Es ist eine schöne Tradition, welche in Hausen niemand missen möchte. Seit 21 Jahren verwandelt sich Briefträger Daniel Tschabold (42) an Silvester in den glücksbringenden Kaminfeger, der sein Pferd, den 24-jährigen Freiberger Orlando, durch die Einfamilienhausquartiere lotst. Doch zuvor muss Orlando festtagstauglich gemacht werden: Das heisst, er kriegt Glöckchen am Kopf befestigt und einen Hut aufgesetzt. «Sieh mal, wie brav er mitmacht», sagt Daniel Tschabold zu Steffi Bugmann, die diesmal auf dem Kutschbock sitzt und die Zügel in der Hand hält.

Tatsächlich lässt Orlando die Verwandlung stoisch über sich ergehen. Den Hut wird er im Laufe des Morgens noch einige Male runterwerfen. Pöstler Tschabold hievt die Postkisten in den Wagen, stellt sie neben diejenige mit den Hufeisen aus Zopfbrot. Um 9 Uhr gehts die Titlisstrasse hinauf, Orlando muss motiviert werden, ein wenig zügiger zu laufen. Denn die Strecke via Pilatusstrasse, Mülisteig zur Sonnhaldestrasse hat es in sich. Es geht steil hinauf und wieder runter. Man muss aufpassen, mit dem Wagen nicht zu schnell zu fahren.

Daniel Tschabold überreicht Therese Graf die Post und ein Hufeisen. Die beiden wünschen sich ein gutes neues Jahr. «Ich finde es eine wunderschöne Tradition. Deshalb warte ich auch immer auf ihn», sagt Therese Graf. Ihre eigene Tradition, nämlich den Pöstler zu Silvester mit einem Trinkgeld zu beschenken, habe sie von den Eltern übernommen.

Daniel Tschabold klingelt an der Tür von Urs Kohler. Dieser kommt raus, zieht sich schnell die Schuhe an, begrüsst den Postboten und überreicht ihm eine festlich geschmückte Tüte. Nach dem Dank für die tolle Arbeit und den Glückwünschen zum neuen Jahr zückt Urs Kohler seine Fotokamera und fotografiert den Kaminfeger mit Ross und Wagen. «So schön, ich muss das fotografieren. Das glaubt mir niemand, wenn ich es jeweils erzähle.»

Auch für Paul Kyburz stimmts: «Solche Traditionen braucht der Mensch. Ich finde es ganz einfach toll. Hier wird etwas gemacht. Er nimmt die ganze Arbeit auf sich und klingelt jedes Mal.» Es habe ihn deshalb sehr wütend gemacht, als es vor einigen Jahren hiess, die Post wolle diese Tradition abschaffen. Doch das ist Schnee von gestern, Daniel Tschabold führt die Tradition gerne fort. Nach dem Aufstieg zum Dahlirain gibts ein Rüebli für Orlando. Pferdebesitzer Peter Kohler begrüsst alle und hält Orlando sein Geschenk hin, dass dieser sogleich verputzt.

Kunden hatten die Idee

Doch wie kam es eigentlich zu dieser Tradition? «Die Kunden sprachen mich darauf an und meinten, ich könnte die Post doch mal auf diese Weise austragen», erklärt Daniel Tschabold. Seither sind mehr als 20 Jahre vergangen, die Variante mit Ross und Wagen hat sich als Tradition etabliert. Der 42-Jährige muss im Vergleich zur normalen Posttour keine grossen oder anderen Vorbereitungen treffen. Mittlerweile gebe es zwar auch samstags mehr Post, wie kleine Päckchen oder Drucksachen. «Doch auf die Postmenge kann ich keinen Einfluss nehmen», sagt er und lacht.

Während des Landdienstes kam Daniel Tschabold aufs Pferd und kaufte mit 18 Jahren ein Fohlen, eben Orlando. Von Haus aus hatte er keine Erfahrungen mit den Tieren. Nebst Orlando, mit dem er Geschicklichkeitsturniere absolviert, besitzt er auch den 16-jährigen Zeus. Mit ihm bestreitet er Springprüfungen. Nomen est omen. «Zeus hat mehr Pfupf als Orlando», erklärt Tschabold.

Tschabold ist auch Pferdemetzger

Seit 2009 betreibt der in Villigen wohnhafte Tschabold eine Pferdemetzgerei. Er schlachtet in Gansingen und verkauft die Spezialitäten an verschiedenen Märkten. Pferde besitzen und solche Tiere auch schlachten, wie passt das zusammen? «Ich finde schon, dass dies zusammenpasst. Denn diejenigen, welche die Pferde nur reiten, haben ein Problem damit. Die Besitzer müssen sich ja Gedanken machen und sich fragen, wie weiter?, wenn es mit dem Pferd nicht mehr geht.» Daniel Tschabold kennt viele Pferdebesitzer, die Pferdefleisch essen. «Allerdings nur Schweizer Ware, das ist wichtig.» Doch das eigene Pferd schlachten, bringt man das übers Herz? «Das kommt drauf an, mal schauen, wenn es so weit ist.»