Windisch
«So hat man Industriegeschichte noch nie erlebt» – Museum Aargau will alle fünf Sinne ansprechen

Im SBB Historic-Gebäude werden noch bis Ende Oktober 150 Exponate zur Industriegeschichte des Kantons in der Sonderausstellung «Von Menschen und Maschinen» präsentiert. Chefkurator Rudolf Velhagen verrät, warum er alle Aargauerinnen und Aargauer zum Besuch ermuntert und wie die Pandemie die Ausstellung noch aktueller gemacht hat.

Carla Honold
Drucken
Teilen
Die Sonderausstellung «Von Menschen und Maschinen» von Museum Aargau ist noch bis Ende Oktober für Besucherinnen und Besucher zugänglich.

Die Sonderausstellung «Von Menschen und Maschinen» von Museum Aargau ist noch bis Ende Oktober für Besucherinnen und Besucher zugänglich.

Bild: Severin Bigler

Eigentlich hätte «Von Menschen und Maschinen – Streifzug durch die Aargauer Industriegeschichte» nach einer sechsmonatigen coronabedingten Verschiebung im letzten Oktober beginnen und diesen Frühling enden sollen. Doch die Pandemie machte Museum Aargau unter der Führung von Direktor Marco Castellaneta erneut einen Strich durch die Rechnung. Nach der Schliessung im vergangenen Dezember öffnete die Sonderausstellung ihre Tore im April wieder. Rudolf Velhagen, Chefkurator Museum Aargau, erinnert sich:

«Die pandemiebedingte Unsicherheit war sehr anstrengend für uns.»

«Publikumsfördernd waren die beiden Lockdowns, die wir durchmachten, sicherlich nicht», weiss Velhagen. Bis anhin hat die Ausstellung die erhofften Besucherzahlen nicht erreicht. Die Ausstellungshalle im SBB Historic-Gebäude in Windisch wurde erst von wenigen tausend Besucherinnen und Besuchern aufgesucht. Bekannt geben will Museum Aargau die genauen Zahlen Anfang November. «Jene, die schon hier waren, zeigen sich begeistert», betont Kunsthistoriker Velhagen.

Die Ausstellung soll wie ein guter Film sein

Velhagen, der seit 2019 als Chefkurator Sammlungen und Ausstellungen für Museum Aargau tätig ist, erklärt: «Wir möchten uns mit der Ausstellung an eine jüngere Generation sowie an ein weibliches Publikum wenden.» In anderen industriegeschichtlichen Ausstellungen insbesondere im Technikbereich werden diese Zielgruppen gemäss Velhagen oftmals aussen vor gelassen.

Chefkurator der Ausstellung im SBB Historic-Gebäude in Windisch ist Rudolf Velhagen.

Chefkurator der Ausstellung im SBB Historic-Gebäude in Windisch ist Rudolf Velhagen.

Bild: Carla Honold

«Kinder und Jugendliche sprechen wir durch die Einlösung vom Text in der szenischen Umsetzung an.» Die Arbeiterernährung, die im 19. Jahrhundert vorherrschte, Karotten und Kartoffeln, ist entsprechend in der Kulisse physisch präsent. «Das Publikum wird mit allen fünf Sinnen miteinbezogen.» Velhagen erklärt die Einzigartigkeit der Ausstellung:

«So hat man Industriegeschichte noch nie erlebt.»

Es wurde darauf geachtet, dass auf den teilweise leinwandhohen Fotografien neben Männern auch Frauen und Kinder abgebildet sind. «Die grossen Bilder kommunizieren den Ausstellungsinhalt ohne Text und verleihen der Sonderausstellung einen kinematografischen Charakter.» Das Bildmaterial sei im Konzept enorm wichtig, so Projektverantwortlicher Velhagen. «Das Ausstellungserlebnis soll immersiv sein, also wie das Eintauchen in einen guten Film. Geschichte soll bei uns nicht bloss gezeigt, sondern erlebt werden.»

Solidarisierung mit der Arbeiterschaft

«Von Menschen und Maschinen» sei zudem insofern interaktiv, als dass in einer Begleit-App Fragen zur heutigen Lebensweise gestellt werden. Auch müssen die Museumsgänger am Anfang der Begehung gleich eine Entscheidung treffen. Ihnen steht die Wahl zwischen zwei Erlebniswelten – jene der Arbeiterschicht und jene der Patrons – offen. Velhagen berichtet:

«Die meisten wählen die Welt der Arbeiterschaft. Wir beobachten dort eine gewisse Solidarisierung.»

Für weithergereiste Besucherinnen und Besucher sind alle Texte in der Ausstellung in Englisch und Französisch zu lesen. Gelohnt habe sich dies, wegen der coronabedingt ausbleibenden Kundschaft, rückblickend nicht. Auch der Diskussionsraum am Ende der Ausstellung konnte nicht so oft genutzt werden, wie ursprünglich erwartet. Schulklassen und Lehrpersonen hätten die Ausstellung zwar besucht, aber nicht in der erhofften Quantität.

In «Von Menschen und Maschinen» zeigt Museum Aargau mehr als 200 Jahre Industriegeschichte des Kantons.

In «Von Menschen und Maschinen» zeigt Museum Aargau mehr als 200 Jahre Industriegeschichte des Kantons.

Bild: Carla Honold

Der Spiegelsaal der Objekte ist das Aushängeschild

«Die tieferen Besucherzahlen könnten auch damit erklärt werden, dass das SBB Historic-Gebäude an der Lagerstrasse in Windisch nicht zentral gelegen ist und wenig Laufkundschaft anlockt», so Velhagen. Doch einen anderen Ausstellungsort kann er sich nicht vorstellen. «Das Gebäude in der Nähe der Bahngleise und der Kabelwerke Brugg passt atmosphärisch zum Museum-Aargau-Motto ‹Geschichte am Schauplatz erleben›.» So beginne das Erlebnis bereits auf dem Weg zur Ausstellung.

Auch das Ambiente in der 1200 Quadratmeter grossen Ausstellungshalle passe gemäss dem Projektverantwortlichen perfekt zum Ausstellungsinhalt. Der 59-Jährige ergänzt:

«Es ist eine Art Kathedrale der Aargauer Industriegeschichte.»

Besonders stolz ist er auf den Spiegelsaal der Objekte, in dem Aargauer Industrieinnovationen zu sehen sind. «Er ist das Highlight der Ausstellung.»

Der Boden sowie die Decken des Spiegelsaals reflektieren die ausgestellten Objekte.

Der Boden sowie die Decken des Spiegelsaals reflektieren die ausgestellten Objekte.

Bild: Carla Honold

Noch aktueller durch die Pandemie

Was aufging, war die Annäherung an ein junges Publikum. «Überraschend viele junge Leute und insbesondere junge Paare durften wir in Windisch begrüssen», freut sich Velhagen. Der Projektverantwortliche führt aus:

«Sie wollen wohl bewusst ihren Lebensraum kennen lernen und haben nach den Lockdowns den Wunsch, von der virtuellen zurück in die haptische Welt zu kommen.»

Velhagen findet: «Die Sonderausstellung trifft einen Zeitnerv und wurde durch die Pandemie noch aktueller.» Der in der Ausstellung aufgezeigte Wandel der Arbeitsweise von Heimarbeit zur Fabrikarbeit im 19. Jahrhundert habe Ähnlichkeiten mit der Verschiebung ins Homeoffice.

Industriegeschichte von 1800 bis 2020

Das neuste Exponat ist der Schreibtisch «Standly».

Das neuste Exponat ist der Schreibtisch «Standly».

Bild: Carla Honold

Dieser Veränderung trage auch das neuste Ausstellungsstück Rechnung. Das Stehpult «Standly» des Brugger Künstlers Jonas Studer und der Designerin Sophie Bürgin steht ganz am Anfang der Museumsräume. Nur 6,5 Kilogramm wiegt der Stehtisch aus Karton. Auf die Idee von 2015 folgte 2020 die Umsetzung ausgelöst durch die Pandemie.

«Von Menschen und Maschinen» deckt mit 150 Exponaten mehr als 200 Jahre Aargauer Industriegeschichte ab. Das älteste Ausstellungsstück ist ein Trachtenvorhemd hergestellt um 1800. Zum grössten Teil stammen die Objekte aus der historischen Sammlung von Museum Aargau in Egliswil, die man einmal monatlich besuchen kann.

Die meisten Ausstellungsstücke in «Von Menschen und Maschinen» stammen aus der Egliswiler Sammlung, einige wenige sind Leihgaben.

Die meisten Ausstellungsstücke in «Von Menschen und Maschinen» stammen aus der Egliswiler Sammlung, einige wenige sind Leihgaben.

Bild: Severin Bigler

Bis zum Ende ein volles Programm

Aufgrund der durchwegs positiven Rückmeldungen ermuntert Velhagen die Aargauer Bevölkerung, ihre Chance zum Besuch von «Von Menschen und Maschinen» wahrzunehmen. «Einige Besucherinnen und Besucher kamen sogar zwei- bis dreimal zu uns nach Windisch.» Bis am 31. Oktober ist die Ausstellung noch offen. Montags ist die Ausstellung geschlossen. An den restlichen Wochentagen kann man «Von Menschen und Maschinen» von 13 bis 17 Uhr besuchen. Samstags und sonntags ist die Ausstellung von 10 bis 17 Uhr offen.

Im Rahmen der öffentlichen Führung «Vom Indiennedruck zum Industrieroboter» können Besucherinnen und Besucher die Kreativität der Aargauer Industrie hautnah miterleben. An der öffentlichen Finissage am 7. Oktober findet unter anderem ein Konzert von Mario Marchisella, dem Soundtrack-Komponisten von «Von Menschen und Maschinen», statt.

Dem Cobot kann beim Verrichten seiner Arbeit zugeschaut werden.

Dem Cobot kann beim Verrichten seiner Arbeit zugeschaut werden.

Bild: Carla Honold

Und an der «Hellen Nacht» von Museum Aargau am 22. Oktober wird die «Co-Botik», die Zusammenarbeit von Menschen und Robotern, thematisiert. Ein solcher «Cobot» der Firma Bachmann Engineering aus Zofingen kann auch in der Ausstellung live beobachtet werden.

Aktuelle Nachrichten