Alte Rebstöcke
Der Aargau entdeckt drei alte Rebsorten

Rund 60 Rebsorten umfasst das Aargauer Verzeichnis, 200 gibt es in der ganzen Schweiz. Eine Interessengemeinschaft zur Erhaltung der genetischen Ressourcen sucht alte Rebstöcke und vermeintlich ausgestorbene Sorten.

Hans Lüthi
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Mit Trauben, Blättern und Fachliteratur versucht Experte Andreas Jung im Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg die Sorte zu erkennen. ZFW

Mit Trauben, Blättern und Fachliteratur versucht Experte Andreas Jung im Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg die Sorte zu erkennen. ZFW

Im Aargau war der Aufruf an die 800 Winzerinnen und Winzer von Erfolg gekrönt: «Von 72 Meldungen wurden 22 weitverbreitete Direktträger ausgeschieden», zieht Peter Rey, Leiter der Fachstelle für Weinbau, eine erste Bilanz.

«Aber 50 Sorten sind an einem Bestimmungstag im Kurslokal auf der Liebegg ausgebreitet und von zwei Experten seziert worden», betont Rey zur ganztägigen Aktion. Begutachtet wurden Blätter und Trauben, die Peter Rey, seine Frau und Winzermeister Emil Hartmann aus Schinznach Dorf in aufwendiger Aktion eingesammelt hatten. Im Kühlkeller blieb das Material bei nur drei Grad gut erhalten.

Bestätigung durch DNA-Analyse

Mit einem Tisch voller Fachliteratur und natürlich dem Zugang zum Internet haben der Deutsche Andreas Jung und Felix Indermaur aus Berneck SG vor allem drei spannende Entdeckungen gemacht. Aus Zeiningen stammt ein sehr schöner, virusfreier Stock der Sorte Peloursin oder zu Deutsch Blauer Muner.

«Diesen Namen habe ich selber noch nie gehört», fügt Rebbaukommissär Peter Rey bei. Weiter kam ein Gamay-Abkömmling zum Vorschein und ein Blauburgunderklon, bei dem die Fachleute vermuten, es handle sich um die erste Generation Pinot noir. Im Laufe des Winters wird das Holz der Rebstöcke einer DNA-Analyse unterzogen, um Sicherheit über die genaue Herkunft zu erhalten.

Pflanzung im St.Galler Rheintal

Zum Erhalt der Unikate und Raritäten werden von den Originalstöcken Stecklinge genommen und diese im Versuchsgarten von Frümsen im St.Galler Rheintal angepflanzt. «Mein Amtskollege, Rebbaukommissär Markus Hardegger vom Kanton St.Gallen, betreut in diesem Garten die Sorten aus den Deutschschweizer Weinbau-Kantonen», ergänzt Rey.

Das braucht viel Geld: Denn je drei Stöcke müssen über eine Anzahl Jahre beobachtet werden. Erst mit genügend und reifen Trauben lässt sich die Frage klären, ob die Rebsorten Potenzial für künftige Weine besitzen. Genau darum geht es bei der ganzen Aktion, um den Erhalt von Genmaterial, welches für die künftige Ernährung und Vielfalt wichtig sein könnte.

Die umfangreiche Untersuchung förderte auch viele ältere europäische Traubensorten ans Licht, die teilweise schon im Sortenverzeichnis des Kantons enthalten sind: Elbling, Räuschling, Roter Gutedel, die Kreuzung alter europäischer Reben, aber auch Madeleine Royale, die den Weinbauern das Problem mit dem Riesling×Sylvaner eingebrockt hat.

Wiederholung im Jahr 2012

Wegen Zeitmangel der Rebstock-Experten fand die Bestimmung heuer erst im Oktober statt, etwas spät beim Vegetationsvorsprung von zwei bis drei Wochen in diesem Jahr. «Nächstes Jahr wiederholen wir den Aufruf bei den 800 Produzenten, zusammen mit einem Grossversand. Denkbar ist Mitte August, wenn wir die Traubenpässe verschicken», kündigt Peter Rey an. Dann können die Muster Ende August bis Anfang September zur optimalen Vegetationszeit eingesammelt werden.

Der Aufwand ist und bleibt beachtlich: Von jedem der unbekannten alten Rebstöcke wird ein Dossier erstellt, mit einem schriftlichen Bericht über Zustand, Lage und Ort der entdeckten Sorte. Auch zehn Blätter, Trauben und vier bis sechs Fotos gehören zur Dokumentation.

Sammlung mit 400 Rebsorten

Bereits 1996 hat sich die Schweiz an der Konferenz der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft verpflichtet, die genetische Vielfalt von Kulturpflanzen zu erhalten. Deshalb unterstützt das Bundesamt für Landwirtschaft mit dem Nationalen Aktionsplans (NAP) auch die Sammlung alter Rebsorten. Die seit 2003 im Staatswingert Frümsen aufgebaute Primär- und Duplikatsammlung wächst ständig, der Sortenschaugarten zählt nun 139 Sorten zu je drei Stöcken. Insgesamt könnten die Besucher 400 Rebsorten bewundern, unbekannte aus der Deutschschweiz, ebenso Wildreben und Kuriositäten aus ganz Europa. In der Muscat-Sammlung gibt es Stöcke der Muscat blanc à petit grains; sie ist eine der ältesten Rebsorten der Welt.