Fachhochschule Nordwestschweiz
«Wir hätten Platz für 1300 Studierende»

Die Hochschule Technik an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Windisch bildet 1000 Ingenieure aus. Sie hätte Platz für 1200 bis 1300 Studenten. Mit nur 5 Prozent sind die Frauen krass untervertreten.

Hans Lüthi
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Jürg Christener

Jürg Christener

Aargauer Zeitung

Unser Land hat zu wenig Ingenieure und viele junge Arbeitslose. Was läuft da falsch?
Jürg Christener: Offensichtlich passt das Profil der ausgebildeten Leute nicht mit jenem überein, welches unsere Wirtschaft und Gesellschaft braucht. Zudem neigen Arbeitgeber gerade in schwierigen Zeiten dazu, Personen einzustellen, welche bereits Erfahrung gesammelt haben.

Ihre Fachhochschule Technik bildet zu wenig Nachwuchs aus, warum?
Christener: Alle unsere Abgänger finden problemlos eine Beschäftigung. Der Bedarf der Wirtschaft kann nicht befriedigt werden, in diesem Bereich gibt es auch in der heutigen Wirtschaftslage kaum Arbeitslose. Die Nachfrage nach Studienplätzen ist dennoch deutlich zu klein.

Wie hoch ist der Anteil der Frauen, warum gibt es nicht mehr?
Christener: Der Anteil ist immer noch sehr klein. Mit verschiedenen Massnahmen haben wir versucht, ihn zu erhöhen, bis jetzt mit mässigem Erfolg. Es ist nicht offensichtlich, warum Frauen den Schritt zum Ingenieurwesen nicht vermehrt machen wollen. Die Studentinnen halten bei uns sehr gut mit und konnten sich mehrfach mit herausragenden Leistungen profilieren.

Jürg Christener

Jürg Christener ist im Bümpliz bei Bern aufgewachsen, hat an der ETH Zürich Elektrotechnik studiert und war danach
10 Jahre lang bei Zellweger in Uster tätig. Der frühere Dozent an der HTL Oensingen und der FH Aargau ist seit der Fusion 2006 Direktor Technik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Christener hat zwei 14 und 16 Jahre alte Söhne und wohnt in Uster.

Wie hoch ist der Anteil konkret?
Christener: In den Ingenieurstudiengängen bei rund fünf Prozent. Zu Beginn war die Informatik ein Hoffnungsträger, aber in den letzten Jahren hat das Interesse der Frauen an diesem Studiengang stark abgenommen. Eine Ausnahme bildet der Stu-diengang Optometrie, bei welchem der Anteil sogar leicht über 50 Prozent liegt.

Wie viele Studierende hat die FH Technik und wie viele hätten Platz in Windisch?
Christener: Wir haben ziemlich genau 1000 Studierende, von der Infrastruktur und vom Konzept her liesse sich die Zahl jedoch durchaus um 30 Prozent auf 1300 erhöhen. Die Wirtschaft würde die zusätzlichen Ingenieure gerne zur Verfügung haben.

Wann kommt diese Zunahme?
Christener: Das ist offen, in den letzten zwei Jahren gab es eine allgemeine Trendwende von einem Rückgang zu einer Zunahme des Interesses an den Studiengängen zum Ingenieur. In der Nordwestschweiz hat sich das aber noch nicht ausgewirkt, wir haben konstante Neueintritte. Wir würden gerne mehr Studiengäng ausbilden.

Wo liegen die Gründe für den fehlenden Nachwuchs?
Christener: In der Nordwestschweiz haben speziell die beiden Basel, eine hohe gymnasiale Maturitätsquote. In den Kantonen Aargau und Solothurn liegen sie im Durchschnitt der Deutschschweiz. Gerade im Raum Basel gibt es durchaus einen Wettkampf um die Talente durch Gymnasien und Berufsausbildung.

Liegt das Problem nicht tiefer, in einer Technikfeindlichkeit der Gesellschaft und in der schulischen Bildung?
Christener: In den letzten Jahren hat die Technikfeindlichkeit stark abgenommen, speziell bei jungen Leuten. In der Grundschule haben die Sprach- und Geisteswissenschaften jedoch eine zu starke Dominanz gegenüber den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Zudem ist der Lehrkörper durch eine starke Feminisierung geprägt, was auch nicht unbedingt zu einer Stärkung von Naturwissenschaften und Technik führt.

Fehlt es an der nötigen Information der Schülerinnen und Schüler?
Christener: In der Grundschule ist eine Verbesserung der Information sicher wünschbar. In den höheren Schulen ist die Information flächendeckend. Dort besteht eher die Gefahr einer Informationsflut. Um die jungen Leute im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich findet ein reger Wettbewerb statt. Zudem findet sich heute alles Wissenswerte im Internet.

Saubere Energie, mehr Effizienz und Schonung der Ressourcen sind Gebote der Zeit. Was trägt Ihre Schule dazu bei?
Christener: Die Hochschule für Technik hat sich letztes Jahr für die künftige Strategie entschieden, deren Hauptfokus auf die Effizienz der Energien und Ressourcen zu legen. Das ist unser Leitsatz, die jungen Leute sehen mehr und mehr die Notwendigkeit eines Engagements in diesen Gebieten ein.

Wo und wie ist das möglich?
Christener: In der anwendungsorientierten Forschung befasst sich die HS Technik mit CO2-armer Energieerzeugung, mit intelligenter Energieverteilung und sparsamer Nutzung in den unterschiedlichsten Anwendungen. Das ganze Spektrum ist breit, von der Mobilität über industrielle Prozesse bis hin zur Logistik. Ganz wichtig ist natürlich, dass wir Ingenieure und Ingenieurinnen ausbilden, welche für diese Herausforderungen gerüstet sind.

Glauben Sie an Lösungen bei den akuten Umwelt- und Klimaproblemen?
Christener: Ich bin überzeugt, dass die Lösungsansätze primär im technischen Bereich erbracht werden müssen. Die Menschen sind sich gewohnt, den Komfortstand zu behalten, und wollen ihn nicht einfach preisgeben. Also müssen wir mit technischen Lösungen bei gleichem Komfort wesentliche Einsparungen bei der Energie erreichen. Dafür gibt es keine Universalheilmittel.

Klappt die Verbindung zur Forschung am Paul-Scherrer-Institut und die nationale und internationale Vernetzung?
Christener: Die Vernetzung funktioniert gut. Zum PSI pflegen wir intensive Kontakte. Wir führen sogar ein gemeinsames Institut. Nebst den Bildungs- und Forschungsstätten ist für uns die Industrie sehr wichtig. Die Unternehmen sind unsere Hauptpartner. Dank einem Modell, bei dem die Studierenden vom ersten Semester an in Projekten mit der Industrie, ergibt sich eine grosse Anzahl von Kontakten.

Bekommt die FH Nordwestschweiz von den Standortkantonen genügend Unterstützung, auch vom Aargau?
Christener: Mit dem Übergang zur FHNW hat eine Veränderung stattgefunden. Vorher war ein Kanton Träger und hat sich auch verantwortlich gefühlt für die einzelnen Einheiten. Heute sind das vier Kantone, die Distanz ist grösser geworden.

Wie kommt das zum Ausdruck?
Christener: Als Beispiel möchte ich die finanzielle Unterstützung nennen. Die Bedürfnisse müssen über viele Stufen, vom Fachhochschulrat über den Regierungsausschuss, die interparlamentarische Kommission bis in vier kantonale Parlamente kommuniziert werden. Auf diesem Weg besteht die Gefahr, dass entscheidende Elemente verloren gehen. Dazu kommt ein gewisser Argwohn, dass einzelne Kantone zu Lasten anderer zu viel profitieren könnten. Am guten Willen, der auch im Aargau spürbar ist, fehlt es aber nicht. Aber es geht nicht mehr so direkt wie früher.

Wie lautet Ihr Wunsch für die nächsten 5 bis 10 Jahre?
Christener: Dass die Bedeutung der Hochschule für Technik, speziell auch im Hinblick auf Lösungsbeiträge zur Umweltproblematik, wahrgenommen wird und dass sich das sowohl am steigenden Interesse von Studierenden als auch bei der nötigen finanziellen Unterstützung durch die Trägerkantone manifestiert.

Der Jugend zeigen, dass Technik Spass macht

Die legendären Hallerbauten in Windisch sind in den letzten Jahren mit grossem Aufwand erneuert worden. Das erlaubt eine Standortkonzentration für die zwölf Institute der Hochschule für Technik innerhalb der Fachhochschule Nordwestschweiz. Die erneuerte Aula/Mensa und das Laborgebäude in Windisch werden morgen Freitag durch Landammann Roland Brogli und Bildungsdirektor Alex Hürzeler eingeweiht.

Die Hochschule Technik unter der Leitung von Professor und Direktor Jürg Christener nützt die günstige Gelegenheit, sich der Öffentlichkeit und speziell den jungen Frauen und Männern zu präsentieren. Mit Technik live wird am Freitag und Samstag ein Programm angeboten, das auch eine halbstündige, ultimative Physik-Show enthält. Zusammen mit einem Festprogramm wollen Dozierende, Mitarbeitende und Studierende der Institute und Studiengänge die neuesten technologischen Innovationen anschaulich präsentieren.

Dabei geht es um Informatik zum Anfassen, Kunststoff-Neuheiten für das 21. Jahrhundert, die Automation. Weitere Themen: Mikroelektronik bewegt die Welt, Informatik im Weltall, Thermo- und Fluid-Engineering, Elektrische Energietechnik erleben. Zu Technik live gehören auch spannende Experimente für Jugendliche und Kinder. Darunter auch ein Roboterwettbewerb, ein etwas anderer Töggeli-
kasten und eine Sonderausstellung zum Jahr der Astronomie. Sie zeigt die Schönheiten astronomischer Phänomene. Die FH Technik will am Freitag (13 bis 20) und Samstag (11 bis 17 Uhr) «die faszinierende Welt der Forscher und ihre neuesten Entwicklungen zeigen». (Lü.)

Mehr Infos: www.technik-live.ch