Sprayen

Das ist der nette Sprayer aus Muri

Der 19-jährige Mattia Innocenti verbrachte drei Tage seiner Sommerferien in dieser Unterführung in Muri.

Der 19-jährige Mattia Innocenti verbrachte drei Tage seiner Sommerferien in dieser Unterführung in Muri.

Halbwissenschaftliche Studien und lahme Selbstversuche ist man von Maturaarbeiten gewohnt. Der Viertklässler Mattia Innocenti beschreitet mit seinem Projekt Neuland.

Im idyllischen Muri besprüht ein Jugendlicher die Unterführung Grindelwaldstrasse. Er ist vermummt, trägt eine Atemschutzmaske und Kopfhörer, die dreimal so gross sind wie seine Ohren. Der 19-jährige Mattia Innocenti ist jedoch kein Krimineller, sondern arbeitet gerade an seiner Maturaarbeit. Das Ziel ist die legale Verzierung der grauen Betonunterführung.

Ausgebrütet hat der Viertklässler das Projekt in der Kanti Wohlen. Als Schüler mit dem Schwerpunktfach Bildnerisches Gestalten besitzt er das künstlerische Rüstzeug, um die 50 Quadratmeter grosse Wand zu bemalen. «Zudem unterstützte mich meine Lehrerin während der Realisierung des Projekts», erzählt Mattia Innocenti. Das hätte sie vielleicht auch getan, wenn er illegal gesprayt hätte, fügt er grinsend hinzu.

Drei volle Tage seiner Sommerferien opferte Innocenti für das Projekt. «Nicht selten hielten Autofahrer an, um das Gemälde zu betrachten oder mich dazu zu befragen», erklärt Innocenti stolz. Oft seien dadurch längere, hupende Autokolonnen entstanden. Als er das erzählt, huscht ihm ein kurzes Schmunzeln übers Gesicht. Er war allerdings auch mit der Kehrseite konfrontiert: «Vereinzelt hielten mich die Leute für einen Kriminellen und wollten mich zur Rede stellen», sagt er. Meist sei die Sache schnell geklärt gewesen und einige Passanten hätten ihn gar für seine Eigeninitiative gelobt.

Insgesamt dauerte der künstlerische Einsatz 26 Stunden und tilgte über 80 Sprühdosen. Kostenpunkt: 800 Franken. «Damit geht das Budget perfekt auf», freut sich Innocenti. Genau diese Summe konnte er von lokalen Sponsoren zusammenkratzen – notfalls hätten ihm seine Eltern eine Defizitgarantie gewährt.

Grössere Kopfschmerzen als die Finanzierung bereitete ihm die Absegnung der Gemeinde Muri. Geschlagene acht Monate und viel Durchhaltevermögen brauchte es, ehe Innocenti die Bewilligung in seinen Händen hielt. «Dabei schien der Antrag einige Male irgendwo untergegangen zu sein», kritisiert er. «Diese Wartefrist vermag einen angefressenen Sprayer aber nicht von seinem Vorhaben abzubringen.»

«Viele Leute schubladisieren uns Sprayer als Gesetzesbrecher», erklärt Innocenti missmutig. «Ich hoffe, dass mein Projekt und die aufklärenden Gespräche den Leuten die Augen öffnen konnten.» Wenn Mattia Innocenti nun die Strassenseite wechselt und auf sein Gemälde blickt, kann er ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken. Doch für den Moment hat er genug. «Die gegenüberliegende Wand fristet ihr Dasein zwar immer noch in hässlichem Grau, doch vom Sprayen habe ich erst einmal genug», meint er erschöpft. Nun bleibt noch der schriftliche Teil der Maturaarbeit zu erledigen. Dennoch wird Mattia Innocenti wohl der einzige Viertklässler im Lande sein, der seine Maturaarbeit fertig hat, noch bevor das Schuljahr im August begonnen hat.

*Tim Honegger war Teilnehmer des az-Mediencamps

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