Leben im Alter
«Den Rentnern ging es noch nie so gut»

Das liebe Geld kennt keine Altersgrenze und beschäftigt auch Senioren. Auf Schloss Lenzburg diskutierten Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, Parlamentarier und Experten über Finanzen im Alter.

Marco Wölfli
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Vor 260 Gästen wurde intensiv diskutiert. Von links: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, Nationalrat Thomas Müller, Nationalrätin Pascale Bruderer, Ständerat Maximilian Reimann und Moderator Anton Schaller. Emanuel Freudiger

Vor 260 Gästen wurde intensiv diskutiert. Von links: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, Nationalrat Thomas Müller, Nationalrätin Pascale Bruderer, Ständerat Maximilian Reimann und Moderator Anton Schaller. Emanuel Freudiger

Solothurner Zeitung

Die Frage, ob Schweizer Seniorinnen und Senioren arm oder reich sind, dominierte den Alterskongress auf Schloss Lenzburg. Sind die Schweizer Seniorinnen und Senioren alle reich? Oder sind sie alle arm? Selbstverständlich können diese Fragen nicht mit einem absoluten Ja oder Nein beantwortet werden.

Wie in allen Altersgruppen gibt es auch bei den über 65-Jährigen Vermögende und solche mit einem eher schmalen Budget. Fakt ist jedoch, dass die Armutsquote in dieser Altersgruppe am tiefsten ist.

Hans Werner Widrig ist als Präsident des schweizerischen Verbandes für Seniorenfragen (SVS) am Puls der über 65-Jährigen. «Die jüngste Wirtschaftskrise hat viele unserer Mitglieder verunsichert. Sie wissen nicht, wie sich das auf ihre finanzielle Situation auswirkt», sagt Widrig.

Aus diesen Gründen entschied sich der SVS, den diesjährigen Kongress unter dem Motto «Finanzen im Alter» zu veranstalten. Widrig täuschte sich nicht. Über 260 Personen gesetzten Alters erklommen am Donnerstag den Schlosshügel.

Auch wenn der SVS immer wieder die Altersarmut anprangert, der Grossteil des Publikums im grossen Rittersaal schien davon nicht betroffen. Das sahen wahrscheinlich auch die Grossbank und die Versicherung so, die den Kongress sponserten und an Ständen um finanzkräftige Kunden buhlten.

Nach dem Grusswort von Regierungsrat Roland Brogli gehörte das Rednerpult BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Für die Finanzministerin gehört die zukünftige Finanzierung der Altersvorsorge zu den wichtigsten Herausforderungen, denen sich die Schweiz stellen muss.

Von der Gegenwart zeichnete sie allerdings ein durchwegs positives Bild: «Den Rentnern in der Schweiz ging es wohl noch nie so gut wie heute.» Dafür sei die funktionierende Altersvorsorge verantwortlich. Sie lobte die breite Abstützung von AHV und Pensionskasse. «Versicherte und Arbeitgeber finanzieren den Grossteil der Sozialversicherungen. Die staatlichen Zuschüsse betragen in der Schweiz nur 24 Prozent, in Dänemark sind es 62 Prozent», belegte die Bundesrätin ihre Aussage mit Zahlen.

Für die Zukunft sieht Widmer-Schlumpf die Altersvorsorge jedoch vor riesige Herausforderungen gestellt. Da bis 2030 der Anteil der über 65-Jährigen um 60 Prozent zunimmt, könnte die Solidarität ins Wanken geraten, sagte Widmer-Schlumpf.

Die Finanzministerin appellierte deshalb an der Politik: «Die AHV braucht Reformen und darf nicht zum Spielball von Profilierungen werden.» Die Angesprochenen konnten sich gleich selber äussern. Zu Widmer-Schlumpf auf die Bühne gesellten sich die Nationalräte Thomas Müller (SVP, St. Gallen), Pascale Bruderer (SP, Aargau) und der Aargauer Ständerat Maximilian Reimann (SVP).

Gleich zu Beginn waren sie sich einig, dass die 12. AHV-Revision nicht das gleiche Debakel wie ihr «Vorgänger» erleiden werde. «Ich glaube, dass der nächste Vorschlag über die Bühne gehen wird», sagte Reimann.

In der engagierten Diskussion thematisierten die Politiker auch die Wiedereinführung der Erbschaftssteuer, die von linken Parteien gefordert wird. Wie erwartet sprach sich Maximilian Reimann dagegen aus.

Überraschend dagegen das Votum von Pascale Bruderer. Sie distanzierte sich von der Idee ihrer Partei und sagte: «Eigentlich wäre eine Erbschaftssteuer Sache der Kantone. Wenn aber eine solche eingeführt würde, dürften keinesfalls der Mittelstand und die KMU belastet werden.»

Reimann setzt sich in seiner politischen Arbeit aktiv für Senioren ein. Daher bekämpft er jegliche Steuer oder Kürzung, welche die Rentner betrifft. So war er in seinem Element, als die Diskussion zum Thema Heiratsstrafe führte. Damit wird die 1,5-fache AHV-Rente bezeichnet, die ein Ehepaar erhält, auch wenn beide ein Leben lang gearbeitet haben. «Die Heiratsstrafe muss abgeschafft werden», polterte Reimann, sekundiert von Thomas Müller.

Nur wenig später relativierten sich die Aussagen zum Thema Heiratsstrafe ein wenig. Dafür verantwortlich war der Auftritt von Yves Rossier. Der Westschweizer ist Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV).

«Die AHV-Heiratsstrafe existiert nicht», stellte er lapidar fest. Mit den Witwen- und Witwerrenten und dem Zuschlag auf der Rente für Verwitwete werde aus der Heiratssrafe ein Heiratsbonus. Eine Abschaffung der Heiratsstrafe mit gleichzeitiger Streichung der Witwenrenten würde für die AHV eine Einsparung von 800 Millionen bedeuten, erklärte Rossier. So weit, so schön die Statistik.

Dies mag in der Gesamtrechnung des BSV stimmen, doch im konkreten Fall sieht es anders aus. Wenn ein Ehepaar mit 65 eine 1,5-fache Rente erhält und noch 20 Jahre in trauter Zweisamkeit zusammenlebt, spürt es die Heiratsstrafe immer noch im Portemonnaie. Um die Strafe in einen «Bonus» umzuwandeln, muss also zuerst ein Ehepartner sterben.

Trotz der vielen Exponenten konnte nicht geklärt werden, ob es den Senioren wirklich so gut geht oder ob der Eindruck täuscht. Wahrscheinlich werden auch in Zukunft die Seniorenverbände auf die Einzelfälle am finanziellen Limit verweisen und die Gegenseite wird sich auf die nackten Zahlen in der Gesamtschau berufen.

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