Denkmalschutz
Denkmalpfleger: «Die Denkmalpflege verhindert keine Solaranlagen»

Förderprogramme für Solarstromanalgen laufen heiss. Die Denkmalpflege bewilligt jedoch zu restriktiv, heisst es bei Aargauer Solarbefürwortern. Denkmalpfleger Reto Nussbaumer nimmt Stellung zu den Vorwürfen.

Hans Lüthi
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Reto Nussbaumer wehrt sich gegen Solarstrom-Kritiker. Rolf Jenni

Reto Nussbaumer wehrt sich gegen Solarstrom-Kritiker. Rolf Jenni

Der Ausstieg ruft nach einer solaren Anbauschlacht, gibt es dafür auch Platz auf den 1200 Bauten, die unter Denkmalschutz stehen?

Reto Nussbaumer: Ich habe einen gesetzlichen Auftrag. Das Kulturgesetz sieht vor, dass die historischen Gebäude in ihrer Authentizität und in ihrer Substanz erhalten werden müssen. Dabei handelt es sich aber um weniger als ein halbes Prozent aller Bauten im Aargau.

Was sagen Sie zum Argument, der Atom-Ausstieg seit jetzt wichtiger?

Da muss man das Augenmass behalten. Sollen wirklich die wenigen historischen Gebäude in ihrer Erscheinung beeinträchtig werden? Denken Sie an das Kloster Muri oder an eine Pfarrkirche – hier liegt der kulturelle und historische Wert klar im Vordergrund.

Wo soll man sie sonst erstellen?

Es gibt den übrigen Bestand an Haus- und Hallendächern, da kann man diese Anlagen bauen. Auch ein Dorfbild hat einen hohen Wert an Identität, das ist Heimat. Das ist ein wichtiger Aspekt, und dafür bin ich, unter anderem, auch zuständig.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, der Aargau verhindere Solaranlagen, statt sie zu fördern?

Das nehme ich anders wahr. Sowohl meine Kollegen vom BVU wie auch die Denkmalpflege haben schon einer Vielzahl von Anlagen zugestimmt.

Die Kritiker sagen, Sie würden gemäss Merkblatt «Solaranlagen» solche weit über denkmalgeschützte Objekte hinaus verbieten.

Das besagte Merkblatt ist seit Frühling in Überarbeitung, es wurde einmal als Arbeitshilfe unter anderem für Gemeinden gemacht. Es bekam eine etwas andere Wirkung, die offenbar als extrem empfunden wurde. Dabei geht es um die historischen Kerne von Orten, die man möglichst authentisch belassen will. Das betrifft tatsächlich mehr Bauten, aber es wird in keiner Weise alles verunmöglicht.

Sie bestärken die Gemeinden sicher darin, ihre schönen Ortsbilder zu schützen?

Das machen wir, das historische Ortsbild einer Gemeinde ist auch ein Standortfaktor. Wenn nur die Pfarrkirche geschützt ist, sonst nichts mehr, dann geht das historische Dorfbild, das Heimat vermittelt, verloren. Bei Beratungen weisen wir darauf hin. Aber die Denkmalpflege verhindert nichts.

Auch keine Bauten des Solaraarchitekten Reto Miloni?

Nein, das ist ein Missverständnis von seiner Seite. Herr Miloni macht selber wunderbar eingepasste Anlagen. Es gibt aber auch die Solaranlagen, welche im Baumarkt zu kaufen sind – solche Systeme können schon eine Beeinträchtigung eines Ortsbildes darstellen.

Es erscheint reichlich bürokratisch, Anlagen für Warmwasser zu bewilligen und solche für Strom zu verbieten? Der Hausbesitzer will nicht beim Nachbarn bauen.

Das stimmt so nicht – schon immer wurden beide Anlagetypen bewilligt. Es ist immer eine Frage der Einpassung. Im neuen Merkblatt wird dies aber anders formuliert.

Warum kann man Solaranlagen ausserhalb aller Schutzzonen nicht ohne Bewilligungen bauen?

Da ist man dran, das ist ja jetzt mit dem vereinfachten Verfahren schon fast so. Die Verfahren für grosse Anlagen regeln das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) und die Gemeinde, die zuständig ist. Wo keine Schutzzonen und geschützten Objekte betroffen sind, unterstütze ich möglichst einfache Verfahren.

Dürfen die Bauern auf den grossen Scheunendächern Strom machen?

Wir haben fantastische historische Weiler, hier wäre ich zurückhaltend. Und es gibt sicher einige Scheunen, die für Solarpanels zu exponiert sind. Entscheidend ist doch die Frage, wie es in die Umgebung passt. Bei der Fahrt durch den Schwarzwald sieht man einen Wildwuchs, das empfinden viele Leute als schrecklich.

Was raten Sie Interessenten, die eine Solaranlage bauen wollen?

Ich bin ein grosser Freund von Verbundsystemen, da könnten Gemeinden eine Vorreiterrolle übernehmen. Fast jede der 220 Gemeinden hat Industrie- und Gewerbegebiete, da stehen riesige Dachflächen zur Verfügung. Eine professionell gewartete Grossanlage ist viel effizienter. Bewohnern einer Dorfkernzone könnte eine Gemeinde vergünstigte Anteile überlassen. Das ergibt weniger Eingriffe ins Dorf- und Landschaftsbild, das uns in der Schweiz ein hohes Gut sein muss.

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