Brugg-Windisch

Wie Islamisten Jugendliche ködern – und welche besonders gefährdet sind

Die Aufnahme zeigt eine Koran-Verteilung von radikalislamischen Salafisten im April 2012 am Potsdamer Platz in Berlin.

Die Aufnahme zeigt eine Koran-Verteilung von radikalislamischen Salafisten im April 2012 am Potsdamer Platz in Berlin.

Claudia Dantschke referierte an der Fachhochschule in Brugg-Windisch zu «Politik im Namen Allahs: Politischer Salafismus» und sagte, was die Politik besser machen kann.

Was tun, wenn die eigene Tochter, der eigene Sohn in den Dschihad reisen wollen? Sind Salafisten die besseren Sozialarbeiter? Wie werden die Jugendlichen radikalisiert? Was kann der Staat oder die Gesellschaft tun, damit dies gar nicht passiert? Wie geht man mit Dschihad-Rückkehrern um?

Es sind spannende Fragen, mit denen Claudia Dantschke nach ihrem Referat an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch von den Besuchern konfrontiert wurde. Ihnen vorausgegangen ist ein genauso spannender Vortrag über den Salafismus.

«Der IS ist die Stasi hoch zehn»

Claudia Dantschke, 54, wurde 1963 in Leipzig, damals noch DDR, geboren. Religion spielte in ihrem Leben keine Rolle, das sieht sie heute in ihrer Funktion als Vorteil. «Missionarisches perlt an mir ab», sagt sie. Erfahrung hat sie auch mit der ständigen sozialen Überwachung in der DDR gemacht. Das hilft ihr in der Forschung. Sie sagt: «Der IS verhält sich wie die Stasi hoch zehn.»

Claudia Dantschke, Islamexpertin und Journalistin

Claudia Dantschke, Islamexpertin und Journalistin

Ursprünglich wollte sie Ethnologin werden, studierte dann aber Arabistik. Sie schloss ihr Studium Mitte der Achtzigerjahre ab, arbeitete danach als Fremdsprachenredakteurin in der arabischen Abteilung der DDR-Nachrichtenagentur. Nach der Wende wurde sie Produzentin für den kleinen Fernsehsender AYPA-TV. Dieser fokussierte sich auf den Austausch der türkischen Community in Westberlin. Wieder ein Vorteil für Dantschke: Heute kennt sie aus dieser Zeit die Moscheen und die Imame.

2001 begann sie, für das Zentrum Demokratische Kultur zu arbeiten, das unter anderem das Projekt Exit – ein Programm für Aussteiger aus der Neonaziszene – initiierte. Seit Sommer 2011 leitet sie die Initiative Hayat-Deutschland. Hayat (Türkisch und Arabisch für «Leben») wurde vom Zentrum Demokratische Kultur gegründet und ist eine Beratungsstelle für Personen und Angehörige von Personen, die sich salafistisch radikalisieren oder sich dem militanten Dschihadismus anschliessen und gegebenenfalls in Konfliktregionen ausreisen. Hayat ist auch eine Anlaufstelle für Personen, die mit dem militanten Jihadismus brechen und gewalttätige Gruppen verlassen wollen, heisst es auf der Website. Hier geht es zu Hayat Deutschland.

Zurück zu ihrem Referat an der Fachhochschule. Hintergrund: Der Schweizer Nachrichtendienst geht von einer rund 500-köpfigen Islamistenszene im Land aus. Die Schweiz hat Kenntnis von 81 Dschihad-Reisenden, zumeist Jugendliche. Hotspots sind Winterthur, Aarburg, aber auch Zürich und Basel.

In ihrem anderhalbstündigen Vortrag zeigte Claudia Dantschke eindrücklich auf, wie sich Jugendliche – viele nicht einmal zwingend mit muslimischem Hintergrund – radikalisieren. Die Salafisten machen sich die Unsicherheit der Jugendlichen zunutze. Besonders gefährdet seien Jugendliche, die sehr autoritär erzogen wurden oder dann solche, die aus einem instabilen familiären Umfeld stammen. «Salafisten sind oft die besseren Jugendarbeiter», sagt Claudia Dantschke. Ergänzt aber: «Natürlich nur auf den ersten Blick.»

Das Kind wird plötzlich brav

Das Perfide: «Salafisten gelingt es, auf Augenhöhe mit Jugendlichen zu diskutieren. Sie nehmen deren Probleme und Sorgen ernst, hören zu», führt Dantschke aus. «Sie geben ihnen das Gefühl, dazuzugehören, egal, woher sie kommen, wie arm, wie reich sie sind oder aus welchem Land sie stammen.» Wichtig sei den Salafisten, dass diese Menschen den Weg zum richtigen Islam gefunden haben. Und dann packen sie die salafistische Angst-Pädagogik aus. Sagen, dass in die Hölle kommt, wer Drogen nimmt, klaut, Alkohol trinkt oder Sex vor der Ehe hat. Die Folge davon: Jugendliche, die ihren Eltern zuvor Sorgen gemacht haben, weil sie vielleicht gekifft haben, kleinkriminell waren oder sonst auffielen, werden in einer ersten Phase ruhig und brav. Die Eltern sind beruhigt, sind froh, dass das Kind scheinbar den richtigen Weg wieder gefunden hat. Dass dem nicht so ist, merken sie allerspätestens, wenn die Tochter oder der Sohn von einem Tag auf den anderen verschwinden und sich dann aus Syrien melden.

Wichtig: Experten unterscheiden unter vier Bewegungen im Salafismus, der sehr heterogen ist. Erstens gibt es die Puristen, die schlicht sehr orthodox ihren Glauben ausleben. Dann gibt es zweitens den politisch-missionarischen Salafismus, der Gewalt ablehnt. Die Mehrheit der Salafisten ist diesem zugehörig. Drittens gibt es den politisch-missionarischen Salafismus, der den bewaffneten Dschihad legitimiert, allerdings beispielsweise nicht zu Terroranschlägen aufruft. Und viertens gibt es noch den dschihadistischen Salafismus, wie ihn der IS vertritt.

Mehr Mittel für Sozialarbeit

Der Verfassungsschutz in Deutschland beobachtet die Gruppen zwei, drei und vier. Das sind laut Dantschke ca. 10 000 Personen in Deutschland. Ein Salafist ist also nicht gleich zwingend ein islamistischer Terrorist, aber die meisten islamistischen Terroristen sind Salafisten.

Um islamistischen Extremismus und Radikalisierung zu verhindern, gibt es für Claudia Dantschke nur einen Weg: «Es braucht mehr finanzielle Mittel für Familienberatung, Jugend- und Sozialarbeit. Und möglicherweise braucht es auch Religionsunterricht zum Islam. Und zwar ein Unterricht, der das Hinterfragen zulässt, der kritisch ist.» Dantschke ist überzeugt, dass Prävention den Staat günstiger käme, als die Wiedereingliederung von Dschihad-Reisenden, wie es im Moment passiert.

Mit diesen arbeitet auch Claudia Dantschke. Sie begleitet sie seit der Rückkehr auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft. Von den Gerichtsverfahren, über den Gefängnisaufenthalt bis ins neue Leben. Häufig hat sie es mit traumatisierten Menschen zu tun. «Damit die Wiedereingliederung gelingt, müssen sie ihre sämtlichen Taten offenlegen», betont Claudia Dantschke. Sie schaut auch in die Zukunft und meint: «Vergessen wir nicht all die Frauen, die aus dem Dschihad zurückkommen mit Kindern von Männern, die dort ums Leben gekommen sind.» Diese Generation werde viel Arbeit bedeuten.

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