"Chloroform-Unhold"

Chloroform-Unhold verhaftet

«Aargauer/Badener Tagblatt», 20.6.80

«Aargauer/Badener Tagblatt», 20.6.80

Im August 1979 wurde der als «Chloroform-Unhold» bekanntgewordene Triebtäter U.B. verhaftet. Er hatte Dutzende Male versucht, in Mädchenschlafzimmer einzusteigen und die Schlafenden zu betäuben und zu missbrauchen. Im Juni 1980 floh er aus der Strafanstalt Lenzburg. Der folgende Text erschien am 20.6.1980 im Aargauer Tagblatt.

Aargauer Tagblatt, 20.6.1980

Widerstandslos liess sich am Donnerstagmorgen der am Dienstagvormittag auf spektakuläre Art aus der Strafanstalt Lenzburg geflüchtete „Wattebausch“-Unhold von der Brugger Kantonspolizei festnehmen. U.B. sass seelenruhig beim Zmorge im Hotel Bahnhof-Terminus. Ein Brugger Taxichauffeur hatte den Ausbrecher erkannt und telefonisch über seine Taxizentrale die Polizei alarmiert.

Kurz vor 7 Uhr stellte ein sauber gekleideter Dreissiger sein blaues Moped beim Eingang zum Hotel Bahnhof-Terminus ab; auf dem Gepäckträger befand sich eine grosse, braune Tasche. Drei Taxichauffeure sahen ihm zu. Der Mann ging dann über die Strasse zum Bahnhofkiosk. Beim Taxistand sah er einen Bekannten. Die beiden wechselten einige belanglose Sätze. Sie kannten sich nämlich von ihrer gemeinsamen Arbeitszeit vor etwa drei Jahren.

„Wie der Arbeitsbekannte heisst, wusste ich nicht“, erzählte später Paul N. Er ist erst seit etwa drei Wochen Taxichauffeur. „Der Groschen“ fiel dem Taxler erst, als er einige Minuten später ins Auto stieg, die Zeitung aufschlug und das Bild jenes Arbeitsbekannten sah, mit dem er eben gerade „Wie-geht’s-Sprüche“ ausgetauscht hatte. Von dem, dass sein Bekannter in Schlafzimmer einsteigt und junge Mädchen mit Chloroform betäubt, um sie dann zu vergewaltigen, hatte N. zuvor nichts gewusst und auch nicht, dass B. am Dienstag mit einer turnerischen Bravourleistung über die Mauer abgehauen war. N. informierte seine beiden ebenfalls auf dem Bahnhofplatz wartenden Taxikollegen. Der Rest war dann nur noch Routine und Warten auf die Polizei.

Während N. sich im Restaurant zu seinem Arbeitsbekannten setzte und mit ihm plauderte, postierten sich die beiden anderen Taxifahrer vor dem Restauranteingang. „Um ganz sicher zu sein“, lachten die beiden. Was gespielt wurde, merkte der Erkannte erst, als ein freundlicher „Zivilist“ neben seinen Stuhl trat und unmissverständlich eine Pistole auf ihn richtete. Auf die Warnung: „Mached kei Lämpe“ und die Frage, ob er freiwillig mitkomme, erwiderte B.: „Erst möchte ich noch mein Zmorgen fertig essen!“ Diesen Wunsch erfüllte ihm der Polizist auch.

Wo er sich seit seinem Ausbruch am Dienstag aufgehalten oder wo er beispielsweise auch geschlafen hat und vor allem auch woher seine tiptopen Kleider stammen, diese Fragen sind noch offen. „Sehr gesprächig ist B. leider nicht“, bedauerte einer der Kantonspolizisten. In Spreitenbach will er auch seine Kleider gekauft haben. Wie kam er dorthin? Beim Sprung über die Mauer hatte er nur eine Turnhose und ein Leibchen an. Das blaue Töffli hat er gestohlen; es war nämlich bereits als gestohlen gemeldet, noch ehe B. sich in Lenzburg selbst „Urlaub“ gewährte. Aufgehalten hat er sich in den letzten beiden Tagen ziemlich sicher vor allem im Raum Baden, von dort stammt nämlich auch das blaue Töffli.

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