Blutrache-Prozess
Das Gericht muss unter Polizeischutz tagen

Vor 13 Jahren wurde in Gipf-Oberfrick ein Kosovare mit 17 Schüssen in den Kopf umgebracht. Nun muss sich ein Landsmann wegen des Mordes vor Gericht verantworten.

Michael Spillmann
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Es war eine Hinrichtung auf offener Strasse: In den frühen Morgenstunden des 17.Juni 1997 erschossen in Gipf-Oberfrick zwei Kosovaren einen 32-jährigen Landsmann. Das Opfer – ein Gastarbeiter und dreifacher Familienvater – hatte noch versucht zu flüchten, schliesslich exekutierten die Männer den 32-Jährigen mit 17 Schüssen in den Kopf.

Die aufwändigen Ermittlungen ergaben: Der Kosovare war einer von sieben Toten einer blutigen Familienfehde. Die kosovarischen Clans waren sich in den 1980er-Jahren in ihrer Heimat wegen Kiesabbaurechten in die Haare geraten.

Spur führt vom Kosovo bis ins Fricktal

Die Blutspur, die Spur der Blutrache nach dem mündlich überlieferten Gewohnheitsrecht, dem «Kanun», zog sich durch Europa: Fünf Tote im Kosovo, ein Toter in Tschechien, ein Toter im Fricktal.

Ab heute muss sich einer der mutmasslichen Todesschützen von Gipf-Oberfrick vor den Richtern verantworten – mehr als 13 Jahre nach der Tat.

Staatsanwalt Beat Sommerhalder fordert 18 Jahre Zuchthaus. Das für die Beurteilung zuständige Bezirksgericht Laufenburg tagt im Kommando der Mobilen Einsatzpolizei in Schafisheim – hinter schusssicheren Scheiben, unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und unter Polizeischutz.

11 Jahre nach der Flucht gefasst

Der angeklagte Kosovare – der 32-jährige verheiratete Hilfsarbeiter S. – war nach dem Mordanschlag auf der Landstrasse in Gipf-Oberfrick geflüchtet. Der damals 19-jährige S. fuhr erst, so ist der Staatsanwalt überzeugt, von seinen Helfern chauffiert, per Auto nach Sissach, dann mit dem Zug nach Lausanne, von wo er sich zusammen mit dem zweiten mutmasslichen Todesschützen ins Ausland absetzte.

In späteren Ermittlungs- und Gerichtsverfahren wurde der junge Mann von seinen eigenen Verwandten, die sich teilweise selber wegen des Komplotts vor den Richtern wiedergefunden hatten, «umfassend» belastet. Der Polizei ins Netz ging der Flüchtige im Sommer 2008 in seiner Heimat – bei einer normalen Polizeikontrolle.

Von Juni bis September 2008 sass er in Albanien in Auslieferungshaft, dann wurde er in die Schweiz gebracht. Seither sass er hier in U-Haft und wartete auf seinen Gerichtstermin. Er gibt zwar zu, zur Tatzeit anwesend gewesen zu sein, bestreitet aber eine Tatbeteiligung.

An Beerdigung Rache geschworen

Auslöser für die Schreckenstat im Fricktal war ein Mord im Kosovo gewesen. Im Frühjahr 1997 kam dort das Familienoberhaupt von S. gewaltsam ums Leben.

Verwandte des Getöteten reisten für die Beerdigung aus Deutschland, Frankreich, Tschechien und der Schweiz an. Gemäss Staatsanwalt Beat Sommerhalder haben die männlichen Verwandten – darunter der 19-jährige S. – dort den Beschluss gefasst, dafür Rache zu nehmen – Blutrache, so wie es der «Kanun» vorschreibt. Der junge S. reiste Mitte Juni mit seinem Vater aus Deutschland, wo sie gewohnt hatten, in die Schweiz.

Das Opfer war «zweite Wahl»

Das Problem war: Das Opfer, das die mittlerweile zusammengetrommelten Familienmitglieder für ihre Rache ausgewählt hatten, fanden sie auch nach mehreren Erkundigungsfahrten nicht. Das in der Schweiz untergetauchte Oberhaupt des verfeindeten Clans blieb unauffindbar.

So fiel die Wahl auf einen Verwandten, den ein Spitzel bereits ausgespäht hatte: den in Gipf-Oberfrick wohnenden 32-jährigen Gastarbeiter. Am Abend vor der Tat seien schliesslich S. und der noch immer flüchtige Mittäter als «Ausführende» bestimmt worden.

Mehrere Mittäter 2001 verurteilt

Aufgrund der blutigen Chronologie der Fehde erstaunen die Sicherheitsvorkehrungen für den heute beginnenden Gerichtsprozess nicht. Bereits 2001 waren in Schafisheim unter Polizeischutz mehrere Familienmitglieder vor Gericht gestanden.

Als einer der «Drahtzieher» vor Gericht stand unter anderen der Vater von S. (und Onkel des flüchtigen zweiten mutmasslichen Todesschützen). Bei der Urteilsfindung habe sich, so der Gerichtspräsident damals, der Umstand als «Handicap» erwiesen, dass die beiden Haupttäter noch immer auf der Flucht seien und der Auftraggeber, ein Onkel von S., unterdessen selber erschossen worden war.