Gränichen
Das Bundesgericht warnt einen Mordverdächtigen

Im Oktober 2012 wurde in Gränichen ein Mann erschossen. Eine Telefonüberwachung sollte helfen, den Tötungsdelikt zu klären. Das Bundesgericht hat aber den Entscheid dazu veröffentlicht und den Verdächtigen gewarnt.

Urs Moser
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Spurensicherung am Tatort in Gränichen nach dem Mord.

Spurensicherung am Tatort in Gränichen nach dem Mord.

Adrian Hunziker

Im Oktober 2012 wurde in Gränichen ein Mann in einer Werkstatt erschossen. Der Fall ist immer noch nicht abgeschlossen. Ende Juni gab die Staatsanwaltschaft bekannt, dass einer der Beschuldigten, ein 48-jähriger Schweizer, aus der Untersuchungshaft entlassen wurde - es besteht keine Fluchtgefahr.

Was die Staatsanwaltschaft natürlich nicht sagte: Da nach wie vor dringender Tatverdacht besteht, sollte eine Telefonüberwachung helfen, die fehlenden Beweise gegen den auf freien Fuss Gesetzten zu liefern.

Daraus wird nichts. Das Bundesgericht hat den Aargauer Strafermittlungsbehörden einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Im Gegensatz zum Aargauer Zwangsmassnahmengericht, das die Telefonüberwachung nicht zulassen wollte, hat das Bundesgericht zwar für die Staatsanwaltschaft entschieden.

Es kam ihm aber nichts Gescheiteres in den Sinn, als den Beschwerdeentscheid im Streitfall Zwangsmassnahmengericht gegen Staatsanwaltschaft für jedermann einsichtbar auf seiner Homepage zu veröffentlichen.

Die Staatsanwaltschaft intervenierte zwar in Lausanne gegen die extensive Auslegung des Öffentlichkeitsprinzips. Gestern war die Ankündigung, dass nun das Handy, drei Anschlüsse in der Werkstatt und drei Telefone in der Wohnung des Hauptverdächtigen im Gränicher Mordfall abgehört werden, auch wieder vom Netz verschwunden.

In der Zwischenzeit hatte sich aber bereits Tele M1 in Lausanne erkundigt, ob eine höchstinstanzliche Warnung von Tatverdächtigen vor den Strafverfolgungsbehörden nicht etwas seltsam sei.

«Sieben Tage nach Versand an die Parteien werden alle Urteile veröffentlicht. Dies ist eine Pflicht aus Transparenzgründen», lautete die lapidare Antwort eines Sprechers des Bundesgerichts, den man nicht einmal namentlich nennen darf. Auf Bitte der Aargauer Staatsanwaltschaft habe man dieses Urteil entfernt und die Veröffentlichung «nach hinten verschoben».

Der Tatort der Schiesserei
3 Bilder
Schiesserei in Gränichen
Der Tatort der Schiesserei

Der Tatort der Schiesserei

Adrian Hunziker

«Nicht sehr glücklich»

Zu spät. Für die Staatsanwaltschaft ist eine Telefonüberwachung jetzt hinfällig geworden. Auch ohne dass die Medien die Sache publik gemacht hätten, wäre davon auszugehen gewesen, dass der Verdächtige den Bundesgerichtsentscheid mitbekommt, so Sprecherin Elisabeth Strebel.

Über das Vorgehen des Bundesgerichts sei man natürlich «nicht sehr glücklich», es sei «für die Untersuchung nicht förderlich», gibt man sich in Aarau diplomatisch.

Eine kleine Chance für die Ermittler bleibt: wenn sich der Verdächtige bereits vor gestern Donnerstag am Telefon verplappert und Hinweise zur Klärung des genauen Tathergangs geliefert haben sollte.

Die Überwachung startete nämlich gleich nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft am 25. Juni, allfälliges Belastungsmaterial wäre aber ohne den Entscheid des Bundesgerichts im Verfahren nicht verwertbar gewesen.

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