Bezirksgericht Brugg
Zwei Tage nach dem Sturz starb der Senior – ob es eine Kollision gab, bleibt im Dunkeln

Was genau vorgefallen war, kann er sich nach wie vor nicht erklären. Gegen einen Lieferwagen-Fahrer wurde Anklage erhoben wegen fahrlässiger Tötung. Das Urteil steht noch aus. Der genaue Unfallhergang ist unklar.

Michael Hunziker
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Der Unfall an der Holzgasse in Hausen hatte sich im Mai 2017 ereignet.

Der Unfall an der Holzgasse in Hausen hatte sich im Mai 2017 ereignet.

zvg/kapo

Es war ein tragischer Unfall an diesem Samstagnachmittag Anfang Mai 2017 in Hausen: Ein Lieferwagen fuhr rückwärts, ein 90-jähriger Fussgänger kam zu Fall. Der Senior zog sich schwere Kopfverletzungen zu und starb zwei Tage später im Spital. Gegen den Lieferwagen-Fahrer wurde Anklage erhoben wegen fahrlässiger Tötung.

Der beschuldigte 57-jährige Fabio (Name geändert) mit dem kurzen, grau melierten Haar erschien im gepflegten, dunkelblauen Anzug vor Bezirksgericht Brugg. Er wirkte gefasst. Auf die Fragen von Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven gab er ruhige, klare und überlegte Antworten. Er räumte aber ein, dass er sich nicht so gut fühle, ihm die Bilder des Unfalls nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Fahrer hat keine Erklärung

Was genau vorgefallen war, konnte er sich nach wie vor nicht erklären. Er habe in den Rückspiegel geschaut, sei vorsichtig und sehr langsam rückwärtsgefahren. Auf einmal habe er ein aussergewöhnliches Geräusch gehört, vorauf er ausgestiegen sei und den Senior habe am Boden liegen sehen. Es sei ein Schock gewesen. Dass er den Fussgänger mit dem Fahrzeug touchiert hatte, wie in der Anklageschrift festgehalten, konnte sich Fabio nicht vorstellen. Der Mann sei nicht direkt beim Lieferwagen gelegen.

Gemäss Anklageschrift wollte der Beschuldigte um etwa 13.30 Uhr von der Geissmattstrasse in Schritttempo rückwärts auf die Holzgasse einbiegen, um danach vorwärts Richtung Zentrum zu fahren. Zum gleichen Zeitpunkt passierte der Senior, der mit zwei Stöcken auf der Holzgasse unterwegs war, die Einmündung der Geissmattstrasse. Der Beschuldigte, heisst es weiter, habe aufgrund ungenügender Aufmerksamkeit nicht bemerkt, dass sich der Fussgänger hinter dem Lieferwagen befand, und kollidierte mit dem Heck des Fahrzeugs unabsichtlich mit dem Senior. Dieser sei zu Boden geworfen worden und insbesondere mit dem Kopf auf der Strasse aufgeprallt.

Unfallopfer war früher Hotelier

Auf die Frage von Einzelrichterin Kerkhoven sagte Fabio, dass er das Autobillett habe, seit er vor über 30 Jahren in die Schweiz gekommen sei. Den Lieferwagen habe er neu gehabt. Das Fahrzeug sei etwas grösser und länger als das frühere, sagte der Beschuldigte. Es gebe einen Bereich, in dem die Sicht nach hinten eingeschränkt sei. Auf dem besagten Strassenabschnitt sei er seither nie mehr rückwärts gefahren.

In welche Richtung der Senior unterwegs war, liess sich gemäss Anklageschrift nicht mit Sicherheit eruieren. Die Zeugenaussagen gingen auseinander. Ein Zeuge sagte vor Bezirksgericht aus. Er kennt den beschuldigten Lieferwagen-Fahrer seit vielen Jahren, halte dann und wann einen Schwatz mit ihm. Auch das Unfallopfer – ein früher in Brugg tätiger Hotelier – war ein geschätzter, langjähriger Bekannter. Ein flotter Mann, sagte der Zeuge, ein gewiefter Erzähler, zu dem er ein gutes Verhältnis gehabt habe. «Wir hatten es immer schön.» Der Senior habe regelmässig etwa den gleichen Weg zur gleichen Zeit gewählt in Hausen, und sei dann bei der «Pensionierten-Sitzbank» beim Dahlihaus eingetroffen, einem beliebten Treffpunkt. «Man konnte fast die Uhr nach ihm richten», sagte der Zeuge, der vis-à-vis wohnt.

Den Unfallhergang hatte der Zeuge nicht beobachten können, aber als er den stehenden Lieferwagen und den am Boden liegenden Senior sah, sei er gerannt und habe – als früherer Militär-Sanitäter – Hilfe geleistet. Der 90-Jährige, sagte der Zeuge, sei jeweils langsam unterwegs gewesen und auf Stöcke sowie eine Stütze am Knie angewiesen gewesen. Letztere aber, das habe er beim Helfen festgestellt, trug er nicht an diesem Nachmittag. Vielleicht, vermutete der Zeuge, habe der Senior den nahenden Lieferwagen bemerkt, pressieren wollen und sei dann – wegen der fehlenden Knie-Stütze – heftig gestürzt.

Das Urteil steht noch aus

Der Vorfall sitze dem Beschuldigten noch immer in den Knochen, sagte der Verteidiger. Die quälende Frage laute, ob er schuld sei am Tod dieser hochgeschätzten Persönlichkeit. Sicher sei nur, dass der Senior gestürzt sei, stellte der Verteidiger fest. Nicht eindeutig klar sei allerdings, ob der Mann vom Fahrzeug umgestossen wurde. Möglich sei, dass er dem Lieferwagen habe ausweichen wollen. Kurz: «Wir wissen nicht, wie es genau gewesen ist», fasste der Verteidiger zusammen. «Es muss nicht zwingend eine Kollision gegeben haben.»

Der Beschuldigte sei deshalb, lautete seine Forderung, vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freizusprechen. An der Höhe des Tagessatzes von 190 Franken bei der von der Staatsanwaltschaft geforderten bedingten Geldstrafe wollte der Verteidiger indes nicht rütteln. Das Urteil wird schriftlich eröffnet.