In unserer Umfrage zum Selbstbild Aargau wollten wir wissen: «Welche bedeutende Persönlichkeit im Kanton Aargau halten Sie selber für den aktuell wichtigsten Aargauer bzw. die aktuell wichtigste Aargauerin?» Das Resultat ist eindeutig (vgl. Bild). Bundesrätin und Verkehrs- und Energieministerin Doris Leuthard schwang weit obenaus, gefolgt von Nationalrätin und Ständeratskandidatin Pascale Bruderer sowie der Ständerätin und erneut kandidierenden Christine Egerszegi.

Auf diese geballte Frauenpower folgt als erster Mann - und gleichzeitig als erster Nichtpolitiker - der Musiker DJ Bobo, dann Nationalrat und Ständeratskandidat Ueli Giezendanner, ex aequo mit Landammann Urs Hofmann. Nicht auf unserem Bild, aber zu je einem Prozent auch genannt wurden: der Komiker Peach Weber, die Regierungsräte Alex Hürzeler, Roland Brogli und Susanne Hochuli sowie der Musiker Seven.

Doris Leuthard und Pascale Bruderer schlossen bei allen Altersklassen ungefähr gleich gut ab, während Christine Egerszegi bei den über 55-Jährigen besonders gut ankommt. Und die drei Frauen punkten bei Leuten mit mittlerem und hohem Bildungsniveau überdurchschnittlich.

Leuthard in politischer Mitte top

Bei der politischen Selbstverortung der Befragten zeigt sich noch mehr Interessantes: Pascale Bruderer bekommt von Leuten, die sich selbst links, in der Mitte oder rechts sehen, etwa gleich hohe Werte. Derweil kommt Doris Leuthard in der politischen Mitte (29 Prozent, da holt sie praktisch alle) klar am besten an. Die Stimmen für Christine Egerszegi kamen vorab aus der politischen Mitte und von rechts.

Giezendanner abgeschlagen

Bei den weiteren Genannten fällt auf, dass Ulrich Giezendanner wie Alex Hürzeler im rechten Lager dreimal so viel Nennungen erhielten wie in den anderen beiden Lagern, und Urs Hofmann punktete fast genauso stark vorab im linken Lager. Bei den weiteren Genannten sind diese Unterschiede geringer.

«Breitestens verankert»

Der Politikberater und Autor Mark Balsiger, der die ersten 30 Jahre seines Lebens im Aargau verbracht hat und seit 2002 in Bern tätig ist, zeigt sich vom Ergebnis nicht überrascht. Die drei Frauen in Front «sind sehr populär und in der Aargauer Bevölkerung breitestens verankert». Mit Blick auf ihr Politisieren sagt Balsiger: «Konziliant und ‹gemittet› kommt man weiter.» Alle drei zeichneten sich aber durch eine gewisse Unabhängigkeit und Eigenständigkeit aus.

Am ausgeprägtesten sieht er dies bei Christine Egerszegi. Die hohen Werte von Egerszegi und Bruderer führt er nicht primär auf deren Nationalratspräsidium zurück. Vielmehr erhalte das Präsidium nur, wer in alle Richtungen zu agieren vermag und nicht bei einem politischen Lager vor verrammelten Türen steht.

Dass keine bekannten Namen aus der Wirtschaft (etwa Jasmin Staiblin/ABB, Hansueli Loosli/Coop oder Peter Voser/Shell) genannt werden, erstaunt Balsiger auch nicht. Im Zuge der Manager- und Abzockerdebatte sei das Image der Spitzenkräfte in der Wirtschaft «erheblich beschädigt».

Leuthard/Egerszegi: Schwergewicht

Die dreifache Frauenpower wurde in der Sicht des Kommunikationsberaters Louis Dreyer aus Baden ausgelöst durch die starke Frau im Bundesrat, Doris Leuthard. Zwischen Leuthard und Egerszegi sieht er mehrere Parallelen: beide seien politische Schwergewichte, beide hätten politischen Mut und diesen auch schon bewiesen, derweil Bruderer noch nicht getestet worden sei. Bruderers hohe Nennung führt er auch auf ihre Medienpräsenz zurück. Ganz klar seien aber «alle drei hervorragende Kommunikatorinnen».

Was empfiehlt er der Regierung? Dreyer führt deren schlechte Rangierung etwa auf ihre (mitunter umstrittenen) Geschäfte zurück. Sie leisten gute Arbeit, so Dreyer, gehen damit aber nicht hausieren. Deshalb sein Tipp: «Tue Gutes und rede darüber.»

«Schweiz hier noch in Ordnung»

In Kenntnis des Umfrageresultats nimmt Kommunikationsspezialist Klaus J. Stöhlker die grossen Buchstaben hervor: «Doris Leuthard strahlt wie die Sonne nicht nur über dem Aargau, sondern über der Schweiz.» Sie sei eine sehr starke Frau mit einem hohen Unterhaltungsfaktor. Stöhlker: «Sie fasziniert alle und ist ein Riesengewinn für die CVP.»

Auch Stöhlker fällt bei den Namensnennungen die Fokussierung auf die Politik auf. Die Aargauer Schriftsteller sind verschwunden, grosse Unterhalter spielen offenkundig derzeit keine Rolle. Auch ihm fehlen Wirtschaftsvertreter. Etwa Jasmin Staiblin oder Peter Wanner. Als «relativ schwach» stuft Stöhlker die Rangierung der Regierungsräte ein. Sie würden offenkundig als bodenständig gesehen, «fast wie Appenzeller, nur etwas moderner und chicker», urteilt Stöhlker. Woraus er schliesst: «Im Aargau ist die Schweiz noch in Ordnung.»

Mehr Ausstrahlung könnten Regierungsräte bekommen, wenn sie sich etwa wie die St. Galler Justizdirektorin Karin Keller-Sutter mit einem nationalen Thema klar positionieren. Oder als Präsident(in) einer Regierungskonferenz. Um nach vorn zu kommen, brauche es «Aufsteiger-Ehrgeiz». Den spürt er vorab bei Pascale Bruderer sowie bei den Regierungsräten Urs Hofmann und Roland Brogli. Und natürlich bei Doris Leuthard. Sie ist oben schon angekommen.