Schachtanlagen, Lüftungsanlagen, Verpackungsanlagen: Bei der Suche nach einem Lager für die radioaktiven Abfälle hat die dritte Etappe begonnen. Das Augenmerk gilt der Oberflächeninfrastruktur, die für die Realisierung und den Betrieb des Tiefenlagers nötig ist. Neben der Oberflächenanlage, in der die radioaktiven Abfälle angeliefert werden, ist die Rede auch von den Nebenzugangsanlagen, die den unterirdischen Teil des Lagers etwa mit Frischluft oder Strom versorgen. Weiter dazu kommen die Bauten für die Erschliessung, die Ausbruchdeponien oder die temporären Flächen für die Baustelleninstallationen.

Für die Anlagen an der Erdoberfläche hat die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) für die verbleibenden Tiefenlager-Standorte – also auch für denjenigen im Bözberg – verschiedene Vorschläge ausgearbeitet. Diese werden nun zusammen mit den potenziellen Standortregionen diskutiert.

Die Ziele sind definiert

Die Interessen der Region Jura Ost vertritt die Regionalkonferenz. Am Donnerstagabend haben sich die 72 Mitglieder – von insgesamt 98 – in der Trotte in Villigen getroffen. Das Hauptthema an der vierstündigen Sitzung war das Bewertungsinstrument für die Oberflächeninfrastruktur, das am Schluss – so viel vorweg – klar mit 54 zu 18 Stimmen angenommen wurde. Zuvor waren an vier Posten lebhaft die Anregungen und Fragen – auch grundsätzliche und durchaus kritische – diskutiert worden.

Das Bewertungsinstrument sei ein Hilfsmittel zum Arbeiten und Vergleichen, sagten Peter Hirt und Reto Porta von der zuständigen Fachgruppe. Es könnten Ergänzungen und spezifische Bedürfnisse einfliessen, Vorschläge eingebracht und Optimierungen aus Sicht der Region vorgenommen werden.

Unterteilt ist das Bewertungsinstrument in die vier Bereiche Umwelt; Gesellschaft und Wirtschaft; Technik/Logistik/Sicherheit sowie Politisch/rechtliche Anforderungen. Definiert sind dazu Oberziele und eine ganze Reihe von Teilzielen samt Gewichtung. Themen sind der Flächenbedarf und die Risiken durch Naturgefahren genauso wie der Erhalt des Naherholungsraums oder der Schutz des Siedlungsbilds und des Grundwassers.

Hier hat die Regionalkonferenz auf Antrag die Formulierung beschlossen «Der Grundwasserschutz muss während der Bau- und Betriebsphase gewährleistet sein», statt das Grundwasser sei «möglichst zu schützen». Die weiteren Anträge wurden in der intensiven Debatte klar abgelehnt. Bemängelt wurde etwa, dass gewisse Sachverhalte zu pauschal benannt und wichtige Aspekte nicht betrachtet wurden.

Mit oder ohne Verpackungsanlage

Auf die Anordnung und Ausgestaltung von Gebäuden und Zugängen sowie die Sichtbarkeitsanalyse und das weitere Vorgehen wiesen die anwesenden Spezialisten hin: Stefan Jordi und Niklaus Schranz vom Bundesamt für Energie (BFE) sowie Maurus Alig von der Nagra.

Im Standortgebiet Jura Ost liegt die Oberflächenanlage gemäss Vorschlag der Nagra schräg gegenüber dem Paul-Scherrer-Institut in Villigen. Sie kann eine Verpackungsanlage beinhalten für die abgebrannten Brennelemente und die hochaktiven Abfälle. In einem zweiten Vorschlag ist eine Verpackungsanlage für alle Abfallarten vorgesehen im Bereich des Zwischenlagers in Würenlingen (Zwilag) auf der anderen Seite der Aare. Die Verpackungsanlage muss sich aber nicht zwingend bei der Oberflächenanlage befinden, betonte Maurus Alig auf die Anmerkung eines Anwesenden. «Es geht darum diejenigen Vorschläge zu prüfen, die technisch wirklich sinnvoll sind.»

Lüftungsschacht nötig

Der Tunnel, der als Hauptzugang zum Tiefenlager dient, wird in kurzer Entfernung von der «Tongrube Schmidberg» auf Böttsteiner Boden aus gebaut. Einerseits kann er von dort aus vorteilhaft in der Opalinustonschicht in die Tiefe führen, erklärte Maurus Alig. Andrerseits werde der Forschungsbetrieb im PSI nicht durch Erschütterungen gestört. Der Abtransport des Ausbruchmaterials erfolgt vom Verladebahnhof von der Beznau-Insel aus.

Für den Lüftungsschacht hat die Nagra ebenfalls zwei Vorschläge erarbeitet: Ein Areal befindet sich auf dem Gemeindegebiet von Bözberg im Taleinschnitt «Itele», eines nördlich von Riniken. Nötig sei am Schluss nur ein Standort, erklärte Alig.

Bis Ende 2020 soll die definitive Stellungnahme zur Oberflächeninfrastruktur der Regionalkonferenz Jura Ost vorliegen. Diese bildet eine Basis für die weitere Ausarbeitung der Projekte durch die Nagra.

Voraussichtlich 2022 will die Nagra kommunizieren, welche Standortregion ihrer Ansicht nach am besten geeignet ist für ein Tiefenlager. Bis 2024 soll in Zusammenarbeit mit der entsprechenden Region die Konkretisierung vorgenommen und ein Rahmenbewilligungsgesuch eingereicht werden. Ueli Müller, Präsident der Regionalkonferenz Jura Ost, rief die Anwesenden dazu auf, sich kritisch, aber sachlich mit dem Thema auseinanderzusetzen.