Mückenplage

Der «quälende Taugenichts» schlüpft: So gross wird die Mückenplage im Aargau

Schmerzhaft, aber nicht gefährlich: Ein Stich der Überschwemmungsmücke.

Schmerzhaft, aber nicht gefährlich: Ein Stich der Überschwemmungsmücke.

Nach dem wochenlangen Regen ist es endlich warm geworden: Das freut die Überschwemmungsmücke. Sie brütet dort, wo Wasser liegenblieb und schlüpft bald millionenfach. Zwei Experten erklären, warum auch der Aaragu eine Mückenplage zu erwarten hat – und warum diese nicht massiv ausfallen wird.

«Ich sitze gerade im Auto. Da kommt eine Mücke nach der anderen!», sagt Peter Lüthy in sein Mobiletelefon.

An diesem Mittwoch, dem vielleicht ersten Sommertag im Jahr 2016, ist der Mikrobiologe im Tessin in der Magadinoebene unterwegs. Der Grund: aedes vexans, die Überschwemmungsmücke, aus dem Lateinischen übersetzt: «der quälende Taugenichts».

Lüthy, 78, war Professor an der ETH. Er ist seit Jahren emeritiert, doch bis heute im Auftrag des Bundes unterwegs, um das Land vor einer Mückenplage zu bewahren.

Granulat aus dem Helikopter

Jetzt, nach den Regenwochen mit Hochwasser, ist es die Überschwemmungsmücke, die grossflächig auftritt. Sie überträgt zwar keine Krankheiten, ihre Stiche aber sind schmerzhaft.

Im Tessin hat Lüthy dieser Tage bis zu 1000 Larven pro Liter Wasser gezählt. Nach mehrtägiger Kontrolle zu Fuss wird er am Donnerstag in den Helikopter steigen, ausgerüstet mit einem biologischen Granulat, das auf die Brutstätten abgeworfen wird.

Fällt das Granulat ins Wasser, löst sich das Bekämpfungsmittel auf, wird von der Larve gefressen. Erst dort aktiviert es sich, wie ein Zeitzünder, und tötet die Larve. «Das Mittel wirkt so sehr spezifisch, alle anderen Wasserinsekten wird nicht tangiert», erklärt Lüthy.

Der Einsatz muss jeweils von Bern aus genehmigt werden, und zwar dreifach: von den Bundesämtern für Gesundheit, Umwelt und Zivilluftfahrt.

Lüthy sagt, der Einsatz sei immer eine Gratwanderung: Wie fest darf man in die Natur eingreifen, nur damit der Mensch weniger genervt ist?

Nach Überschwemmungen wie in den letzten Wochen ist seine Arbeit aber kaum bestritten. «Es schlüpfen Millionen. Wenn wir jetzt nichts unternehmen, haben wir in ein paar Wochen massive Probleme.»

Dosen sind die beste Brutstätte

Auch im Aargau – hier allerdings nicht massiv: Dank des Wasserschlosses sei das Gebiet «gut entwässert», potenzielle Brutstätten versickern rasch.

Johannes Jenny, Geschäftsführer Pro Natura Aargau, ist auch Biologe mit Doktortitel. Zwar ist der Badener FDP-Grossrat nicht wie Lüthy spezialisiert auf Insekten, dafür kennt er die Natur im Aargau umso besser.

Jenny bestätigt: «Wir müssen in nächster Zeit durchaus mit mehr Mücken rechnen.» Im Aargau seien jedoch weniger die Überflutungen das Problem, sondern der starke Regen, der im Wiesland zahlreiche «isolierte temporäre Gewässer» – oder wie der Laie sagt: «Seeli» – gebildet hat.

In ihnen ist das Klima für die Entwicklung der Mückenlarven günstig. Gerade jetzt, wo es ein paar Tage wärmer ist. Noch lieber haben die Mücken aber liegengelassne Getränke- und Konservendosen, nicht geleerte Blumentopfuntersetzer oder draussen gelagerte Altpneus.

Sie sind als Lebensraum für die Larven idealer als grössere Wasseransammlungen in der Natur oder Gartenteiche. Denn: Dort erhalten die Mücken tödliche Konkurrenz etwa von Libellenlarven. Zwischen 50 und 100 Mücken schlüpfen laut Jenny in einer Dose «problemlos».

Tigermücke erst im August

Gefahr für den Mensch droht einzig von der eingeschleppten Tigermücke, die auch Krankheiten übertragen kann.

Sie schlüpft jedoch erst im August. Zuverlässige Prognosen zu machen, sei schwierig, sagt Jenny. «Wo die Auen richtig funktionieren, hat sie genügend Feinde. Und im Aargau ist das in der Regel der Fall.»

2007 konnte man die Tigermücke hier nachweisen, seither gab es aber nie eine Explosion. Jenny: «Die Angst ist oft grösser als die wirkliche Gefahr, etwa wie damals bei der Vogelgrippe.»

Zudem: Eine Tigermücke ist nicht per se mit einem Virus infiziert, so wie auch längst nicht jeder Zeckenbiss krank macht.

Fazit: Auch im Aargau werden in diesem Sommer mehr Mücken fliegen als gewohnt. Sie können einem lästig werden, aber kaum gefährlich.

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Autor

Mario Fuchs

Mario Fuchs

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