Kölliken
Deponie ist auch gegen heftige Explosionen geschützt

Der neue Rückbau in der Sondermülldeponie läuft mit rund 200 Tonnen pro Tag. In Sachen Sicherheit hat die Deponie aufgerüstet: Die Mauern zur Deponie hin wurden explosionssicher verstärkt.

Hans Lüthi
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Blick durch das Panzerglas in die Deponie

Blick durch das Panzerglas in die Deponie

Chris Iseli

Aussen prägen die gigantischen Gitter-Hallen das Landschaftsbild, doch im Innern der Megafabrik Sondermülldeponie Kölliken ist vieles neu und erst jetzt richtig fertig gebaut worden. Denn in der ersten Etappe war hier noch Deponie, wo jetzt die Manipulationshalle steht. Von den 600000 Tonnen der Deponie mussten zuerst 150000 Tonnen entfernt und entsorgt werden, um den nötigen Platz zu schaffen.

Der neue Innenausbau der Halle hat sich in der Vorphase von März bis Mai bereits bewährt, der Abbau nach dem neuen Sicherheitskonzept ist wesentlich aufwändiger. «Seit Anfang Juni läuft die Versuchsphase, wir kommen auf eine Tagesleistung von 200 bis 250 Tonnen», sagt der neue Geschäftsführer Benjamin U. Müller. Viereinhalb Jahre wirkte er als Gesamtprojektleiter und hat jetzt von der operativen in die leitende Führung gewechselt.

Panzerglas und dicke Wände

Brände führten zum Unterbruch und zum neuen Sicherheitskonzept mit gravierenden Folgen: Die Gesamtkosten schnellten von 445 auf voraussichtlich 772 Millionen Franken, die zeitliche Verzögerung geht in die Jahre. An vorderster Front zur Deponie befindet sich eine Art Kommandoraum und separat davon eine Kanzel für die Probenehmer. Seit der Explosion in der Sondermülldeponie Bonfol letztes Jahr schliesst man auch in Kölliken einen heftigen Knall nicht mehr aus.

Zwar ist die Wahrscheinlichkeit höchst gering, aber nach dem Motto «Sicher ist sicher» sind die Mauern zur Deponie hin explosionssicher verstärkt worden. Mit dickem Panzerglas sind die Fenster bestückt, damit nicht ein Mitarbeiter durch herumfliegende Materialien verletzt werden kann. Panzerglas und ein eigenes Luftsystem schützen auch die Fahrer in den Kabinen von Baggern und Trax, die auf der Deponie die Giftfracht abbauen.

Wärmebildkameras gegen Brände

Bevor ein Feuer ausbricht, kommt es in aller Regel zu einer Erhitzung: Zahlreiche Wärmebildkameras registrieren laufend jede Veränderung, «ein Mitarbeiter überwacht die Kameras tagsüber laufend und muss Fehlalarme vermeiden», erklärt Müller. Denn ohne Unterdrückung wird automatisch die Feuerwehr bei einer gewissen Hitze alarmiert.

Allein der Auspuff eines Baggers kann rasch einmal 80 oder 90 Grad heiss werden. Kommt die Erwärmung in der Nacht, geht die Meldung zum Pager des Piketts und direkt an die Feuerwehr. Diese übt regelmässig, um im Ernstfall das sich verändernde Deponiegelände zu kennen – auch bei Rauch und in der Nacht.

Proben schwierig zu entnehmen

Für die Entnahme von Proben dürfen auch die Männer in modernsten Spezialanzügen nicht mehr in den kontaminierten Schwarzbereich. Mit speziellen Greifarmen wird das vom Bagger in Behältern bereitgestellte Aushubmaterial via eine Fernsteuerung erfasst und von den Probenehmern in Plastikkessel abgefüllt. Diese gelangen via eine Schleuse in den Weissbereich und werden im separat aufgebauten Labor genaustens analysiert. Im Lagerbereich der Manipulationshalle wird vergleichbares Rückbaugut in grossen Boxen gelagert, dann je nach Giftigkeit auf den Entsorgungsweg geschickt. Beim Wechsel vom Schwarz- in den sauberen Weissbereich werden die Container in Schleusen von oben her aufgefüllt und dann verschlossen, bevor sie in die grosse Lagerhalle kommen.

Rückbau dauert bis Ende 2016

Optisch sieht die Deponie durch die dicken Fenster nicht speziell gefährlich aus, eher wie ein grosser Erdhaufen, da und dort durchsetzt mit Stoffen, Plastik oder Fassresten. «Ginge man ungeschützt hinein, wäre vor allem der Gestank fürchterlich», antwortet der Geschäftsführer auf eine entsprechende Frage. Darum herrscht in der Deponie Unterdruck, die Luft wird in bis zu zwei Meter dicken Rohren in einer mehrstöckigen Anlage mit Aktivkohle-Filtern gereinigt.

Erst im Herbst beginnt übrigens die richtige Rückbauphase mit voller Leistung wieder. «Wir rechnen mit durchschnittlich 400 Tonnen im Tag, dank der jetzt viel besseren Infrastruktur müsste das möglich sein», versichert Benjamin P. Müller. Die Rechnung dazu: Wenn alles plangemäss verläuft, ist die ehemalige Grube bis Mitte des Jahres 2016 leer.

80 Prozent via Bahntransport

Wohin aber geht der Sondermüll aus Kölliken? Stark belastetes Schüttgut ohne Fässer und Gebinde kommt zu einer Bodenbehandlungsanlage der Entsorgungsfirma Eberhard in Oberglatt, die zur Rückbau-Arge Phönix gehört. Durch eine trockene Fraktionierung werden hier Stör- und Wertstoffe (z.B. Stahl, Batterien) herausgenommen. Das unbelastete Material aus der Abdeckung wird offen transportiert und bleibt in der Schweiz. Geeignete Verbrennungsanlagen für Sondermüll gibt es nur in Deutschland und Holland, weil diese Entsorgung zwingend in OECD-Staaten erfolgen muss.

Fünf Züge mit je 20 bis 22 Containern haben Kölliken über den neuen Bahnanschluss schon verlassen, «mindestens 80 Prozent werden auf dem Schienenweg abtransportiert», sagt Müller. Bis Ende 2017 werden die Riesenhallen verschwinden, dann folgt die Nachsorge – bevor die neue Kölliker Zeitrechnung beginnt.

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