Wer durch die graue Tür zur Elektrowerkstatt im Kunzareal in Unterwindisch geht, stösst auf einige Trouvaillen für den Alltag: orientalische Lampen, praktische Ledertaschen, mundgeblasene Gläser, Kosmetikprodukte von einem Bio-Bauernhof und alte Möbel mit neuem Anstrich sowie elegante Armbänder aus dem Libanon.

Der Laden im neu benannten Kunzwerk an der Dorfstrasse heisst «Love is the Answer» (übersetzt: Liebe ist die Antwort). Bernd Maresch und Anna Irniger stecken mitten in den Vorbereitungen für den Eröffnungs-Event heute Samstag. Das Ambiente ist familiär. Man duzt sich. Das liebevoll eingerichtete Lokal ist Laden, Büro, Küche und Showroom in Einem. Monatlich finden Degustationen mit einem Rot- und Weisswein statt. Ein weiteres Standbein bildet der Webshop.

Bernd ist erst vor wenigen Stunden von Berlin nach Windisch zurückgekehrt. In der deutschen Hauptstadt kam es zum Handschlag mit der Designer-Firma Sygns, die Neon-Installationen in Zusammenarbeit mit Künstlern oder nach Kundenwunsch produziert. «Diese Lichtkunst bildet nun einen Gegenpol zu unseren syrischen Lampen aus handgefertigten Glastrauben. Trotz aller Wirren und Unruhen in Syrien probieren wir, dieses Kulturgut weiterhin in unserem Angebot zu führen, um die Menschen vor Ort zu unterstützen und damit dieses Handwerk nicht ausstirbt und vergessen geht», sagt Bernd.

Job am Flughafen stellte Weichen

Der 47-Jährige ist der Kopf eines Viererteams. Bernd, Anna, Peter und Thomas sind Freunde, die sich zusammengetan haben, um «Love is the Answer» zu lancieren. Ihre Leidenschaft gilt nützlichen Produkten von hoher Qualität, die mit Liebe zum Detail in kleinen Manufakturen hergestellt wurden. Zu jedem Gegenstand kann Bernd eine Geschichte mit Tiefgang erzählen. Seit 16 Jahren lebt er in der Schweiz, seit dreieinhalb Jahren in der alten Spinnerei in Unterwindisch. Aufgewachsen ist Bernd in Bayern.

In Nürnberg studierte er Betriebswirtschaft und Soziologie. Er war ein Winterstudent, weil er während mehreren Jahren den Sommer in den USA verbrachte. Dort engagierte er sich unter anderem bei Institutionen zur Völkerverständigung. «Ich glaube fest daran, dass man nur über den Austausch mit anderen Kulturen weitere Kriege verhindern kann», bilanziert er.

Dank seinem Studentenjob am Flughafen in Nürnberg kam er mit der damaligen Crossair in Kontakt und zog bald nach Basel. Mit dem Wechsel zur Swissair führten seine Reisen erneut nach Übersee. Als Kadermitglied in der Strategie- und Marketingabteilung war Bernd später weltweit für die Einführung der Marke Swiss mitverantwortlich.

«Mache ich im Hamsterrad weiter?»

Auf seiner ersten Reise nach Schanghai wollte Bernd auch etwas von der chinesischen Kultur mitbekommen. «Doch ich hatte einen Schock. Ich stiess entweder auf Massenware oder die gleichen Boutiquen wie in jeder europäischen Hauptstadt.» Das Ausmass der Globalisierung machte ihm zu schaffen und er geriet ins Grübeln. «Mache ich in diesem motorisierten Hamsterrad weiter wie bisher oder wage ich etwas Neues?» fragte er sich immer wieder.

Drei Jahre dauerte dieser Prozess, bis er die Swiss verliess. Vor einigen Jahren gründete er mit guten Freunden die Kommunikationsagentur Maresch. Die Gruppe dachte viel über nachhaltiges Wirtschaften und Ethik nach. Und sie erinnerte sich, wie wichtig die Menschen sind. Innerhalb eines Jahres kontaktierte sie alle Manufakturen, mit denen sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen konnte.

«Idealerweise sollten alle etwas tun, das sie weiterbringt», sagt Bernd. «Als Kommunikatoren können wir gut Geschichten erzählen und so eine Nachfrage generieren, um ein Gegengewicht zum Massenkonsum zu bilden.» In Unterwindisch bezog das Team Anfang 2015 ein Büro im Technopark – zuerst ein kleines und bald ein grösseres. Im vergangenen November gründete es die Firma «Love is the Answer», damit der Geschäftszweig mit den Produkten aus den Manufakturen eigenständig funktioniert. Zuerst war das Ganze als Webshop konzipiert. Doch immer wieder kamen Kunden ins Büro und wollten die Ware vor Ort kaufen.

Ehemalige Praktikantin an Bord

Als das Lokal in der Elektrowerkstatt nebenan frei wurde, gab es für das innovative Team kein Halten mehr. «Es liegt auf der Hand, dass die Kunden die Produkte anfassen und ausprobieren wollen, bevor sie etwas kaufen», sagt Agentur-Geschäftsführerin Anna. Die 27-jährige Aargauerin lernte Bernd als Praktikantin bei der Swiss kennen. Im letzten Sommer schloss sie das Betriebswirtschafts-Studium an der Fachhochschule in Brugg-Windisch ab.

Anna macht die Arbeit sichtlich Spass: «Ich bin für die Informatik, die Finanzen und das Marketing verantwortlich. Das ist bestimmt abwechslungsreicher, als wenn ich in einer Abteilung einer grossen Beratungsfirma arbeiten würde.» Vor kurzem ist Anna von Brugg nach Unterwindisch in den Spinnerkönig gezogen. Auch Allrounder Thomas lebt im Kunzareal. Einzig Peter pendelt zwischen Berlin und Zürich. «Er sorgt dafür, dass wir immer wieder neue Inputs aus verschiedenen Städten bekommen», sagt Bernd.

Im Kunzareal ist viel kreatives Potenzial vorhanden. Hier findet man schnell Freunde. Bernd versteht daher das neue Lokal auch als eine Art Quartierladen. So kann die Gemüse-Kooperative Biocò ihre Lieferungen ab kommender Woche bei «Love is the Answer» deponieren. Er sei bisher noch nirgends so herzlich willkommen geheissen worden, wie in Unterwindisch, schwärmt der Deutsche. «Alle im Team finden, dass dieser Ort zu uns passt.» Wird es in der Schweiz bald weitere Läden von ihm geben? Bernd äussert sich diplomatisch: «Ich bin für organisches Wachstum. Momentan leben wir unseren Traum hier. Aber es ist sicher immer gut, weitere Träume zu haben.»