Grosser Rat

Im seltenen Exil: Die Grossratssitzung in Spreitenbach ist nicht die erste in der Region Baden

Seit der Kantonsgründung 1803 tritt das Aargauer Parlament in Aarau zusammen – mit wenigen Ausnahmen und nicht von Anfang an am selben Ort.

Wenn der Grosse Rat heute in Spreitenbach tagt, ist das eine Premiere. Seit der Kantonsgründung durch die Mediation Napoleon Bonapartes 1803 tritt das Parlament in der Hauptstadt Aarau zusammen. Zwar gibt es immer wieder Feierlichkeiten, zu denen der Grosse Rat – oft auch zusammen mit dem «Kleinen Rat», der Regierung – in andere Kantonsteile ausfliegt. Aber Aarau ist zu normalen Zeiten doch der unbestrittene Mittelpunkt der politischen Macht im Aargau.

Einige Abstecher in den Ostaargau gab es aber schon, so etwa vor 95 Jahren: Als im Sommer 1925 in Baden die grosse Aargauische Industrie- und Gewerbeausstellung stattfand, hielt der Grosse Rat hier am 13. Juli in der Festhalle auf den Verenaäckern eine Sondersitzung ab. Die Ausstellung ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Damals war sie aber ein Ereignis, das die halbe Schweiz nach Baden lockte und wie eine Art Landi gefeiert wurde – mit riesigen, farbig bemalten Holzhallen, Restaurants, Festspielbühne und Aussichtsturm.

Die Industriestadt erlebte nach dem Ersten Weltkrieg einen nie gesehenen wirtschaftlichen Boom. Das Fest war für das Parlament Grund genug, eine Sitzung in Baden abzuhalten. Ein weiteres Gastspiel im Ostaargau hatte der Grosse Rat, als der Ratssaal in Aarau 1961/62 renoviert wurde. Als provisorisches Parlament diente in jenen Jahren der noble Badener Kursaal, in dem heute das Grand Jeu des Grand Casinos eingerichtet ist. 

Das Aarauer Rathaus als Grossratsgebäude

Ein Blick zurück lohnt sich auch auf die Anfangszeiten des von Napoleon zusammengefügten Kantons. Damals tagten der Grosse wie der Kleine Rat nämlich im Aarauer Rathaus. Der junge Aargau musste improvisieren, es gab im Kanton weder Regierungs-, noch Parlaments-, noch Verwaltungsgebäude. Vor der konstituierenden Sitzung des Grossen Rats mit 150 Abgeordneten im April 1803 zog die Aarauer Stadtverwaltung kurzerhand aus dem Rathaus ins Haus zum Schlossgarten um, ein Jahr später dann in die Zunftstube an der Pelzgasse.

Das Rathaus war in der Folge über Jahre Aargauer Regierungs- und Parlamentssitz zugleich. Es war klar, dass das nur eine Übergangslösung sein konnte. Aber die Planung eines Regierungssitzes und eines Parlamentsgebäudes zog sich über ein Vierteljahrhundert dahin.

Als Standort wählte man den Gasthof zum Löwen an der Oberen Vorstadt in Aarau, der 1807 in den Besitz des Kantons überging. Der ehemalige Gasthof wurde mit zwei neuen Flügelbauten versehen und bildet seit 1819 das Regierungsgebäude. Erst 1824 entschied man, für den Grossen Rat ein separates Gebäude zu bauen.

Das republikanische Frankreich als Vorbild

Als Grundstück diente die Anhöhe hinter dem Regierungsgebäude, wo einst der Ziergarten des «Löwen» lag. Als Architekt für den Neubau (1826–1828) fungierte Franz Heinrich Hemmann aus Brugg, der ursprünglich Steinmetz war und noch während der Bauzeit zum Kantonsbaumeister ernannt wurde. Er vertrat einen strengen Klassizismus und wählte für das Parlament eine halbrunde Gebäudeform, wie sie nur im republikanischen Frankreich üblich war.

Bis heute ist der Aargau der einzige Kanton, dessen Parlament in einem so eleganten Halbrund tagt. Seit 1945 steht das Grossratsgebäude als Kulturgut nationaler Bedeutung unter Denkmalschutz. Es wurde immer wieder renoviert, zuletzt 2016, als das Dach undicht war. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren im Grossratsgebäude auch Kantonsbibliothek und Staatsarchiv untergebracht. Beide Institutionen haben in nächster Nähe eine neue Bleibe gefunden.

Der einst farbig ausgemalte und später purifizierte Ratssaal würde nach wie vor 200 Sitzplätze fassen, obwohl der Grosse Rat seit 2005 nur noch 140 Mitglieder zählt. In Zeiten von Corona ist er dennoch zu klein. Die Umweltarena Spreitenbach spielt in einer anderen Liga: Sie bietet in Seminarbestuhlung Platz für 1000 Menschen.

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