Brugg

Zahl der Beistandschaften ist gestiegen — ein Grund sind zerstrittene Eltern

40% mehr Beistandschaften gibt es bei den Babyboomern (Symbolbild).

40% mehr Beistandschaften gibt es bei den Babyboomern (Symbolbild).

Im Jahr 2007 hatten 1,2 Prozent der Bevölkerung im Bezirk Brugg einen Beistand, heute sind es 1,6 Prozent. Das sind die Gründe für den Anstieg.

Die Zahl der Beistandschaften im Kindes- und Erwachsenenschutzdienst (KESD) im Bezirk Brugg ist in den vergangenen Jahren laufend gestiegen. Das ist einem Text zu entnehmen, der im Newsletter des Gemeindeverbands Soziale Dienstleistungen Region Brugg publiziert wurde. In den letzten elf Jahren – vom 1. Januar 2008 bis 1. Januar 2019 – haben sich die Fallzahlen von 557 auf 794 erhöht. Das ist eine Zunahme von 237 Fällen oder 43%.

Die Anzahl der Beistandschaften

Die Anzahl der Beistandschaften

Das bedeutet: Im Verhältnis zur Gesamteinwohnerzahl im Bezirk bestand im Jahr 2007 für 1,2% der Bevölkerung eine Beistandschaft, heute haben 1,6% der Einwohner einen Beistand. Zum Vergleich: Gesamtschweizerisch hatten im Jahr 2007 1,5% einen Beistand, heute 1,6%. Im Kanton Aargau waren es im Jahr 2007 1,3%, die einen Beistand hatten, heute sind es 1,5%.

Jeder Fall hat seine eigene Geschichte und eigene Gründe

Hintergrund: Am 1. Januar 2013 trat das neue Gesetz in Kraft. Die Zunahme der Fallzahlen wird gemäss KESD oft mit diesem neuen Gesetz erklärt. «Dies können wir so nicht bestätigten», wird im Newsletter festgehalten. Für den Bezirk Brugg zeige die Auswertung der Fallzahlen pro Jahr, dass diese zwischen Anfang und Ende 2012 zurückgingen. «Dieser Rückgang dürfte auch auf die Zurückhaltung der Behörden im Jahr vor der Einführung des neuen Gesetzes zurückzuführen sein», heisst es.

Seither seien die Fallzahlen eher weniger stark angestiegen. So betrug die Zunahme zwischen 2007 und 2011 durchschnittlich 5% pro Jahr. Nach dem Rückgang im Jahr 2012 lag die Zunahme in der bis 2018 durchschnittlich bei etwas mehr als 2% pro Jahr.

Wie es genau zu den steigenden Fallzahlen gekommen ist, kann Gabriela Oeschger vom Gemeindeverband Soziale Dienstleistungen Brugg nicht explizit sagen. «Wir wollen auch keine weiteren Vermutungen anstellen. Das ist heikel.» Jeder Fall sei anders, habe seine eigene Geschichte und Gründe.

Im Newsletter erklärt wird aber, wie man sich die steigenden Zahlen in der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen bis 20 Jahre erklärt. 76% mehr Fälle gibt es in diesem Bereich im Vergleich zu vor elf Jahren. «Waren im Jahr 2014 noch 2,5% der Kinder und Jugendlichen in unserem Bezirk verbeiständet, sind es mittlerweile 3%», heisst es im Newsletter.

Im Aargau sind es 2,8%, gesamtschweizerisch 2,7%. «Gründe für den Anstieg der Kindermandate könnten sein, dass die Bevölkerung, aber auch die Spitäler und die Lehrerschaft stärker sensibilisiert sind und eher Gefährdungsmeldungen machen», wird ausgeführt.

Zerstrittene Eltern können sich nicht einigen

Man stelle fest, dass immer wieder zerstrittene Eltern nicht in der Lage sind, sich auf ein gemeinsames Sorgerecht zu einigen. Deshalb müsse eine Beistandschaft errichtet werden. Diese regelt die Unterhalts- und Besuchsrechte der Kinder und schaut, dass diese auch eingefordert werden.

«Weiter werden vermehrt Massnahmen für die Vertretung in Prozessen – zum Beispiel Strafmassnahmen – getroffen», heisst es im Newsletter. «Auch bearbeiten wir vermehrt Vaterschaftsklagen, weil es für ausländische Eltern teilweise schwierig ist, innerhalb der geforderten Zeit die benötigten Dokumente für das Zivilstandsregister zu besorgen.»

Ebenfalls hoch sind die Fallzahlen bei den Babyboomern, also bei jenen Personen in der Altersgruppe von 40 bis 59 Jahren. «Die Fallzunahme liegt hier mit 40% recht hoch», hält der KESD. Dazu kommt: Sowohl in der absoluten Anzahl als auch im Verhältnis zur Einwohnerzahl sind die Fälle der 60- bis 79-Jährigen allein in den letzten zwei Jahren um 30% angestiegen.

Gruppe der jungen Erwachsenen stagniert seit 2016

Es gibt aber auch gute Neuigkeiten: Die Gruppe der 20- bis 39-Jährigen ist unterdurchschnittlich gewachsen und stagniert seit 2016. Es macht sich offenbar bezahlt, dass die Beistände mit Klienten, die volljährig werden, vermehrt auf ein Leben in Selbstständigkeit hinarbeiten, sofern dies möglich ist. Ist das geschafft, können die betroffenen Personen aus der Beistandschaft entlassen werden.

Und auch bei den über 79-Jährigen ist eine starke Abnahme sowohl in absoluten Zahlen als auch gemessen am Anteil dieser Bevölkerungsgruppe festzustellen. Hatten früher 3,6% der Einwohner in diesem Alter einen Beistand, sind es heute lediglich noch 2,1%.

«Hier könnten die Vorsorgeaufträge eine Rolle spielen, die durch Banken und andere Institutionen intensiv beworben werden», heisst es im Newsletter. «Auch dürften die verbesserten individuellen Betreuungsmöglichkeiten wie Spitex, Mahlzeitendienst oder Haushaltshilfe zu einer länger andauernden Selbstständigkeit beitragen», mutmasst der Gemeindeverband Soziale Dienstleistungen Region Brugg.

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