Covid-Zertifikat
Aargauerin Andrea kauft gefälschtes Impfzertifikat auf Telegram – jetzt hat sie eine Anzeige am Hals

Über diverse Telegram-Gruppen werden derzeit Impfzertifikate aus Deutschland verkauft. Die Kunden bezahlen mit Bitcoin. Dahinter steckt eine neue Betrugsmasche, warnt die Polizei.

Raphael Rohner
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Über Telegram werden falsche Impfpässe verkauft und in Apotheken digitalisiert.

Über Telegram werden falsche Impfpässe verkauft und in Apotheken digitalisiert.

Bild: Raphael Rohner

Darum geht es

  • Schweizer bestellen Hunderte illegale deutsche Impfpässe über Telegram
  • Bei den Verkäufern handelt es sich um eine kriminelle Bande aus der Schweiz und Deutschland
  • Geheime Chats und Kryptowährungen verwischen die Spuren
  • Deutsche Bundespolizei und Kantonspolizei ermitteln wegen Urkundenfälschung

In den vergangenen Tagen wurden in Konstanz und in grenznahen Apotheken vermehrt Schweizerinnen und Schweizer mit gefälschten deutschen Impfbüchlein erwischt, die sich ein Impfzertifikat erschleichen wollten. Diese werden derzeit über diverse Gruppen im Internet-Messengerdienst Telegram vertrieben. In einer der grössten derartigen Gruppen sind derzeit fast 2000 Mitglieder. Schon die Information der Gruppe zeigt auf, um was es hier geht:

«Wir machen aus der 3-G-Regel die 4-G-Regel – Genesen, Getestet, Geimpft oder GEFÄLSCHT.»

Der Nachrichtenverlauf der grossen Gruppe lässt sich einige Monate zurückverfolgen und es zeigt sich: Seit Mitte Juni werden sogenannte «Freiheitspässe» verkauft. Das gelbe Büchlein wird dabei nicht direkt über die öffentliche Gruppe angeboten, sondern nur in «geheimen Chats» verkauft. Diese haben den Effekt, dass sie sich selbst löschen und es keine Möglichkeit gibt, die Nachrichten zu kopieren oder weiterzuleiten.

Tritt man einem geheimen Chat bei, bekam man lange Zeit erst eine Sprachnachricht in einem Ostschweizer Dialekt. Einmal war es eine freundliche Frau, dann ein Mann. Es haben sich mindestens fünf unterschiedliche Stimmen zu Wort gemeldet. Auch ein Mann in Deutsch meldet sich, bei einer erneuten Anfrage. Die Leute nennen sich «Kundenberater». Eine kleine Recherche hat schnell die mit dem Account verknüpfte deutsche Telefonnummer zu Tage gefördert. Telefonieren wollte jedoch trotz mehrmaligen Versuchen niemand.

500 Euro für einen falschen Impfpass – 2000 Euro für das digitale Zertifikat

In einem kollegialen Tonfall wird einem der Ablauf erklärt, wie man als Schweizer den falschen Impfpass bekommt: Erst gibt man seine Daten wie Name, Vorname, Geburtsdatum etc. an. Dann bekommt man ein Video zugestellt, das zeigen soll, dass der gelbe Impfpass erstellt wurde mit den eigenen Daten. Schliesslich soll man bezahlen. Ein Mann, der sich lieber «Henry» nennt, schreibt:

«Die Bezahlung über Bitcoin ist nötig, weil wir uns ausserhalb des rechtlichen Rahmens bewegen»

Der erste falsche Impfpass kostet 500 Euro. Wer mehr bestellt, bekommt Rabatte. Mit diesen 500 Euro bestellt man jedoch lediglich das gelbe Impfbüchlein der EU. Dieses muss dann in Deutschland von den Käufern selbst in ein digitales Impfzertifikat umgewandelt werden. Wer direkt ein digitales Schweizer Impfzertifikat bestellen möchte, bestellt das «Premium-Paket» inklusive Beratung für 2000 Euro – wiederum via Kryptowährung Bitcoin.

Für ein Schweizer Impfzertifikat, müssen die gelben Büchlein digitalisiert werden.

Für ein Schweizer Impfzertifikat, müssen die gelben Büchlein digitalisiert werden.

Bild: Raphael Rohner

Die Betrüger verkaufen den Kunden gelbe Impfbescheinigungen, die mit «echten» Chargennummern und den Impfdosen aus dem jeweiligen Impfzentrum nach Wunsch versehen sind. Damit soll dann auch die Echtheit der Angaben von den Behörden geprüft werden können.

Im Telegram-Chat bedanken sich Hunderte vermeintliche Kundinnen und Kunden für den tollen Service und versichern, dass niemand etwas an den gefälschten Dokumenten bemerkt habe. Schreibt jemand etwas Kritisches, wird darauf bestanden, nur per Privatnachricht zu kommunizieren und schliesslich verschwinden die kritischen Nachrichten nach einer kurzen Zeit komplett vom Smartphone. Das System scheint ausgefuchst zu sein und das Geschäft mit den falschen Pässen floriert: Eine Recherche zeigt: In den letzten drei Monaten wurden mindestens 600 falsche Impfpässe verkauft, was einer Summe von rund 300'000 Euro entspricht – sofern die Käuferinnen und Käufer nicht auch Figuren im Spiel der Betrüger sind.

Käufer der gefälschten Pässe werden erwischt und online gelöscht

Userin Andrea* aus Aarau hat sich auf dieses Spiel eingelassen und vor einigen Wochen einen «Freiheitspass» gekauft. Sie hat Bitcoin überwiesen und dann den Pass über eine Lieferadresse nach Konstanz geschickt. «Ich hatte wirklich ein gutes Gefühl und habe mich verleiten lassen, die Impfung zu umgehen – jetzt habe ich eine Anzeige wegen Urkundenfälschung am Hals», erzählt sie in einem geheimen Chat, der kurz nach dem Austausch wieder verschwindet und gelöscht wurde. Andrea, die sich nicht impfen lassen will, wurde im süddeutschen Raum in einer Apotheke erwischt und überführt.

Auch ein anderer User beschwert sich in der Gruppe, er habe seinen Pass noch immer nicht erhalten. Man glättet die Wogen und verlangt von Thomas*, dass er sich per Privatnachricht mit den Verkäufern in Kontakt setzen soll. Kurz darauf verschwindet seine Nachricht aus dem Gruppen-Chat. Privat angeschrieben, antwortet er kurz angebunden:

«Sie haben meinen echten Namen, meine Daten und mein Geld. Was soll ich machen? Ich hoffe, die Pässe kommen noch.»

Dann löscht der User den Chat und das Fenster verschwindet. Wer sich im Gruppenchat negativ äussert, verschwindet.

Apotheker sind skeptisch bei Impfpässen

So clever die Betrüger auch agieren, sie haben die Rechnung nicht mit den Apothekerinnen und Apothekern gemacht. In Konstanz häufen sich in diesen Tagen die Meldungen, dass Personen mit falschen Impfausweisen versuchen, diese digitalisieren zu lassen. Die Apotheker sind alarmiert: «Wenn da ein Schweizer aus Zürich, oder St.Gallen daherkommt, der angeblich in München geimpft wurde, werden wir natürlich skeptisch», sagt Apotheker Daniel Hölzle von der Tiergarten-Apotheke in Konstanz. Auch seien Pässe seltsam, die lediglich die Covid-Impfungen drin hätten. Man sei seit einiger Zeit auf der Hut vor Menschen, die sich die Zertifikate erschleichen wollen.

Ein Apotheker kontrolliert ein Impfbüchlein.

Ein Apotheker kontrolliert ein Impfbüchlein.

Bild: Raphael Rohner

Auch in anderen Apotheken ist man vorsichtig: Nur wenige Strassen vom Bahnhof entfernt stehen zwei Frauen an einem Tresen in der Apotheke. Sie diskutieren unüberhörbar laut mit der Apothekerin, warum das mit dem Impfpass digitalisieren nicht gehe. Die ältere Frau spricht Hochdeutsch mit einem deutlichen Schweizer Akzent. Der Apothekerin wird die Sache zu bunt: «Dann gehen Sie doch in eine andere Apotheke, wenn Sie ihre Unterlagen nicht alle zeigen können.» Die beiden Frauen machen sich dann schnell aus dem Staub.

Auf die Situation angesprochen wollen sie nichts von einem Impfpass gesagt haben, sondern es sei um etwas anderes gegangen: «Das geht Sie gar nichts an», keift die jüngere Frau auf Schweizerdeutsch. Die Frauen ziehen von dannen und die Apothekerin nimmt den nächsten Kunden entgegen. Einen Kommentar dazu will sie nicht abgeben. Sie schüttelt nur den Kopf. Allgemein dürfe man jedoch nicht alle Menschen unter Generalverdacht stellen, die man vor sich habe. Unterdessen tauschen sich die Mitglieder der Telegram-Gruppe darüber aus, wo man noch eine Chance auf eine Digitalisierung hat.

Gefälschte Impfpässe

Welche Formen von Impfpass-Fälschung gibt es?

Gefälschte Impfpässe weisen laut dem Deutschen Landeskriminalamt (LKA) in der Regel ein oder zwei Aufkleber mit der Bezeichnung des Impfstoffs sowie eine Chargen-Nummer auf. Darüber hinaus sei der unechte Stempel eines Impfzentrums oder einer Arztpraxis enthalten, einschliesslich der gefälschten Unterschrift der Ärztin oder des Arztes. Häufig dienten Fotos echter Impfpässe aus dem Internet oder aus Social-Media-Plattformen als Vorlage. «Trotz des Entdeckungsrisikos werden mit den gefälschten Impfpässen digitale Impfzertifikate beantragt», sagt LKA-Pressesprecher Jürgen Glodek.

Was droht Fälschern, Verkäufern und Käufern?

Das Herstellen sowie der Gebrauch gefälschter Impfpässe kann laut LKA die Tatbestände der Urkundenfälschung oder der Fälschung von Gesundheitszeugnissen erfüllen sowie eine Straftat nach dem Infektionsschutzgesetz darstellen. Die Strafgesetze in Deutschland und der Schweiz sehen hier, je nach Tatbestand, eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren vor, das Infektionsschutzgesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren. (rar)

Bei Verdachtsfällen schalten die Apotheken jeweils gleich die Polizei ein.

Bei Verdachtsfällen schalten die Apotheken jeweils gleich die Polizei ein.

Bild: Raphael Rohner

Neue Form von Enkeltrick

Die Vorgehensweise der Verkäufer und der Kundinnen und Kunden machen auch Ostschweizer Behörden wachsam. Während die Thurgauer Kantonspolizei bereits einige Leute mit gefälschten Impfpässen erwischt hat und wegen Urkundenfälschung ermittelt, hat auch die St.Galler Kantonspolizei die Fährte aufgenommen. Für Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen ist der Fall klar: «Das ist wieder eine Art Enkeltrick. Einfach eine neue Masche, auf die wohl wieder viele Leute hereinfallen und irgendwelchen Unbekannten Geld überweisen.»

Tatsächlich wirken die meisten Mitglieder in der Telegramgruppe über 40 Jahre alt. Ein Verkäufer gibt sogar an, dass Personen über 70 die falschen Pässe gekauft haben sollen. So schnell wie in der Telegram-Gruppe täglich Leute schreiben, sie seien betrogen worden und wollen endlich ihre Pässe oder ihr Geld zurück, so schnell verschwinden diese Nachrichten wieder aus den Chats. Bei keinem Polizeikorps sind bislang Anzeigen von Geschädigten eingegangen.

* Usernamen = Echte Namen unbekannt

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