, dass ein niederes Einkommen neben sozialer Ausgrenzung auch oft Krankheit zur Folge hat. Diesen Teufelskreis hat die Caritas im Buch «Armut macht krank» beschrieben: Je geringer die Bildung und der Berufsstatus, desto geringer das Einkommen – und desto anfälliger wiederum ist man für Krankheiten. Diese verursachen neue Kosten. Grund für Erkrankungen kann körperlich sehr anstrengende Arbeit sein, zu wenig Bewusstsein oder Geld für ein gesundes Leben oder psychische Belastung wegen Geldsorgen und Überforderung. Oft kommen mehrere Faktoren zusammen. Auch in Karin Seilers Leben ist die Abhängigkeit vom Sozialamt nur ein Teil einer Summe von Schwierigkeiten.

Sie kämpft gegen E-Nummern

Dass gesunde Ernährung wichtig ist, ist ihr bewusst. Sie achtet beim Einkaufen darauf, dass die Nahrungsmittel keine Konservierungsstoffe, so genannte E-Nummern, enthalten. Dies, weil sie überzeugt ist, dass die künstlichen Stoffe ihrer mittleren Tochter Kim (8), die am Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) leidet, schadet. Deswegen buk Seiler zu Ostern Hasen aus Zopfteig, Schokolade gab es keine. Teigwaren stellt sie selbst her, denn die vielen Zusatzstoffe in Teigwaren aus Weizen will sie vermeiden. Auf Würste verzichtet sie, stattdessen gibt es weniger, dafür frisches Fleisch. Kim gehe es mit dieser Diät besser, sie schlafe besser, sagt Seiler.

Sie schwärmt für ihr Gemüse, angebaut ohne Pestizide. Der Garten hilft ihr auch gegen schlechte Stimmung: «Beim Jäten lasse ich meine Wut raus», sagt sie und zeigt auf das Unkraut, das gejätet werden will. Dadurch blieben die Kinder von ihren Aggressionen verschont.

Arthrose in den Gelenken

Doch was gut ist für die Ernährung der Familie, ist weniger gut für Karin Seilers Hände. Wenn sie eine Stunde lang im Garten gearbeitet hat, schmerzen ihre Hände. Karin Seiler hat Arthrose. Angefangen hatte es vor vier Jahren beim Zeichnen, inzwischen schmerzen auf längeren Spaziergängen mit der Familie am Wochenende auch ihre Knie. Die Salbe gegen die Arthrose helfe nur wenig, sagt sie. Ohnehin meinte der Arzt: «Damit müssen Sie leben.» Und so beisst sie beim Mineralwassertragen auf die Zähne.

Die Krankheit ist im Anfangsstadium, noch ist auf dem Röntgenbild nichts zu sehen. Die 43-Jährige sagt: «Wie ist es, wenn ich 60 bin? Es graust mir vor dem Altwerden.» Sie habe gedacht, wenn die Kinder älter würden, könnte sie wieder arbeiten gehen, aber wegen der Arthrose glaubt sie jetzt nicht mehr daran.

Keine Berufsausbildung

Eigentlich hätte sie Köchin lernen wollen, aber nach der Realschule und einem Haushaltlehrjahr arbeitete sie bloss ein paar Jahre im Service. Die angefangene Kochlehre brach sie ab: «Mein Chef war nicht der Sauberste, er lief in der Küche mit der Zigarette herum», sagt sie. «Da ich nicht sofort wieder eine Lehrstelle fand, arbeitete ich einfach so im Küchenbereich und Service weiter.» Später war sie Haushälterin, arbeitete in der Pflege, dann wieder im Gastgewerbe. Bis das zweite Kind kam. «Ich plane nicht mehr», sagt sie und zuckt mit den Schultern, «es kommt im Leben eh immer alles anders als vorgesehen.»

Aber der Rhabarber auf dem letzten Beet, der wächst wie geplant, das sieht Karin Seiler. Sie freut sich auf den Cake, den sie mit den Stängeln machen wird, und die Konfitüre.

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