Wer das weisse Haus an der Oberdorfstrasse in Villnachern betritt, wird unweigerlich an einen Staatsbesuch erinnert. Pompöse Sofas und ein grosser Salontisch aus Glas dominieren das Wohnzimmer. In der weissen Wohnwand ist ein Matroschka-Set aus Russland aufgestellt. Die grösste Holzpuppe zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Mit von der Partie ist auch Michail Gorbatschow. Das Gespräch mit Martin Müller findet also unter scharfer Beobachtung mehrerer russischer Machthaber statt. Das anschliessende Fotoshooting im ersten Stock gleicht den Vorbereitungen für eine UNO-Konferenz.

Auf dem kleinen Tischchen platziert Müller die Flaggen derjenigen Nationen, die der bald 45-Jährige während seiner Reisen, Sprachaufenthalten oder aus beruflichen Gründen kennen gelernt hatte. An der Wand hängt ein historisches Bild der Genfer Vorortsgemeinde Carouge.

Über jedes Detail im Haus, das er mit Ehefrau Annatina bewohnt, könnte er eine Geschichte erzählen. Die beiden haben sich in Genf während ihres Masterstudiums in Internationale Beziehungen am Graduate Institute of International Studies (IUHEI) kennen gelernt. Gemeinsam bezogen sie eine Wohnung in Carouge und absolvierten ein zweites Masterstudium in europäischen Studien.

Doch zurück nach Villnachern. Der kleine Martin brillierte nicht als Schüler. Müller kann sich noch gut an seinen Zeugniseintrag in der ersten Primarschulklasse erinnern: «Da stand, dass ich gerne aus dem Fenster schaue.» Die mündliche Aufnahmeprüfung in die Sekundarschule schaffte er nicht. Die Erinnerung an die Experten, die über seine falschen Antworten lachten, ist noch sehr präsent.

In der Realschule lernte Martin keine Fremdsprachen. Das war kein Drama. Sein Vater führte in Villnachern ein Malergeschäft; da war die Berufslaufbahn für ihn sowieso vorgespurt und wurde nicht hinterfragt. «Ich habe wirklich selber geglaubt, dass ich in Vaters Fussstapfen treten und den Betrieb übernehmen werde», sagt Müller im Wohnzimmer, dort wo sich früher die Malerwerkstatt befand. Nach der Schule liess er sich bei Hansrudolf Wernli in Schinznach-Dorf zum Maler ausbilden.

Kaum fertig mit der Lehre, richtete die ganze Welt den Blick Richtung Osten. Unter dem Schlagwort Perestroika krempelte Michail Gorbatschow das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche System in der Sowjetunion um. Diese grossen Umwälzungen liessen den knapp 20-Jährigen nicht kalt: «Mir war klar, dass sich die Arbeitswelt komplett verändern wird.» Martin Müller setzte auf Weiterbildung und blühte richtig auf. Zum ersten Mal im Leben büffelte er französische und englische Wörter. Als Jahrgangsbester erwarb er das Handelsdiplom an den Limania Schulen in Aarau.

«Als Anerkennung bekam ich einen Weltatlas, in dem die Sowjetunion noch in ihrer ganzen Grösse abgebildet war», erzählt er lachend. Im anschliessenden Praxisjahr am Paul-Scherrer-Institut in Villigen tauchte Müller dann in die internationale Berufswelt ein. Das Reisefieber stieg unaufhaltsam und der 24-Jährige zog während mehrerer Jahre durch Europa, Neuseeland, Kanada, Mittel- und Südamerika und kam mit einem klaren Ziel vor Augen zurück.

Er wollte in Genf Internationale Beziehungen studieren. Doch dazu fehlte ihm die Maturität. Hindernisse sind zum Überwinden da, sagte er sich und drückte während dreieinhalb Jahren berufsbegleitend die Schulbank an der Aargauischen Maturitätsschule für Erwachsene. Müller arbeitete von Anfang an sehr diszipliniert. Er wusste, dass er sich jeden Tag hinter die Schulbücher setzen musste, um die Prüfungen zu bestehen.

«Mit Lernbereitschaft, Ausdauer und Disziplin kann man zwei Drittel der Noten selber beeinflussen. Aber, wie so oft im Leben, braucht es auch immer noch ein Quäntchen Glück», so Müller zu seinem Erfolgsrezept. Finanziert hat er sich alles selber. Im elterlichen Malerbetrieb war er mittlerweile für den administrativen Ablauf verantwortlich. Während der Schulferien arbeitete er als Kundenmaler.

Dieses berühmte Quäntchen Glück hatte Müller auch, als er für sein Studium in Genf eine Wohnung suchte: «Ich besichtigte nur zwei Wohnungen und habe die zweite bekommen.» Rund 20 Jahre nach der Malerlehre war er zu dem Hochschulinstitut zugelassen, wo schon der frühere UNO-Generalsekretär Kofi Annan und Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey ihre Sporen abverdienten.

Umgangssprache war zu Beginn primär Französisch und später Englisch. Bei Gruppenarbeiten habe sich im Austausch mit Studierenden aus aller Herren Ländern gezeigt, dass alle Menschen die gleichen Grundbedürfnisse hätten. «Sie wollen eine gute Arbeitsstelle finden und in einem familiären Umfeld, das für sie gesund ist, leben», erzählt Müller.

Der Aufprall auf den Boden der Realität war 2008 für den zweifachen Master Universitätsabsolventen nicht einfach. «Nach 100 Bewerbungen und keiner einzigen Einladung zu einem Vorstellungsgespräch habe ich mich schon gefragt, wie es nun weitergehen soll», erzählt Müller. Dank der Stiftung Social Management Services gab es einen Lichtblick und er fand eine Praktikumsstelle beim Bundesamt für Gesundheit.

Das Praktikum war für sechs Monate vorgesehen, wurde aber bereits nach zwei Monaten in eine Stelle als externer Mitarbeiter umgewandelt. Seither arbeitet der Quereinsteiger beim Bund in Liebefeld bei Bern und pendelt annähernd 20 Stunden pro Woche mit Bus und Zug. Er ist aber kein Bundesangestellter. Seine Leistung wird extern eingekauft und ist für bestimmte Projekte befristet, was den Bund unter dem Strich mehr kostet als eine Festanstellung.

So sehr Müller seine vielseitige Arbeit liebt, so sehr wünscht er sich eine reguläre Anstellung. Seine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Internationales wurde am 1. Januar 2014 ins neu gegründete Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen überführt. Müller ist wissenschaftlicher Sekretär der Eidgenössischen Kommission für internationale Lebensmittelsicherheit und vertritt in multilateralen Organisationen die Interessen der Schweiz.

Würde er diesen langen Weg vom Realschüler zum zweifachen Master Universitätsabsolventen nochmals gehen? «Für mich war dieser Weg extrem bereichernd. Beruflich werde ich für den grossen Zeit- und Geldeinsatz während des Studiums aber nicht so belohnt, wie ich es mir erhofft habe. Früher war ich unterqualifiziert. Heute gelte ich oft als überqualifiziert.

In der globalisierten Arbeitswelt fehlt es an Loyalität. Die Welt hat sich seit Perestroika stark verändert. Der internationale Wettbewerb hat zugenommen», bilanziert Müller und fügt an: «Aber vielleicht hätte ich ohne die grossen Umwälzungen diese Chance zur Weiterbildung gar nie bekommen.»

Längerfristig könnte er sich vorstellen, seine beiden beruflichen Standbeine zu kombinieren. «Ich liebe die wissenschaftliche Kopfarbeit und arbeite auch gerne handwerklich.» Müller hat mit seiner Frau, die auch im Bereich Internationales arbeitet, das Elternhaus in Villnachern übernommen. Sein Vater hat das Malergeschäft altershalber aufgegeben. Die neuen Hausbesitzer haben die Malerarbeiten im weissen Haus selber ausgeführt.