Windisch
«Windisch ist für mich keine Diva, kein Snob»

Gesamtschulleiter Martin De Boni (62) verlässt Windisch. Im Abschlussinterview verrät er, warum er sich vor elf Jahren für diese Gemeinde entschieden hat, wie er über seinen Abschied denkt und was er jetzt mit seiner Freizeit anfangen will.

Janine Müller
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Martin De Boni war elf Jahre als Gesamtschulleiter in Windisch tätig. «Beruflich bin ich hier glücklich geworden. Es waren wohl meine erfolgreichsten Berufsjahre», sagt er im Gespräch mit der az. Alex Spichale

Martin De Boni war elf Jahre als Gesamtschulleiter in Windisch tätig. «Beruflich bin ich hier glücklich geworden. Es waren wohl meine erfolgreichsten Berufsjahre», sagt er im Gespräch mit der az. Alex Spichale

Alex Spichale

Martin De Boni, Sie haben sich entschlossen, Windisch zu verlassen. Wenn man sich umhört, gibt es nur lobende Worte für Sie. Wie fühlen Sie sich dabei?

Martin De Boni: Einerseits macht mich dieses Lob sehr verlegen. Und auf der anderen Seite bleibt eine riesige Freude. Ich hätte das nie erwartet. Es ist ein Geschenk, eine riesige Überraschung.

Warum haben Sie das nicht erwartet?

Meine Arbeit war für mich selbstverständlich. Ich erhalte einen Lohn und mache dafür meinen Job. Und dann ist es nichts anderes als okay, wenn man diesen gut erledigt. Meine Erwartung wäre erfüllt gewesen, wenn am Schluss jemand gesagt hätte: «Du hast deine Arbeit gut gemacht, vielen Dank dafür.»

Wie geht es Ihnen, wenn Sie an diesen Abschied denken?

Er ist mit Wehmut verbunden. Auch am Jugendfest und am Zapfenstreich habe ich gemerkt, dass ich in Windisch über die Schule hinaus Freunde gefunden habe. Es ist einerseits Freude, jetzt aufbrechen zu können, und andererseits der Trennungsschmerz, der durchaus vorhanden ist.

Seit 40 Jahren mit dem Töff unterwegs

Martin De Boni wurde am 2. März 1954 geboren. Er hat einen erwachsenen Sohn (32) und ist verheiratet. De Boni liest sehr gerne Romane beinah jeglicher Couleur, je nach Stimmung, wie er sagt. In seiner Freizeit pflegt er seine Partnerschaft und seine Freundschaften. «Ich esse gerne gut und geniesse einen feinen Wein dazu», ergänzt De Boni. Weitere Hobbys sind Kino, Musik (von AC/DC bis ZZ Top) und – natürlich – sein Motorrad. «Ich fahre seit 40 Jahren mit Leidenschaft Motorrad.»

Wie haben Sie es geschafft, sich eine breite Akzeptanz zu erarbeiten?

Ich wollte nicht eine Meinung durchdrücken oder eine Haltung. Ich stellte die Sache in den Vordergrund, suchte Lösungen, auch wenn es bei einer Abmachung gegenteilig vorgesehen war.

Geben Sie ein Beispiel.

Ein einfaches Beispiel: Ein Schüler wählte Französisch als Wahlfach ab. Dann zeigte sich bei seinen Berufsaussichten, dass es gescheiter wäre, wenn er den Französischunterricht besuchen würde. Er kam zu mir und ich sagte: «Du machst mir jetzt schon etwas Sorgen. Wir müssen schauen, was wir machen können.» Es fand sich eine Lösung. Die Lehrerin war bereit, den Schüler in die Französischklasse aufzunehmen. Es lohnte sich also, Lösungen zu suchen.

Warum war Ihnen das so wichtig?

Ich habe gelernt, dass man in der Zusammenarbeit weiter kommt, wenn man anständig ist. Man hat jeweils zwei Möglichkeiten: Ist man mit der Meinung des Gegenübers nicht einverstanden, kann man den Hammer hervorholen. Oder ich kann eine Person fragen, ob wir eine gemeinsame Lösung finden können. Ich glaube, diese Art hat auch dazu beigetragen, dass die Leute meine Arbeit respektiert haben.

Den Hammer brauchten Sie nie?

(überlegt lange) Nein. Obwohl es im Dialog nicht immer ging. Einmal musste ich gemeinsam mit Barbara Stüssi (ehem. Schulpflegepräsidentin, d. Red.) eine Lehrperson zum Zimmer raus begleiten und sagen: «Sie arbeiten nicht mehr hier. Sie machen so viel Chaos, bringen so viel Unruhe.» Diese Lehrperson hat sich mit Hand und Fuss gewehrt. Das war so die handfesteste Aktion, an die ich mich erinnern kann.

Aber offensichtlich sind das nicht Aktionen, die sie gesucht haben.

Nein. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich eine öffentliche Person bin. Die Leute beobachten einen immer von zwei Seiten. Die einen sagen: «Gut, jetzt ist etwas gegangen.» Und die anderen sagen: «Spinnt ihr eigentlich, was macht ihr mit dieser Person?» Damals ging ein Kind, das gerne zu dieser Lehrperson zur Schule ging, nach Hause und erzählte, dass Frau Stüssi und Herr De Boni die Lehrperson aus dem Zimmer geschleift haben. Es beschwerten sich dann zwei Väter beim damaligen Gemeindeammann Hanspeter Scheiwiler und sagten, der Schulleiter sei sein Geld nicht wert.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich bin jetzt 62 Jahre alt und seit 20 Jahren Schulleiter. Da hat sich eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Solange es nur Einzelfiguren sind, die herumbellen . . . Meine Frau sagt jeweils, dass sie in solchen Situationen das weisse Mäntelchen anzieht. Dieses steht für den Psychiater.

Psychiater sein ist wohl auch ein Teil eines Schulleiters.

Schon. Ich merke manchmal bei anderen Kolleginnen und Kollegen, nicht einmal unbedingt bei jüngeren, dass sie beginnen, die Probleme zu wälzen. Sie schlafen dann nicht mehr gut. Ich sagte ihnen dann jeweils: «Setze all das, was du gehört hast, in einen Gesamtkontext. Du musst dich nicht wegen zwei, drei Meinungen kaputtmachen.» Das heisst aber nicht, dass man diese Situationen nicht ernst nehmen darf.

Sie haben als Schulleiter viel initiiert. Vor allem auch die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund war Ihnen wichtig. Warum?

Ich mache meine Arbeit wegen der Kinder. Ich wurde aus Überzeugung, aus Herzblut Lehrer. Und ich machte die Erfahrung, dass, je besser ein Kind startet, desto besser liegt es dann im Rennen. Wenn man sich nur etwas in die Literatur vertieft, dann merkt man, dass der Rückstand, den diese Kinder mitbringen, sich nicht auswächst. Im Gegenteil: in der Regel wird er noch grösser.

Was lässt sich dagegen tun?

Die Frühförderung ist wichtig. Viele Kinder kommen mit grossen Defiziten in den Chindsgi. In diesen Fällen muss man früh ansetzen – bei den Vorschulkindern, bei Krabbel- und Spielgruppen. Und: Man muss bei den Eltern anfangen. Sie müssen die Erziehung an die Hand nehmen – mal mit den Kindern ein Feuer machen, eine Schneehütte bauen, auf Bäume klettern, Steine übers Wasser schiefern lassen. Die Kinder werden dabei selbstsicherer und gewinnen Lebenserfahrung. Wir haben übrigens auch Schweizer Kinder, die emotional und kognitiv sowie bezüglich Erfahrungen unterversorgt in die Schule kommen.

Mit den Schulprojekten waren die Lehrer bestimmt gefordert.

Ja, es gab sicher viel, das die Lehrer betraf. Bei diesen Projekten muss die Arbeit im Schulzimmer im Zentrum stehen, damit diese Arbeit besser wird. Ein Teil ist auch die Weiterbildung in der Informatik. Diese ist ein wichtiger Bereich, hat eine erzieherische, pädagogische Herausforderung, gerade auch im Umgang mit digitalen Medien, Umgang mit Gewalt . . .

. . . wie man ja jetzt beim Fall Paul gesehen hat.

Ganz genau. Hier erwarte ich von Lehrpersonen, dass sie nicht blind sind. Sie müssen meiner Meinung nach auf dem Laufenden sein, was im Internet passiert und was passieren kann. Sie müssen auf dem Laufenden sein, was «ihre» Kinder im Internet tun.

Muss der Lehrer diese Verantwortung übernehmen?

Ja. Wenn es die Eltern nicht machen, nicht können, dann ist es Sache der Schule. Die Schule darf sich vor solchen Herausforderungen nicht verschliessen. Und hier kommen wir manchmal mit den Lehrpersonen in den Clinch, ob sie mitmachen wollen oder nicht. Vielleicht müsste man anfangen, die Organisationsform der Schule den neuen Bedürfnissen anzupassen. Ein Schritt ist ja, dass man jetzt Schulsozialarbeit hat.

Warum haben Sie es als Schulleiter so lange an einem Ort ausgehalten?

Diese Frage ist einfach zu beantworten. Ich war einfach gerne in Windisch.

In Ihrem ersten Interview mit der az haben Sie gesagt, dass Windisch Ihrer Biografie entspricht. Was meinten Sie damit?

Ich hatte vor elf Jahren die Wahl zwischen Windisch und einer relativ reichen Gemeinde. Ich bin ein Arbeiterkind. Und Windisch ist für mich keine Diva, kein Snob. In Windisch wohnen bodenständige, fleissige, gute, normale Leute – da bin ich zu Hause. Zudem bietet die Schule gute Arbeitsbedingungen. Beruflich bin ich hier glücklich geworden. Ich sage manchmal, dass es meine elf besten Berufsjahre waren. Das stimmt allerdings nur indirekt, da ich es beim Arbeiten nie schlecht gehabt habe. Von daher waren es vielleicht nicht die besten, aber wenn ich sehe, was jetzt am Schluss abgeht, dann waren es wohl meine erfolgreichsten Berufsjahre.

Wieso haben Sie dann gekündigt?

Aus verschiedenen Gründen. Ich tue mich schwer mit Wiederholungen. Ich gestalte und entwickle gerne, begleite Projekte. Ich bin so eine Art Hebamme. Danach nur schauen, dass es weiter läuft, das mag ich nicht.

Hat Ihnen die Herausforderung gefehlt für die nächsten Jahre?

Nein, die Herausforderungen sind da. Aber parallel dazu läuft eben auch eine gewisse Routine. Sie müssen sich ein Mobile vorstellen. Dieses kam langsam in Schräglage. Dann kommt dazu, dass meine private Planung mich schon seit fünf Jahren nach Kreuzlingen verschlägt. Windisch-Kreuzlingen ist einfach kein Arbeitsweg. Ich hatte zwar in Mülligen eine kleine Wohnung, bin dann aber am Freitagabend, manchmal auch am Donnerstagabend, nach Kreuzlingen gefahren und am Sonntagnachmittag wieder zurückgekehrt. Immer am Sonntag sackte meine Stimmung in den Keller. Als ich dann hier war, war wieder alles gut. Aber eine ganze Arbeitswoche von zu Hause weg sein, ist mühsam. Dinge, wie im Zimmer herumgrümschele, alte T-Shirts sortieren oder im Keller aufräumen, das musste ich am Wochenende machen. Ich hatte kein richtiges Daheim mehr. Das war auch ein Teil, der das Mobile in Schräglage brachte.

Was waren weitere Teile?

Vielleicht auch die Müdigkeit. Der Gedanke, etwas kürzerzutreten, kam auf. Ich muss nicht bis zum Zieleinlauf wie ein Verrückter gehen. Ich möchte mich schon zuvor etwas zurücknehmen. Es tut auch dieser Gemeinde gut, wenn es eine Stabübergabe gibt und ein Neuer kommt, der frischen Wind bringt. Mich entlastet es, ich darf rausgehen in einem guten Moment. Ich habe nächstes Jahr nicht die wiederkehrenden Dinge, auch wenn sie klein sind.

Was für Dinge?

Das sind Dinge wie Einschulung, Schulweg, Diskussionen wegen der Promotion, die im Einzelfall für die Betroffenen extrem wichtig sind. Aber ich hatte oft den Gedanken: «Schon wieder.»

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie Ihren Job nicht mehr richtig ausüben konnten?

Es geht in diese Richtung. Ich musste mich zusammenreissen, damit ich weiterhin freundlich bin. Nur weil sie jetzt halt die elften Eltern sind, die wegen der Promotion oder der falschen Zuteilung an mich gelangen, kann ich ja nicht sagen: «Jetzt hört doch mit dem Seich auf.» Für diese Eltern ist das Problem brandaktuell. Für mich hingegen war es langsam genug. Dann wird man den Menschen nicht mehr gerecht. Das darf nicht sein. Ich hätte es schon noch zwei Jahre geschafft, da bin ich Profi genug, aber es stimmte einfach nicht mehr ganz für mich.

Was machen Sie jetzt unmittelbar nach Arbeitsschluss?

Ich gehe zwei Monate auf Reisen. Der Plan ist, dass es keinen Plan gibt. Das ist ein riesiger Luxus, da freue ich mich enorm drauf. Im ersten Monat möchte ich mit dem Töff nach England fahren. Und im zweiten Monat treffe ich mich mit zwei Kollegen in Sardinien. Ich bin spartanisch unterwegs, nehme eine Gepäckrolle mit, ein Mätteli und ein Zelt. Die Reise ist der Reset meiner geistigen und emotionalen Festplatte. Darum hat die Reise auch einen symbolischen Gehalt. Etwas hinter sich lassen, nach vorne gehen.

Und wie geht es beruflich weiter?

Im Januar möchte ich als Freelancer bei einer Firma einsteigen, die Konfliktmanagement für Schulen anbietet, die Führungsprobleme oder Probleme auf der strategischen und operativen Ebene haben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft.

Es klingt abgegriffen. Aber ich bin
62 Jahre alt und wünsche mir darum Gesundheit. Ich möchte lange aktiv sein, beweglich bleiben. Sonst habe ich alles.

Was wünschen Sie der Schule Windisch?

Dass sie den Drive und die Energie beibehält.