Brugg

Zwei Anwälte kritisieren das Aargauer Dolmetschersystem

Markus Leimbacher und Franz Hollinger aus Brugg bemerken erhebliche Unterschiede zu anderen Kantonen.

Vor Gericht immer wieder mit Dolmetschenden zu tun haben die Brugger Rechtsanwälte Markus Leimbacher und Franz Hollinger. «Nachdem man die Sprache der befragten Person nur selten versteht (ausser bei Englisch, Französisch und Italienisch), handelt es sich in der Regel um eine Gefühlssache», sagt etwa Hollinger, Bezug nehmend auf die Qualität der Übersetzung.

In sehr vielen Fällen habe er ein gutes Gefühl. Nämlich dann, wenn die Dolmetscherin oder der Dolmetscher bereits durch das Auftreten einen kompetenten Eindruck machen, die Übersetzung fliessend sei, ohne beigefügte Kommentare auskomme und die deutschsprachigen Rechtsbegriffe beherrscht würden.

«Zu oft beschleicht mich aber ein ungutes Gefühl: Die Dolmetscherin oder der Dolmetscher ist unsicher, es kommt zu häufigen Nachfragen und dadurch zu unerwünschten Unterbrechungen im Sprachfluss der befragten Person», ergänzt Hollinger.

«Ein extremes Beispiel erlebte ich vor ein paar Wochen, als in der Schweiz aufgewachsene und bei der Verhandlung anwesende Verwandte der befragten Person während der Verhandlung mehrmals intervenierten und eine ungenaue oder gar falsche Übersetzung geltend machten.» Diese Einwände seien ohne weiteres glaubhaft gewesen, denn die Dolmetscherin sei total unsicher gewesen und habe immer wieder nachgefragt.

«Das ungute Gefühl traf also zu und wurde so zur Gewissheit», so Hollinger, und er verdeutlicht: «Wenn man als Anwalt auch in umliegenden Kantonen tätig ist, lassen sich zum Teil erhebliche Unterschiede und ein Gefälle zu Lasten des Kantons Aargau feststellen.»

Für Fairness und Chancengleichheit

Eine schlechte Übersetzung, so Hollinger, könne fatale Auswirkungen haben, denn oftmals hänge der Ausgang eines Prozesses von Details ab und ein falsch übersetztes Wort könne im Extremfall sogar zu einem Fehlurteil führen. «Fehlerfreie Übersetzungen sind somit auch unter dem Aspekt der Chancengleichheit und Fairness unabdingbar», sagt Hollinger.

«Aus meiner Sicht ist deshalb im Kanton Aargau eine Professionalisierung der Dolmetschertätigkeit in die Wege zu leiten und vorzunehmen.» Dabei seien entsprechende Sprachkenntnisse vorzuweisen und es sei ein Ausweis über die Kenntnis der grundlegenden Rechtsbegriffe zu erbringen. Ergänzt werden könne dies, so Hollinger, durch praktische Hilfen, und er nennt als Beispiel das Handwerkszeug des Übersetzens.

Wie Hollinger wünscht sich auch der Brugger Rechtsanwalt Markus Leimbacher eine Verbesserung im Aargauer Dolmetscherwesen. «Tendenziell sind die Übersetzungsleistungen im Kanton Aargau schlechter als beispielsweise im Kanton Zürich», sagt er.

«Aus meiner Sicht ist es notwendig, dass im Aargau genaue Standards mit Bezug auf die Fähigkeiten der Übersetzenden eingeführt werden.» Das bedeute, dass sie ein entsprechendes Diplom vorzuweisen haben. Danach können sie sich akkreditieren lassen. «Damit würden die gleichen Anforderungen erfüllt wie bspw. im Kanton Zürich», so Leimbacher.

Eine Übersetzung ist aus seiner Sicht dann gut, wenn die Übersetzenden tatsächlich genau das übersetzen, was die entsprechende Person auch sagt. «Leider ist es vielfach so, dass die Übersetzerinnen und Übersetzer eigene Wahrnehmungen hinzufügen», so Leimbacher.

«Es ist dann für das Gericht und die Anwältinnen und Anwälte jeweils schwierig, nachzuprüfen, was nun die Person gesagt hat und was denn die Übersetzerin oder der Übersetzer beigefügt hat.»

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