Montagsporträt

«Wir dachten, wir bleiben nicht lange hier» – Was eine kanadische Kunstrestauratorin nach Brugg verschlug

Die kanadische Kunstrestauratorin Wendy de Feydeau in ihrem Brugger Atelier: «Man muss Kenntnis haben von alten Techniken und Farben.»Sandra Ardizzone

Die kanadische Kunstrestauratorin Wendy de Feydeau in ihrem Brugger Atelier: «Man muss Kenntnis haben von alten Techniken und Farben.»Sandra Ardizzone

Von Kanada nach Brugg: Wendy de Feydeau setzt in ihrem Altstadt-Atelier Kunstwerke wieder instand.

Wie oft ist man an diesem Haus an der Kirchgasse 3 in Brugg vorbeigegangen. Doch diesmal fällt der Blick auf die Tafel beim Hauseingang und damit auch auf den Namen de Feydeau. Dieser elektrisiert den Theaterfan förmlich, weil er mit dem französischen Dramatiker Georges Feydeau hinreissend konstruierte Bühnenkomödien verbindet. Ist Wendy de Feydeau etwa .. ? «O nein, nicht ich bin mit diesem Autor verwandt, sondern mein Mann. Georges Feydeau ist dessen Ur-Uronkel.» Wie dieser ist auch Daniel de Feydeau ein Franzose. Aufgewachsen ist er jedoch in Kanada, wo er seine Frau Wendy – eine Britin – kennen lernte. Berufliche Gründe führten das Ehepaar vor 22 Jahren in die Schweiz: «Wir dachten, dass wir nicht lange hier bleiben werden, aber nach vier Jahren stand für uns fest: Wir gehen nicht nach Kanada zurück, sondern bleiben in Brugg.» Und damit eröffnete sich für Wendy de Feydeau eine neue berufliche Zukunft.

Im Deutsch der Kanadierin schwingen französische und englische Anklänge mit, was dieses unverwechselbar und sehr sympathisch macht. Die Frage, ob Wendy de Feydeau – wie der Namensvetter – etwas mit dem Theater zu tun hat, erübrigt sich sogleich beim Eintritt in das Atelier. Zwar wären dort viele Requisiten für eine Komödie vorhanden, aber die Stiche, Gemälde, goldenen und silbernen Rahmen, die Glasflaschen, Pinsel und Farben, aber auch ein prächtiger Blumenparavent aus Asien verweisen auf Kunstrestauration.

Kunst und Chemie studiert

In diesem Reich widmet sich Wendy de Feydeau angegriffenen Gemälden und Kunstwerken auf Papier, indem sie diese reinigt, entsäuert und wieder instand stellt. Dieser Prozess der Pflege und des Erhaltens ist aufwendig, gerade im Hinblick auf erlesene Textilien. Die Restauratorin deutet auf einen geöffneten, filigranen Fächer, der unter Glas ruht. Das Besondere: Der Fächer ist mit hauchfeinen Fäden auf einen Stoff in der Farbe Bois de Rose genäht. «Ja, man kann eben nicht nur kleben, sondern auch nähen», sagt die Restauratorin. Versehen mit einem zur Epoche passenden Rahmen, wirkt der Fächer jetzt wie ein komponiertes Gemälde. Nicht umsonst spricht Wendy de Feydeau von Einrahmungen nach Museums-Standard.

Wer restauriere, sagt sie, müsse neugierig sein und immer dazulernen können. Ihren Bachelor in Kunstgeschichte hat sie im kanadischen Toronto absolviert. Dass sie noch zwei Jahre Chemie studiert hat, war für sie unverzichtbar, denn: «Man muss Kenntnis haben von alten Techniken und Farben.» Als sie ein Praktikum in der National Gallery of Canada in Ottawa absolviert und dort in einem Restaurationsatelier schnuppert, ist ihr sofort klar: «Das ist etwas für mich.»

Ihren Master in Art Conservation macht sie später in Kingston: Alles in allem dauert die Ausbildung lange, aber sie ist eine perfekte Einstimmung auf einen Beruf, der dreierlei verlangt: «Geduld, Leidenschaft und Verständnis.» Letzteres übrigens nicht nur für die Kunstschaffenden aus verschiedenen Epochen, sondern auch für die Kundschaft.

Die Mundpropaganda wirkt

Seit zehn Jahren findet man Wendy de Feydeau an der Kirchgasse 3; zuvor war die Kanadierin sieben Jahre gleich um die Ecke, in der Alten Apotheke, zu Hause. Werbung habe sie nie gemacht – dafür wirke die Mundpropaganda umso mehr, sagt sie. Kommt die Kanadierin auf ihre Kunden zu sprechen, hebt sie eines hervor: «Es ist stets eine Frage des Vertrauens.» Die Kundschaft muss sich temporär von teils verschmutzten oder Risse aufweisenden Lieblingen trennen und diese in Obhut einer Frau geben, die ihren Beruf als grosses Privileg empfindet. «Ich bin täglich umgeben von Kunstwerken, an denen mein Herz hängt, weshalb mir der Abschied von ihnen bisweilen schwerfällt. Das Schöne ist, dass mein Atelier sich permanent verändert, weil immer wieder Neues hinzukommt. Deswegen habe ich auch das Gefühl, dass ich in einer Galerie arbeite.» Für Galerien war sie übrigens schon tätig; nun träumt sie davon, «mit einer Gruppe ein Projekt in einer Kirche zu realisieren».

Beitrag im Literaturmagazin

Das Zusammensein mit Menschen bedeutet der Kunstrestauratorin sehr viel, «denn ich übe meinen Beruf ja alleine im Atelier aus». Da sind das Mitwirken im Panflötenchor Baden sowie das Schreiben von Short Stories mit gleichgesinnten Frauen ein schönes Gegengewicht. Es klingt ganz nach britischem Understatement, wenn Wendy de Feydeau betont: «Literarische Ambitionen habe ich nicht.» Sie bewundert die kanadische Kurzgeschichten-Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro: «Wie sie verdichtet, ist unglaublich.» Immerhin: Eine von de Feydeaus Erzählungen war im kanadischen CBC Radio zu hören; weitere Geschichten wurden in amerikanischen Literaturmagazinen abgedruckt: «Und das», sagt die bescheidene Autorin, «ist doch wirklich eine schöne Belohnung für ein Schreiben, das oft genug schwer ist».

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