Still fliesst die Aare hier, selbst wenn sie Hochwasser führt. Stilli heisst der Ort folglich zurecht. Das Dorf der ansässigen «Stiller», das seit 2006 politisch zur Gemeinde Villigen gehört, ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine Ortschaft durch «seinen» Fluss geprägt werden kann, führt Historiker Max Baumann vor 30 Gästen im Bärensaal zu Stilli aus.

Vor 567 Jahren, als die Herrschaft Schenkenberg beschloss, hier ein Fahr zu errichten, sind fünf Familien nach Stilli gezogen. Sie haben den Grundstein gelegt für den wirtschaftlichen Aufstieg.

Dass die Fähre jahrhundertelang Erfolg hatte, ist wenig überraschend: Einerseits können hier, kurz nach dem Zusammenfluss von Limmat, Reuss und Aare drei grosse Flüsse auf einmal überquert werden, andererseits haben sich die Wassermassen bereits wieder beruhigt und fliessen einmütig gen Norden.

Zu viel Hochwasser für eine Brücke

Weniger klar ist, wie die Fähre als solches und die Wirtschaft über den Fluss und auf dem Fluss als Ganzes funktioniert haben und warum nicht einfach eine Brücke über die Aare geschlagen wurde. Letzteres versuchten die Gutsherren, Marquarte und Grafen zwar mehrfach und noch bevor das Fahr überhaupt nach Stilli verlegt wurde.

Einfache Holzpfähle wurden in den Grund der Aare gerammt, darüber Bretter gelegt und fertig war die Brücke. Doch beim erstbesten Hochwasser wurden die Pfähle wieder weggeschwemmt, was die Anlagen aufwendig und unrentabel machte. Ein Fahr hingegen trotzte den Hochwassern und war weit weniger beschwerlich zu errichten.

Fähre auf dem Weg nach Zurzach

Um genau zu sein, überquerten bei Stilli sogar zwei Fähren die Aare. Ein kleineres Personenschiff brachte die Fussgänger ans andere Ufer, während Kutschen, Fuhrwerke und ganze Viehherden mit dem Wagenschiff übersetzten.

Seine Blütezeit erlebte Stilli zur gleichen Zeit wie der Flecken Zurzach im 16. Jahrhundert, wo jeweils Anfang September im Zuge der Wallfahrten zum Grab der heiligen Verena eine Warenmesse stattfand.

Zu dieser Zeit waren Flüsse wie die Aare noch freie Reichsstrassen, die nicht zu einer Grafschaft oder zu einem Königreich gehörten; Historiker Baumann spricht von «Exterritorialität». Die Flussschifffahrt war ein wichtiges Transportmittel und Stilli an einem geografisch idealen Ort gelegen.

Folglich waren die Stiller auch in der Schifffahrt tätig. Darüber hinaus waren sie verpflichtet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durchgehend ihre Fähre zu betreiben, 360 Tage im Jahr. Eine andere Fähre gab es weit und breit nicht, dafür legte die Regierung den Preis für die Überfahrten fest.

Damit aber nicht genug. Die umtriebigen Männer und Frauen bauten Mühlen aus einer Art «Doppelschiff», das auf der Aare trieb.

Während auf einem Schiff das Mahlwerk installiert war, diente das zweite Schiff hauptsächlich dazu, das andere abzustützen, damit das Konstrukt gleichmässig auf der Aare balancierte. Im Verlauf der Zeit wurde die Hochwasser gefährdete Anlage allerdings aufs Land verschoben.

Im 19. Jahrhundert kam ein weiteres Gewerbe hinzu, als aufgrund des einsetzenden Liberalismus im grossen Stil Wälder gerodet wurden. Die gefällten Bäume haben die Stiller als Flosse an ihren Bestimmungsort verfrachtet.

Ein reisefreudiges Völklein

Im Vergleich zu ihren Zeitgenossen waren die Stiller weitherum berüchtigt. Immer wieder mussten sie vor Gericht ziehen, sei es, um ihre Taverne zu gegen die Stadt Brugg zu verteidigen oder ihre Fischereirechte zu verteidigen.

Die tägliche Arbeit auf den Fähren war zudem sehr beschwerlich und brachte ihnen den Ruf der «rauen Fährmänner» ein. Nichtsdestotrotz reiste mancher Stiller öfter und weiter weg als ein Adliger aus Brugg oder Baldegg, weil auf den Märkten und Messen in Zürich, Luzern, Bern oder gar Amsterdam um Preise gefeilscht werden musste.

Ein jähes Ende nahm die Zeit des Fahrs Anfang des 19. Jahrhunderts, als zwei für den Ort katastrophale Ereignisse einen weiteren Betrieb der Fähre verunmöglichten. 1902 wurde das Kraftwerk Beznau gebaut und trotz Fischtreppe, gab es fortan keine Lachse mehr in der Aare. 1903 folgte der Bau der Brücke und damit die Einstellung des Fährbetriebs.

Was bleibt, ist die bevorzugte Lage, geschützt vor Hochwasser an einer stillen Stelle der Aare und die reiche Geschichte, die wohl niemand treffender und packender erzählen könnte als Max Baumann.