Im Oval der offenen Rennbahn Zürich-Oerlikon drehen sie seit gestern wieder jeden Dienstag ihre Runden. Mittendrin sind David Jansen und Matthias Minder. Ersterer aktiv im Sattel, der andere hautnah dabei – zunächst als Velomechaniker und nun als sportlicher Leiter. Matthias Minder bezeichnet sich selbst als «Mädchen für alles».

Obwohl im Team mit den neun Nachwuchsfahrern Eigenverantwortung punkto Training vorgeschrieben und gelebt wird, ist Matthias Minder die Anlaufstelle bei Materialproblemen. Jeder Fahrer muss sein Velo selbst paratmachen können. «Habe ich einen kaputten Reifen, gebe ich diesen Matthias ab und erhalte ihn vor dem nächsten Rennen geflickt», sagt der Würenloser Fahrer David Jansen.

Der 29-jährige Sprinter steht mit dem Team vor seiner fünften Saison. Sein Ziel ist es, nach diversen Podestplätzen an den Schweizer Meisterschaften im Keirin oder Sprint nun den Titel zu holen. Er war zunächst Strassenfahrer, sein Stammverein ist der RB Brugg. Heute lebt der Würenloser in Oerlikon, am Ort der «Heimbahn». Zusätzlich agiert er als Lehrmeister des ehemaligen Bieler Eishockeyspielers Marc Frossard und des Griechen Spyros Devaris. «Dave kann auf seinen Erfahrungswert zählen, kann auf die Leute zugehen und glaubwürdig erklären», sagt Matthias Minder über Jansens Vorzüge.

Spannung und Technik

Wenn die beiden über Sprints im Radrennsport sprechen, geraten sie ins Schwärmen: «Die Sprinter sind die Gladiatoren von heute. Da wird Mann gegen Mann gekämpft», erklärt Matthias Minder und fügt an: «Die können sich im Rennen fast die Köpfe einschlagen, danach gehen sie zusammen an die Bar.»

Spannung, Technik und schneller Antritt sind die Schlagworte für den Sprint auf der Bahn, sei es im Kampf-Sprint Keirin mit einem voranfahrenden Schrittmacher oder im Sprint allgemein. «Wenn ich den Strassensprintern zuschaue, kommen mir die Tränen», sagt David Jansen. Da werde nach 200 Kilometern nur am Schluss gesprintet. Bei einem Punktefahren auf der Bahn dagegen gäbe es alle zehn Runden einen Sprint.

Ob man Rennen auf der Strasse oder auf der Bahn austrage, das seien zwei Paar Schuhe. Auch das Training gestaltet sich anders: «Ein Strassenradfahrer trainiert 95 Prozent des Pensums auf dem Rad. Ein Bahnfahrer verbringt 40 bis 50 Prozent seiner Trainingszeit im Kraftraum», erklärt der frühere Strassenfahrer Jansen. So hüpft er beispielsweise beidbeinig die Treppen hoch oder trainiert Hürdensprünge für den schnellen Antritt im Sprint.

Film «Hugo Koblet» als Auslöser

Doch wie kam es eigentlich zum Team mit dem langen Namen? Der Film «Hugo Koblet» über den gleichnamigen Schweizer Radstar, der 2010 in die Kinos kam, gab den Ausschlag. Der Zürcher, der mit Konkurrent Ferdy Kübler in den 50er-Jahren in der Schweiz eine wahre Radsporteuphorie auslöste, war zunächst Bahnfahrer. Dann wechselte er auf die Strasse und gewann 1950 den Giro d’Italia.

In der Verfilmung spielten auch junge Fahrer wie das frühere Teammitglied Stefan Küng mit. «Uns wurde bewusst, dass es in der Schweiz nichts Vergleichbares gibt», sagt Matthias Minder. Beim Schweizer Radfahrerverband «Swiss cycling» sei der Strassen-Ausdauerfahrer im Mittelpunkt, einen Sprinttrainer gibt es nicht.

Alain Baumann gründete das Team «netcycle», Vorgänger des heutigen «Team Track BE electric FOCUS». «Dann brauchten sie noch einen, der Velos zusammenbauen kann», sagt Matthias Minder und lacht. Nach dem Abgang von Alain Baumann übernahm Matthias Minder den Part des sportlichen Leiters. Er hat das Team folglich im ganzen Werdegang begleitet.

Anfangs noch belächelt, bildet das Team die jungen Fahrer auf der Bahn aus. Für die fundierte Strassenrennausbildung wird mit dem Trainingsstützpunkt Aargau zusammengespannt. Eine Kooperation mit dem RV Zürich ist geplant. «Als Team ist es gut, wenn man einen oder mehrere Vereine im Hintergrund hat. Das gibt dem Ganzen eine gewisse Seriosität. Damit es nicht heisst, da sind zwei, drei Verrückte, die irgendetwas machen», sagt Matthias Minder.