Nina Birri sitzt auf dem Sofa in der grossen, hellen Küche mit Stuckdecke im zweiten Stock des Wohnhauses am Prenzlauer Berg mitten in Berlin. Die 27-Jährige wohnt ein Stockwerk tiefer in einer ähnlichen Wohnung, zusammen mit einer Polin, einer Australierin und einem Rumänen. Hier im zweiten Stock trifft sie sich ab und zu mit vier Freiämtern in deren WG, wo sie sich wie daheim vorkommt.

Man würde kaum erraten, dass sich diese Wohnung voller Schweizer mitten in der Deutschen Bundeshauptstadt befindet. «Ich hatte vermutet, dass hier Schweizer wohnen müssen, denn ein WLAN-Name im Haus lautet Matterhorny», erinnert sie sich und lacht. Aber erst, als sie den deutlichen Akzent der vier hörte, war sie sich sicher, dass es Schweizer sind. Richtig gesucht hat sie die Schweizer nicht, denn Birri ist glücklich in Berlin angekommen. «Aber es ist schon schön, ab und zu Schweizerdeutsch zu reden.»

Kaum Stellen in der Schweiz

Dass sie vor knapp zwei Jahren von Windisch nach Berlin gezogen ist, hatte zwei Gründe. Einerseits war ihr Freund zum Studieren her gezogen. Der mindestens ebenso wichtige zweite Grund ist etwas komplizierter: «Nach meinem Bachelor in Internationaler Betriebswirtschaft habe ich ein Jahr lang bei der Zürcher Kantonalbank gearbeitet. In einem Projekt zusammen mit der Hochschule St. Gallen ging es vor allem um Design Thinking, also das Entwickeln kundenorientierter Dienstleistungen. Das fand ich sehr spannend.»

In der Schweiz gab es in diesem Bereich noch kaum Stellen. Birri hält fest: «Obwohl die Schweiz ein Dienstleistungsland ist, war sie diesbezüglich noch eine trockene Wüste – zumindest damals.» Also bewarb sie sich in München für ein Praktikum und sammelte Erfahrungen im nahen Ausland.

Nach dem Praktikum wusste Birri nicht genau, wo sie als Nächstes hinsollte. «Die Situation in der Schweiz hatte sich kaum geändert.» Doch als ihr Freund in Berlin zu studieren begann und ihre Arbeitskollegin ebenfalls in Berlin bei Service Innovation Labs eine Stelle annahm, bewarb sich die junge Windischerin ebenfalls bei der Firma und zog im April 2013 in die Deutsche Bundeshauptstadt. «Mein Job gefällt mir sehr gut. Ich kann dabei sowohl kreativ als auch wirtschaftlich orientiert arbeiten.»

Doch wie sieht der Alltag einer Service Designerin aus? «Ich entwickle Dienstleistungen, derzeit unter anderem im Automobilmarkt. Das heisst, das Auto als Dienstleistung ist mein Thema. Dafür interviewe ich beispielsweise Nutzer zu ihrem Umgang mit Autos und Mobilität. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen entwickle ich Konzepte für neue Dienstleistungen.»

Durch ihren BWL-Hintergrund arbeitet sie auch oft an der Entwicklung von Geschäftsmodellen, plant Strategien zur Preisgestaltung und Ähnliches. «Das Ganze ist sehr breit und ich lerne in fast jedem Projekt eine neue Facette von Service Design kennen, eine neue Methode oder auch ein komplett neues Feld. Das ist für mich das Spannendste an meinem Job.» Hier sieht sie den Vorteil Berlins: die Weltoffenheit und die Förderung von Kreativität und modernen Arbeitsmethoden.

Aufnahmeprozedere überstanden

Doch nicht nur in ihrem Job kann sich Nina Birri ausleben: Nachdem sie in Berlin so gut aufgenommen wurde, hat sie sich von der Kreativität und dem Motto «Mach’s einfach!», das die jungen Leute in Berlin zu verbinden scheint, anstecken lassen. Denn neben ihrem kopflastigen Job näht und strickt sie sehr gerne. «Nähen muss ich natürlich daheim, weil ich dafür die Nähmaschine brauche. Aber zum Stricken gehe ich im Winter auch gern mal in ein hübsches Café, davon gibt es in Berlin ja jede Menge.»

Ihre Kreationen verkauft sie online. «Alles in meinem Shop ist von mir selbst entworfen und angefertigt. Zurzeit arbeite ich sehr gerne mit Wollstoffen, sowohl für Kleider als auch Mäntel. Ich mag klassische Stücke in neutralen Farben, die ich lange tragen kann und die zu ‹Lieblingssachen› werden.»

Doch dieses Hobby möchte die kreative Aargauerin vielleicht bald schon zum Beruf machen und damit ihren Kindheitstraum verwirklichen: «Ich habe mich an der Universität der Künste (UDK) für das Fach Modedesign angemeldet», sagt sie. «Früher war das für mich ungefähr auf gleichem Möglichkeitslevel wie Popstar oder Supermodel.» Sie berichtet: «Es gibt ein aufwendiges Aufnahmeprozedere an der UDK, wobei es sehr darauf ankommt, dass ein Potenzial der Studenten zu sehen sein muss.» Umso stolzer ist sie darauf, dass sie angenommen wurde.

Das Schneidern und auch das Stricken hat die Windischerin von ihrer Mutter gelernt und an der Kantonsschule erste Designs entwickelt. Um das Nähen nicht zu verlernen, arbeitet sie momentan nur 90 Prozent, während sie die restlichen 10 Prozent ihrem Hobby widmet.

Weitere fünf Jahre Berlin?

Durch das Studium würde sie weitere fünf Jahre in Berlin bleiben. «Ich bin jetzt also irgendwie mal ein bisschen da», sagt sie mit einem Lachen. Was sie an Berlin am meisten mag, ist, «dass jeder genau so sein darf, wie er will. Da schaut dich keiner komisch an. Ich mag diese Freiheit im Kopf. Momentan gefällt es mir sehr gut hier und ich möchte nicht zurück in die Schweiz.»

Ob sie das Studium aber tatsächlich antritt, muss sie sich noch überlegen. «Derzeit suche ich einen Praktikumsplatz im Mode-Bereich, um mich danach besser entscheiden zu können. Das Studium würde im Sommer beginnen. Ich bin selber gespannt, wofür ich mich entscheiden werde.»