Zur Vorgeschichte: R. (Name der Redaktion bekannt) wusste schon länger um das nahe Ende jener Firma, in der er eine leitende Stelle bekleidete. Deshalb schaute er sich bereits ab Januar 2013 nach einem neuen Posten um. Die Erfahrungen waren für den mehrsprachigen Elektronik-Ingenieur und Marketingplaner, der in der Schweiz und im Ausland Positionen an der Spitze von Technologie-Konzernen innegehabt hatte, enttäuschend, ja schmerzlich.

R. schrieb innert eines Jahres rund 200 Bewerbungen, auf die er nur Absagen bekam. Per Mail. Immer wieder las er die Standardantwort: «Ihr Profil gehört nicht zu unserem Favoritenkreis.» Er habe sich oft in Inseraten erkannt, sagt R. und betont: «Ich war überzeugt, dass das Geforderte auf mich zutrifft, aber dann hiess es: ‹Sie sind zu teuer› oder ‹Sie sind überqualifiziert›.»

Oder zu alt? R. nickt. «Explizit damit hat zwar niemand die Absagen begründet. Doch unterschwellig spürte ich das.» Aufgeben war und ist indessen nicht R’s. Sache, weshalb er sich noch einen Plan B – den Weg in die Selbstständigkeit – zurechtlegte. Und: Er orientierte die Öffentlichkeit an einem Anlass, den das RAV Brugg (Regionales Arbeits- und Vermittlungszentrum) organisiert hatte.

Dort ging es um die Probleme älterer Arbeitnehmer und deren Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. R. erzählte in seinem charmanten, französisch akzentuierten Schweizerdeutsch, von seiner langen Berufserfahrung; Plänen, Projekten und Menschen. Tags darauf rief ihn die az-Redaktorin an. Ob er nicht mehr über seine Erfahrungen erzählen wolle? Doch, gerne. Um eines aber bitte er: Anonymität. Kurze Zeit nach Erscheinen des Artikels meldete sich der Besitzer einer Firma aus Gipf-Oberfrick bei R. Diese ist auf die Verlegung von Glasfaserkabeln für Hightech-Netzwerke spezialisiert.

«Ich habe immer daran geglaubt»

Noch vor Weihnachten lernten sich der Unternehmer und R. kennen und – schätzen. Intensive Gespräche über die Tätigkeiten der Firma sowie die künftigen Aufgaben von R. als Verkaufs-, Planungs- und Projektmanager schlossen sich an, bis es jetzt zur Vertragsunterzeichnung kam. Dass er ein Jobangebot bekommen würde – daran hat R. stets geglaubt. Die Frage war bloss: Wann. «Als diese eine kam, wusste ich: Du musst auf diesen Zug aufspringen.»

Der 52-Jährige wirkt entspannt. Am 1. März wird er seine neue Stelle antreten. Er freut sich auf seine Arbeit und den künftigen, etwa 20-minütigen Arbeitsweg ins «meistens sonnige Fricktal». In seine Freude mischt sich jedoch auch leise Traurigkeit. R. denkt an die vielen älteren Kolleginnen und Kollegen, die nach wie vor, Tag für Tag, eine Stelle suchen. In ihrem Namen will R. Arbeitgeber ermutigen, ohne Vorurteile auf ältere Menschen zu vertrauen. «Wer 50 ist, hat viele Erfahrungen gemacht, hat andere Prioritäten, ist pflichtbewusster.»

Und noch etwas: Für R. ist das «primäre Messen an Fachkompetenz problematisch, dabei ist die Sozialkompetenz sehr wichtig: Es sind doch die Mitarbeitenden, die den Ruf einer Firma bilden.» Sozialkompetenz, Respekt vor jedem Menschen und damit natürlich auch vor Älteren – das sind Anliegen, die R. mit Sicherheit weiter beschäftigen werden.