Pfadi, Jungwacht, Jubla oder Jungschi: Samstag für Samstag die tollsten Abenteuer. Ein Feuer im Wald, ein Floss auf der Aare, Spuren suchen und ohne Trara und Moralin Wesentliches für das Leben lernen: Im Team arbeiten, Unannehmlichkeiten ertragen und überwinden, andern ein Beispiel sein, Selbstvertrauen aufbauen, Führungsfunktion übernehmen. «Ein Pfadfinder trägt Verantwortung», so steht es im Pfadfindergesetz von 1976, in der Zeit, als Ursula Renold bei den Pfadi mitmachte. Hier sammelte die Bruggerin erste Führungserfahrungen, sie übte sich im Organisieren und übernahm Verantwortung für ihre Gruppe. Rückblickend sagt sie: «Die Pfadfinder hatten einen hohen Stellenwert für mich.» Und einen nachhaltigen.

Verantwortung übernehmen: eines der Prinzipien, das sie ihr ganzes Leben begleitete. Als Direktorin des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie war sie verantwortlich für einen grossen Sektor des schweizerischen Bildungswesens. Als Präsidentin des Fachhochschulrats Nordwestschweiz trägt sie die Verantwortung für die Fachhochschulen der Kantone Aargau, Basellandschaft, Basel-Stadt und Solothurn.

Das wahre Leben gesucht

Von allem Anfang an verstand Ursula Renold den Begriff «Bildung» als etwas Ganzheitliches. Nach den obligatorischen neun Jahren hatte sie die Nase voll von der Schule. Sie suchte «das wahre Leben». Unterstützt von ihren Eltern, trat sie eine kaufmännische Banklehre an, zugleich «eine Entdeckungsreise in die Welt der Erwachsenen». Warum in der Bank? «Ich wollte verstehen, wie Geld funktioniert.» Ein weiteres zentrales Prinzip im Leben von Ursula Renold: das Verstehen-Wollen. Dem lebt sie heute mit derselben Intensität nach, als Leiterin eines Forschungsbereichs, in dem sie international Bildungssysteme vergleicht. «Erkunden, kennen lernen» sind pfadfinderische Eigenschaften. Dort eher in der Natur; für Renold in ihrem Forschungsteam an der ETH Zürich liegt der Fokus nun auf der Verminderung der weltweiten Jugendarbeitslosigkeit.

Lehrer: «Mach mehr aus dir!»

Ganz ohne Schule gings nicht, aber: «Ich war viel lieber in der Bank als in der Berufsschule.» Und doch war es in der Berufsschule, wo Renold einen wesentlichen Motivationsschub erlebte. Früh erkannten die Lehrer ihr Potenzial: «Mach mehr aus dir! Du kannst mehr!» Die junge Lehrtochter nahm ein Fernstudium auf und erlangte auf diesem Weg die Maturität. Das charakterisiert sie bis heute: Das Eine tun und das Andere nicht lassen. Bildung und Forschung. National und international.

Auch die Internationalität, das weite Blickfeld, ist in der Jugendbewegung verwurzelt. Die Pfadfinder bilden eine weltweite Gemeinschaft, erlebbar zunächst in Gruppenstunden und dann in den grösseren Kreisen von Lagern und internationalen Begegnungen. Ab 2012 hob Renold ihr Tätigkeitsfeld auf eine internationale Ebene. Sie absolvierte ein Forschungssemester an der Harvard-Universität in den USA. Zurück in der Schweiz engagierte sie sich wiederum in Bildungsthemen. Sie arbeitet an der Reform der Berufsbildungssysteme anderer Länder mit dem Ziel, die Jugendarbeitslosigkeit zu verringern. Die 56-Jährige baut die Zusammenarbeit mit Universitäten und Bildungsverantwortlichen auf, unter anderem mit den USA, mit Serbien, Hongkong, Singapur, Nepal, Indien und Südafrika. Nicht in einem imperialistischen, sondern in einem einfühlsamen Sinn: «Man muss die Kultur des betreffenden Landes verstehen, um einen aufbauenden Dialog zu führen, der zu Entwicklungsschritten führt, die Eigenart, Rahmenbedingungen und Geschichte eines Landes respektieren.»

Die beste Startplattform

Diese Berufskarriere basiert auf der KV-Lehre. «Ich empfehle eine KV-Lehre als beste Startplattform. Die Berufslehre zur Kauffrau/zum Kaufmann ist in der Schweiz – im Unterschied zum Ausland – eine Allbranchen-Ausbildung.» Es seien
21 Branchen, die 60 Prozent der Ausbildung gemeinsam absolvieren. Nur 40 Prozent seien berufsspezifisch. Dadurch eigneten sich die Lernenden eine breite Allgemeinbildung und vielfältige Kompetenzen an. Diese Lehre werde so zum Sprungbrett für alle erdenklichen Weiterbildungen bis hin zu einem Universitätsstudium. Auch die beiden Top-Banker Sergio Ermotti und Oswald Grübel starteten ihre Berufskarriere mit einer KV-Ausbildung. Renold fährt fort: «Das KV ist eine hervorragende Option für ehrgeizige Jugendliche, die gern Kundenkontakt haben, sei es am Telefon oder auf dem Korrespondenzweg. Heute spielt sich vieles auf internationaler Ebene ab. Die Computertechnologie und das Internet bieten ganz andere Möglichkeiten, als sie uns Ende der 1970er-Jahre offen standen.»

Der Blick in die Ferne ist immer auch ein Blick in den Spiegel: Was ist in der Schweiz wichtig? Für Ursula Renold, die alle Aspekte unserer Berufsbildung kennt, ist bei dieser Frage klar: «Wir haben in der Schweiz ein Bildungsparadies, und zwar in vielerlei Hinsicht. Bei den Strukturen ebenso wie bei den Lehrplänen und dem Unterrichtsniveau, auch bei den zur Verfügung stehenden Mitteln und den Baulichkeiten, in denen Bildung vermittelt wird. Wenn ich das mit manchen ausländischen Schulen oder Universitäten vergleiche . . .» Nachdenklich fügt sie hinzu: «Wir meckern auf hohem Niveau, meinen, alles Erreichte sei selbstverständlich.»

Welche Instrumente helfen?

In der Forschung hat Ursula Renold noch viel vor, will alles verstehen, und diese Haltung kann sie an der ETH ausleben. Alles dreht sich um die Fragen: Was können wir tun, um die Jugendarbeitslosigkeit in verschiedenen Ländern zu mildern? Welche Instrumente sind da erfolgversprechend?

In einem Grundsatzpapier steht: Die Pfadfinderbewegung trägt zur Entwicklung junger Menschen bei. Dies betrifft ihre körperlichen, intellektuellen, sozialen und geistigen Anlagen. Sie sollen ihre Fähigkeiten als Mitglieder ihrer örtlichen, nationalen und internationalen Gemeinschaft einsetzen. Ursula Renold hat diese Leitsätze auf exemplarische Weise verinnerlicht.

*Peter Belart schreibt für die Firma Businessmind GmbH. Diese ist eine Zusammenarbeit mit dem Berufs- und Weiterbildungszentrum Brugg (BWZ) eingegangen.