Feine Rauchschwaden entweichen aus dem Kohlenmeiler beim Schützenhaus von Scherz und Schinznach-Bad. Schon von Weitem riecht man je nach Wetterlage den Rauch. Das hat auch mit dem Standort zu tun, normalerweise werden Kohlenmeiler im Wald aufgebaut. Um den Kohlenmeiler, der zum 777-Jahr-Dorffest von Scherz aufgebaut wurde, kümmert sich Doris Wicki.

Die Köhlerin verbringt Tag und Nacht im Schützenhaus, überwacht den Kohlenmeiler, schüttet alle zwei Stunden Brennmaterial ins Fülliloch nach – auch nachts. Wir treffen sie um halb elf am Vormittag. Dankbar nimmt sie eine Tasse mit Kaffee in Empfang und setzt sich an den Tisch im Festzelt, das extra für die Kohlenmeiler-Zeit aufgebaut wurde. Von hier hat Doris Wicki einen guten Blick auf den Kohlenmeiler. Kontrolle ist ihr wichtig. Weggehen kommt für sie nicht infrage. Kürzlich wollte sie ein Besucher zu einem externen Mittagessen einladen. Doch Doris Wicki winkte ab. «Mir wäre überhaupt nicht wohl, wenn ich den Kohlenmeiler auch nur für eine Stunde nicht im Blick hätte», sagt sie.

«Gepfupft» wie ein Vulkan

Die Köhlerin aus dem luzernischen Entlebuch nimmt ihren Job ernst, will, dass alles gut abläuft, damit am Ende gute Kohle entsteht. Das Wetter in den letzten Tagen hat es ihr aber nicht einfach gemacht. Der starke Wind blies viel Sauerstoff in den Kohlenmeiler. So viel, dass es im obersten Teil des Meilers Risse gab. «Der Meiler hat wie ein kleiner Vulkan gepfupft, das war gerade etwas Action», beschreibt es Doris Wicki. Sie musste rasch reagieren, rannte gemeinsam mit Helfern zum Meiler und klopfte mit Schaufeln die Löschi, das schwarze Gold – also den schwarzen Mantel, der den Meiler abdichtet – wieder an. Aufgrund des Windes ist der Verkohlungsprozess bereits weit fortgeschritten.

Doris Wicki (59) ist die einzige Köhlerin der Schweiz. Zurzeit betreut sie den Kohlenmeiler beim Schützenhaus in Scherz.

Köhlerin Doris Wicki

Doris Wicki (59) ist die einzige Köhlerin der Schweiz. Zurzeit betreut sie den Kohlenmeiler beim Schützenhaus in Scherz.

Für die Köhlerin, die seit 2004 Event-Köhlerei anbietet, war es eine neue Erfahrung. «Ich lerne bei jedem Projekt dazu», sagt sie und lacht. Von Frühling bis Herbst ist die Entlebucherin in der Schweiz unterwegs und baut mit den unterschiedlichsten Menschen Kohlenmeiler. «Mit jeder Gruppe beginne ich wieder bei Null», sagt sie. Genug davon hat sie nicht. Sie geniesst dieses Nomadenleben – noch jedenfalls. Auch in den Nächten, in denen es nur sie und den Kohlenmeiler gibt. Dann, wenn sie sich alle zwei Stunden wieder aus dem Bett schälen muss, die Stiefel anzieht und zum Meiler stapft, der nach Brennmaterial verlangt.

Von den Haaren zur Kohle

Ursprünglich lernte die Bauerntochter Coiffeuse. «Als es bei mir um die Berufswahl ging, war es nicht möglich, in verschiedene Berufe reinzuschnuppern. Sonst wäre ich wohl im Wald gelandet», erinnert sich Doris Wicki. «Und weil ich immer dem Grossvater die Haare schnitt, war irgendwie klar, dass ich Coiffeuse werde.» Lange war sie in diesem Metier tätig, baute sich einen Kundenstamm auf, war glücklich. Sie führte in Zetzwil ein Geschäft.
Dann machte sich ihr Partner selbstständig im Bereich geosolare Wärmesysteme. «Es war gedacht, dass ich die Büroarbeit übernehme», sagt Doris Wicki. «Nach gut einem Jahr musste ich aber eingestehen, dass das nichts ist für mich.» Daraufhin wechselte sie selber auf die Baustelle, verlegte Bodenisolationen und Bodenheizungen. «Das handwerkliche Können liegt bei uns in der Familie», vermutet Doris Wicki.

Mit der Köhlerei kam sie schon früh in Kontakt, da ihr Vater und ihre Brüder im Entlebuch die Köhlerei wieder für sich entdeckten. Und während Doris Wicki ihrem eigenen Beruf nachging, verwirklichten die Brüder neben ihren Jobs Köhlerei-Projekte. Doch irgendwann wurde es ihnen zu viel, denn Geld verdienen lässt sich damit nicht. Niemand interessierte sich aber für die Köhlerei. Bis dann Doris Wicki fand: «Dann mache ich es halt.» Sie fand es wichtig, dass das Wissen um dieses alte Handwerk nicht verloren geht. Mittlerweile ist sie seit 2009 Mitglied des Präsidiums des Europäischen Köhlervereins.

Der Aufbau des Kohlenmeilers.

Der Aufbau des Kohlenmeilers.

Zudem hofft die 59-Jährige, dass sie bald das erste Köhlerei-Zentrum der Schweiz aufbauen kann. Geplant ist dieses in Mettauertal beim Schützenhaus. «Die Bevölkerung ist informiert, nun braucht es noch die Bewilligungen sowie die finanziellen Mittel», sagt Doris Wicki. Und irgendwann – so hofft sie – wird sich dann weiterhin jemand für die Köhlerei interessieren und dereinst ihren Job übernehmen.

Bis dann aber wird Doris Wicki von Frühling bis Herbst durch die Schweiz reisen und im Winter in der Tourismusbranche in Sörenberg arbeiten. In Scherz steht der Kohlenmeiler noch bis Samstag. Am 27. Mai wird die Kohle bei schönem Wetter vor Ort verkauft. Danach wird die Köhlerin nach Hause ins Entlebuch fahren. Dort wird sie zuallererst in die Badewanne steigen, noch bevor sie ihr Auto ausräumt. Das ist das ganz eigene Abschluss-Ritual eines Projekts von Doris Wicki.