Analyse
Die Aargauer im Fernsehen - eine Freakshow

Der Aargau ist bedeutender Industriestandort und beliebter Wohnkanton mit reichhaltigem kulturellen Angebot. Doch in vielen TV-Sendungen werden seine Bewohner - ganz dem Klischee enstprechend – als hinterwäldlerische Dorftrottel dargestellt.

Oliver Baumann
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 Der Aargauer Unternehmer Erich in der Dokumentation «Herzklopfen» des Schweizer Fernsehens.
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Aargauer im Fernsehen
 Bauer Reto, Protagonist von «Bauer, ledig, sucht…» auf dem TV-Sender 3+.

Der Aargauer Unternehmer Erich in der Dokumentation «Herzklopfen» des Schweizer Fernsehens.

Schweizer Fernsehen

Über 600'000 Personen leben im Kanton Aargau. Weitere 140'000 werden Schätzungen zufolge in den nächsten 25 Jahren zuziehen. Der Kanton ist als Wohnort und Unternehmensstandort gleicherweise attraktiv. Bedeutende Industriegesellschaften wie ABB, Alstom oder Franke haben hier ihren Sitz.

Und Zahlreiche renommierte Museen, Theater und Veranstaltungslokale zeugen von einem reichen kulturellen Leben in der Region.

Massive Image-Probleme

Dennoch hat der Kanton mit massiven Imageproblemen zu kämpfen: Der Aargau wird nach wie vor als «Durchfahrtskanton» wahrgenommen. Und seine Bewohner werden als provinziell belächelt, sie gelten als schlechte Autofahrer («Achtung Gefahr»), die zu allem Übel auch noch weisse Socken tragen.

«Dumm», «engstirnig», «hinterwäldlerisch» - dass sich diese Klischees über die Bewohner des Aargau so lange halten können, ist nicht zuletzt auch den (ausserkantonalen) Medien zu verdanken. Wann immer Aargauer ins mediale Rampenlicht gestellt werden, so scheinen sie den gängigen Stereotypen zu entsprechen.

Ein 51-Jähriger, der bei der Mutter wohnt

Jüngstes Beispiel ist Erich. Der Aargauer Unternehmer sucht als Protagonist der dreiteiligen Doku-Serie «Herzklopfen» des Schweizer Fernsehens eine Partnerin fürs Leben. Er dürfte aber nur sehr schwer vermittelbar sein. Der im Grunde genommen nicht unsympathisch wirkende 51-jährige war bisher «noch nicht gross» verliebt. Kein Wunder. Er wohnt noch bei seiner Mutter, im Kinderzimmer eines bieder bis grässlich eingerichteten Hauses.

Auch der ebenso spröde wie gestrige Gemüsebauer Reto aus Dottikon («Eine Frau muss Pfupf haben, aber die Hosen habe ich an»), der diesem Sommer in der 3+-Doku-Soap «Bauer, ledig, sucht» porträtiert wurde oder die drei Aargauer Kollegen Cyril, Tobias und David aus der TV-Serie «Jung, wild & sexy» benahmen sich so, als gelte es sämtliche Vorurteile, die man von den Aargauern nur haben kann, zu bestätigen.

Kult durch Dummheit

Cyril glänzte durch flache Sprüche («Ran an die Möpse»!), mit denen er - immerhin! - einen gewissen Kultstatus erlangte. Und sein Kumpel Tobias, unglücklich verliebt in Davids Schwester «Pringles», eine reichlich schräge Landpomeranze, zelebrierte den eifersüchtigen und latent aggressiven Dorftrottel.

Bemitleidenswert, wie sich dieses tragische Trio gegenseitig die Haare zu poppigen Igelifrisuren stylte und sich in mehreren Folgen des TV-Formats zur Belustigung der Restschweiz an einer drögen Schaumparty - ja, so etwas gibt es offenbar noch - abkämpfen musste.

Vergebliche Bemühungen der Image-Korrektur

Zwar bemühen sich politische Vertreter des Kantons, Tourismus-Fachleute und Gewerbetreibende seit Jahren das Bild des Kantons zu korrigieren und die Klischees als «gleich abgegriffen, wie die Polstersitze der ältesten Zürcher Trams» (so der Aargauische Gewerbeverband in seinem Publikationsorgan) zu entlarven. Doch bei den Programmverantwortlichen der TV-Stationen scheint diese Botschaft noch nicht angekommen zu sein.

Der Aargauer, wie man ihn sich vorstellt, macht offenbar mehr Quote, als der Aargauer, wie er ist.