Ein 21-Jähriger hatte gegen das Urteil des Bezirksgerichts Kulm Berufung eingelegt. Der Angeklagte war 2009 wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu 3,5 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Gestern wies das Aargauer Obergericht das Berufungsverfahren ab.

Im März 2008 war das spätere Opfer an einem Polterabend in Reinach unterwegs. Die Gruppe hatte während des Abends viel Alkohol konsumiert. Als sich gegen 5 Uhr morgens die Gruppe auflöste, geriet der angehende Ehemann in einen Konflikt mit dem Angeklagten. Dabei deckte der Beschuldigte sein Gegenüber mit provokanten Ausdrücken ein. Während dieses Streits hatte der Angeklagte bereits ein Taschenmesser in seiner Hosentasche geöffnet. Als sich dann das Opfer in die Diskussionen einmischte und den Maurer aufforderte, nach Hause zu gehen, stach dieser unvermittelt auf ihn ein. Das Messer traf den damals 28-Jährigen im linken Brustkorb.

Mehrere Stiche sichtbar

Er habe nur einmal zugestochen, und das auch nicht mit ganzer Kraft, sagte der Verteidiger über seinen Mandanten. Das T-Shirt des Opfers weise aber mehrere Stichbeschädigungen auf, argumentierte die Staatsanwaltschaft. Nach dem Zustechen malträtierte der Angeklagte sein Opfer zusätzlich mit mindestens einem Faustschlag an den Kopf, bis dieses definitiv zu Boden ging.

Als die anderen Personen der Polterabend-Gruppe sahen, dass ihr Kollege stark blutete, wandten sie sich gegen den Täter, worauf dieser das Weite suchte. Noch am gleichen Morgen brachte der Vater des Angeklagten seinen Sohn auf den Polizeiposten in Reinach. Dort gab der Beschuldigte zu, jemanden abgestochen zu haben.

Keine Tötungsabsicht vorhanden

Die Verteidigung machte vor dem Obergericht geltend, dass der Beschuldigte sein Opfer nicht hatte töten wollen. Sonst hätte er nicht nur einmal und mit viel mehr Kraft zugestochen. «Mein Mandant hatte kein Motiv, den Mann zu töten. Zudem war die Tatwaffe zu klein, um tödliche Wunden zuzufügen», argumentierte der Verteidiger. Er plädierte daher auf schwere Körperverletzung und forderte eine Strafe von 18 Monaten bedingt.

Das sah die Staatsanwältin ganz anders. Laut dem Befund des Kantonsspitals Aarau, in das das Opfer eingeliefert worden war, hätte Lebensgefahr bestanden. Denn das Opfer entwickelte nach der Tat Atemnot und wäre ohne ärztliche Hilfe verstorben. «Das vorinstanzliche Urteil von 3,5 Jahren empfinde ich als sehr mild und als äusserst knapp bemessen», sagte die Staatsanwältin.

Einsicht ist vorhanden

Der Angeklagte entschuldigte sich vor dem Obergericht mehrmals für seine Tat: «Ich stand unter Alkoholeinfluss, ich war jung und nicht der Einzige, der Streit suchte. Ich bereue meine Tat.» Er könne sich selber nicht erklären, wieso er das getan habe, fügte er weiter an.

Ob er sich denn beim Opfer einmal gemeldet habe, wollte das Obergericht wissen. Doch der Angeklagte meinte, er hätte keinen Mut, sich zu entschuldigen. Er habe weder angerufen noch seinem Opfer einen Brief geschrieben.

Schlussendlich wies das Obergericht das Berufungsverfahren mit der Begründung ab, der Beschuldigte hätte den Tod seines Gegenübers in Kauf genommen. Es sei reiner Zufall gewesen, dass der Mann nicht verstorben sei. Nur aufgrund des Überlebens des Opfers käme der Angeklagte mit einer Strafe von nur 3,5 Jahren davon. Möglich wären sonst 5 bis 20 Jahre, schloss das Obergericht.