Auf aussergewöhnliche und im Aargau einzigartige Spuren der frühen Eisenverarbeitung ist die Kantonsarchäologie in Remigen gestossen: Im Unterdorf zum Vorschein kamen ein hochmittelalterlicher Ofen aus dem 12. Jahrhundert sowie – zum ersten Mal notabene – ein Nachweis für Eisenverhüttung, die vermutlich aus der Spätbronzezeit oder frühen Eisenzeit um 800/750 v. Chr. stammt. «Bemerkenswert ist, dass sich die beiden Werkplätze heute nur wenige Meter nebeneinander befinden, zeitlich aber rund 2000 Jahre auseinanderliegen», sagt Stephan Wyss, Ressortleiter archäologische Untersuchungen.

Für das heutige Dorf Remigen seien, als weitere Besonderheit der laufenden Ausgrabung, neu entdeckte Scherben aus der Mittelbronzezeit um 1500/1300 v. Chr. von Bedeutung, fügt Wyss an. «Diese Funde machen die Besiedlungsgeschichte des Ortes auf einen Schlag 500 Jahre älter. So ist die Arbeit der Kantonsarchäologie auch häufig ein Gewinn für Lokalchroniken.»

Grabungsleiter David Wälchli über Eisenverhüttung, Mühlesteine und gut erhaltene Knochen.

Grabungsleiter David Wälchli über Eisenverhüttung, Mühlesteine und gut erhaltene Knochen.

Siedlungsfunde von Eisenobjekten, etwa Messer und Nadeln, seien zwar bereits in der späten Bronzezeit bekannt, aber zahlenmässig sehr selten, fährt Wyss fort. Bohnerz-Vorkommen gab es im Gebiet Mönthal und Bözberg.

Dort sind Abbauspuren und Gruben vorhanden sowie Flurnamen, die auf entsprechendes Handwerk verweisen. Die Eisenverarbeitung – ein feuergefährliches Gewerbe – fand an peripherer Lage in Remigen statt. Für die energieintensive Tätigkeit brauchte es als Heizmaterial viel Holz, das in der Umgebung zu finden war.

Eine historische These ist laut Wyss, dass auf der Burg Iberg ganz in der Nähe vom 11. bis 13. Jahrhundert eine Familie mit sogenanntem Erzregal ihren Sitz hatte, also die Rechte an Abbau, Verhüttung und Verkauf besass.

Herausforderung für Archäologie

Auf dem Areal zwischen Villigerstrasse und Schmittenbach entsteht derzeit in mehreren Etappen ein komplett neues Wohnquartier mit insgesamt rund 140 Wohnungen. Eine riesige Baugrube ist bereits ausgehoben worden.

Diese sei symbolisch für die bauliche Entwicklung im Mittelland und damit auch im Aargau, stellt Wyss fest. Die Verdichtung, auch in Kernzonen von Dörfern, sei als raumplanerisches Werkzeug ein Segen gegen die Zersiedelung. «Für die Archäologie und ihren gesetzlichen Auftrag, die historischen Hinterlassenschaften im Boden zu schützen, ist es aber gleichzeitig eine grosse Herausforderung.»

Denn betroffen seien häufig Flächen mit einer dichten geschichtlichen Vergangenheit. Anders ausgedrückt: Bei einer grösseren Überbauung samt Tiefgaragen resultiere immer ein Verlust der archäologischen Substanz. Entsprechend wichtig sei es, die Spuren der Vergangenheit vor ihrer Zerstörung für die Aargauer Bevölkerung zu untersuchen und zu dokumentieren, so Wyss.

Bis Ende Jahr an der Arbeit

Seit Anfang Dezember ist deshalb Grabungsleiter David Wälchli mit einem Dreierteam auf dem Gelände tätig und untersucht – begleitend zu den Bauarbeiten – den Untergrund. «Hier wurden wir schnell fündig», sagt er bei einem Augenschein und zeigt Keramikscherben und Tierknochen. Und auch auf «das Filetstück», die einst aufgeschichteten Öfen für die Eisenverhüttung, seien sie rasch gestossen.

Die Funde werden nun bis Ende Jahr sauber erfasst, bevor sie dem Baggerzahn zum Opfer fallen. «Wir sind froh, dass wir diese Zeit haben», sagt Wälchli und betont: «Zu einer Bauverzögerung kommt es deswegen nicht.» Die Ausgrabung sei auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz so eindrücklich wie die Ruinen einer römischen Siedlung, ergänzt Stephan Wyss. «Aber uns liefert sie wertvolle und neue Erkenntnisse zur Frühgeschichte unseres Lebensraums.»