Wärmebildkamera
Wie diese Brugger Rehkitze mit Drohnen vor dem Mäh-Tod bewahren

Die Brugger Fritz Lüssi (73) und Heinz Zubler (71) retten mit ihrer Arbeit leben. Sie lassen Drohnen, die mit einer Wärmebildkamera ausgestattet sind, über Felder fliegen, um Rehkitze ausfindig zu machen, die von ihrer Mutter im Feld abgelegt wurden.

Janine Müller
Drucken
Teilen
Rehkitzsuche mit Drohne
13 Bilder
Rehkitzsuche mit Drohne Diese Drohne ist mit einer Wärmebildkamera ausgestattet.
Rehkitzsuche mit Drohne Die Drohne startet.
Rehkitzsuche mit Drohne Auf dem iPad wird die Flugroute der Drohne programmiert.
Rehkitzsuche mit Drohne Auf dem iPad wird die Flugroute der Drohne programmiert.
Rehkitzsuche mit Drohne Stets die Drohne und den Monitor im Auge.
Rehkitzsuche mit Drohne Bereits das dritte Jahr ist Fritz Lüssi aus Brugg als Drohnenpilot unterwegs.
Rehkitzsuche mit Drohne Auf der Website rehkitzrettung.ch wurde er auf das Engagement aufmerksam.
Rehkitzsuche mit Drohne Fritz Lüssi (rechts) sucht mit einer Drohne und Wärmebildkamera Wiesen nach Rehkitzen ab, bevor die Bauern mähen. Hanspeter Meyer von der Mühle Scherz und Obmann der Jagdgesellschaft Birr-Chestenberg ist ebenfalls vor Ort.
Rehkitzsuche mit Drohne Auf dem Monitor erscheinen die Aufzeichnungen der Wärmebildkamera.
Rehkitzsuche mit Drohne Mit dieser Zange und Marken werden die gefundenen Rehkitze markiert.
Rehkitzrettung So sieht es aus, wenn sich ein Rehkitz in der Wiese versteckt und wie es hinausgetragen wird. In Scherz hat sich kein Rehkitz in der Wiese versteckt.
Rehkitzrettung So sieht es aus, wenn sich ein Rehkitz in der Wiese versteckt und wie es hinausgetragen wird. In Scherz hat sich kein Rehkitz in der Wiese versteckt.

Rehkitzsuche mit Drohne

Janine Müller (jam)

Es ist 5.30 Uhr in der Früh an einem Samstagmorgen. Während andere noch friedlich schlummern, sind Fritz Lüssi und Heinz Zubler schon auf den Beinen. Ihre Mission: Leben retten. Die Leben von Rehkitzen, um genauer zu sein. Mit dem Auto geht es nach Scherz. Die beiden Männer tauschen sich während der Fahrt über den einen oder anderen Tennismatch vom Vorabend aus.

Fritz Lüssi instruiert seinen Kollegen nochmals, was er zu tun hat, wenn sie ein Rehkitz finden. Dann erreichen sie Scherz. Hinter dem Büselweiher parkiert Fritz Lüssi sein Auto am Wegrand. Langsam dämmert es. Vereinzelt pfeift ein Vogel in einem Gebüsch, ansonsten ist es still. Es sind diese ruhigen Minuten, bevor die Welt erwacht. Aus dem Kofferraum hievt Fritz Lüssi seine Drohne. Diese ist mit einer Wärmebildkamera ausgestattet. Indem er mit dieser Drohne über ein Feld fliegt, kann er Rehkitze ausfindig machen, die von ihrer Mutter im Feld abgelegt wurden.

Im dritten Jahr unterwegs

Bereits das dritte Jahr sind Fritz Lüssi und Heinz Zubler gemeinsam unterwegs. Die beiden kennen sich über den Tennisclub Brugg. Vom Modellfliegen kam Fritz Lüssi zum Fliegen mit Drohnen. Aufgrund der Kritik, mit der sich Drohnenpiloten konfrontiert sahen – beispielsweise bezüglich Privatsphäre –, suchte er sich eine Möglichkeit, wie er sein Hobby sinnvoll einsetzen kann. «Ich stiess dann im Internet auf die Website rehkitzrettung.ch», erzählt der 73-Jährige. In einem Kurs lernte er, wie er die Drohne mit der Wärmebildkamera einsetzen kann und was zu tun ist, wenn im hohen Gras tatsächlich ein Rehkitz entdeckt wird. Die Ausrüstung schaffte er sich selber an. Gut 6000 Franken hat ihn das Ganze gekostet. «Würde man heute alles neu anschaffen, käme es sicher noch teurer», meint er.

In Scherz installiert Fritz Lüssi ein Stativ mit iPad. Auf diesem kann er die Drohne programmieren. Auf dem Bildschirm wird das betroffene Feld sichtbar sowie die Route, die die Drohne abfliegen wird. Dann statten sich Heinz Zubler und Fritz Lüssi mit dem Monitor aus, auf dem die Bilder der Wärmebildkamera sichtbar werden. Fritz Lüssi lässt die Drohne starten, mit einem leisen Surren steigt sie in die Luft, wird immer kleiner. Dann nimmt sie Kurs auf Richtung Feld.

Die Monitore flackern, schemenhaft erscheint das Bild, ein paar helle Flecken tauchen auf, dann verschwindet das Bild. Etwas stimmt mit der Kamera nicht, die an der Drohne montiert ist. Fritz Lüssi holt die Drohne zurück, lässt sie landen. Vom Kiesweg wirbelt Staub auf, dann stehen die Propeller still. Sorgfältig untersucht Fritz Lüssi die Kamera und merkt: Ein Draht ist abgerissen. Ärgerlich.

Inzwischen ist der Jagdpächter des betroffenen Landstücks eingetroffen, und auch Hanspeter Meyer, Obmann der Jagdgesellschaft Birr-Chestenberg und Inhaber der Mühle Scherz, macht sich vor Ort ein Bild. Mit dabei hat er die Zange und entsprechende Marken, um das Rehkitz gleich markieren zu können – sofern eines in der Wiese gefunden wird. Heinz Zubler ruft den Männern – halb scherzend, halb ernst gemeint – zu: «Fritz und ich setzen uns für die Rettung der Rehkitze ein und ihr Jäger knallt sie dann wieder ab.» Heinz Zubler ist mit Herzblut bei der Sache. «Mir tun die Rehkitze einfach leid», sagt er. «Darum mache ich das.» Rundherum ist auch die Natur erwacht. Quakend fliegen Enten über das Feld, ein Milan kreist in der Luft, ein Graureiher lässt sich am Waldrand entdecken. Im Gebüsch raschelt und piepst es.

Ein heller Fleck erscheint

Derweil verstreichen die Minuten. Auf den Monitoren erscheint noch immer kein klares Bild. Sobald sich die Kamera bewegt, bricht der Kontakt ab. Fritz Lüssi verliert die Geduld nicht. Konzentriert macht er sich ans Werk, steckt Drähte aus und wieder rein. Dem ehemaligen Maschinenbauschlosser, Konstrukteur und Werkstattleiter gelingt es doch noch, ein akzeptables Bild auf den Monitor zu bekommen. Wieder lässt Fritz Lüssi die Drohne steigen; diese nimmt ihre ursprüngliche Flugroute auf. Sollte sich ein Rehkitz im Feld befinden, würde sich dieses als ganz weissen Fleck auf dem Monitor zeigen. Meter um Meter überfliegt die Drohne das Feld. Dann plötzlich: Ein heller Fleck erscheint auf dem Monitor. Heinz Zubler geht dem Feld entlang, versucht, den Fleck auf dem Feld zu verorten. Ein kurzer Check zeigt: Es ist lediglich ein Dohlendeckel, der wärmer ist als der Rest der Umgebung. Am Ende des Fluges ist klar: In diesem Feld liegt kein Rehkitz. Der Landwirt kann das Gras mähen, ohne Angst zu haben, ein Rehkitz zu töten.

Fritz Lüssi ist von seiner ehrenamtlichen Arbeit überzeugt. «Von den Drohnenflügen profitieren das Wild, die Jäger und die Bauern», sagt er. Einerseits müssen so keine Jungtiere qualvoll sterben, andererseits ist der Aufwand für die Jäger und Bauern, Rehkitze zu suchen, kleiner. Und drittens ist auch das Vieh von Bauern weniger gefährdet. «Es kommt nämlich vor, dass das Vieh stirbt, wenn es Gras frisst, das mit Dioxin verseucht ist, das vom Fleisch von verendeten Rehkitzen entstehen kann», sagt Fritz Lüssi.

Nur eine Übergangslösung

Er macht sich stark für den Einsatz von Drohnen. Allerdings: «Es fehlen uns die Drohnenpiloten, die bereit sind, ihre Zeit zu investieren.» Und er findet auch, dass sich die Technik noch verbessern müsste. «Der Funk zwischen Kamera und Monitor ist schwach», erklärt er. «Doch die Maximalstärke ist gesetzlich vorgegeben. Hier bräuchte es allenfalls noch Änderungen.» Fritz Lüssi ist aber überzeugt, dass die Drohnenflüge zur Rettung von Rehkitzen eine Übergangslösung sind. «Früher oder später wird es möglich sein, dass Bauern an ihrem Traktor Sensoren oder Kameras montieren können, die Rehkitze registrieren.»

Dann packt er seine Ausrüstung wieder zusammen, steigt ins Auto und braust mit Heinz Zubler davon. In Schupfart wartet ein weiterer Landwirt auf die Drohnenergebnisse, damit er unbesorgt die Wiese mähen kann.

Das hält der Kanton vom Drohneneinsatz für die Rehkitzrettung

Die Stiftung Wildtiere Aargau macht in einem aktuellen Flyer Bauern und Jäger auf die Rehkitzrettung mittels Drohnenflug aufmerksam und gibt Tipps, wie der grausame Tod von Rehkitzen vermieden werden kann. So empfiehlt die Stiftung, die Wiese jeweils gut zu beobachten sowie Scheuchen aufzustellen, die Wildtiere vergrämen. Beim Mähen soll die Schnitthöhe 10 bis 15 Zentimeter und nicht weniger betragen. So werden auch Amphibien vor den Messern verschont. Der Einsatz der Drohnenpiloten erfolgt übrigens auf freiwilliger Basis. Die Piloten erhalten pro Feld 30 Franken für ihre Arbeit. Diesen Betrag bezahlt der Verein rehkitzrettung.ch. Denn die Bauern sollen nicht dafür aufkommen müssen. Derzeit ist geplant, dass die Piloten zusätzlich Ende Jahr 300 Franken von den Jagdgesellschaften für ihren Einsatz erhalten.

Erwin Osterwalder, Fachspezialist Jagd beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU), empfiehlt eine herkömmliche Methode zur Rehkitzrettung. «Mit geringem Materialaufwand wie Haselnussstangen, leeren Plastiksäcken, Tüchern oder einer Rehfiepe können die gleichen Ergebnisse wie mit dem Drohneneinsatz erzielt werden.» Der Zeitaufwand sei ebenfalls ähnlich. «Diese Art der Rehkitzrettung wird von den Aargauer Jagdgesellschaften seit Jahren erfolgreich durchgeführt.» Grundsätzlich begrüsse der Kanton jede Art der Rehkitzrettung, so auch mittels Drohne und Wärmebildkamera. Aber: «Wir sehen den Drohneneinsatz als mögliche Ergänzung zur konventionellen Rehkitzrettung, aber nicht als Ersatz für diese», sagt Osterwalder.

Die Vorteile der Drohnensuche seien, dass die Wiese nicht betreten und systematisch abgesucht werden müsse. Als Nachteil nennt er die Praktikabilität der Methode. «Der Entscheid, eine Wiese zu mähen, erfolgt witterungsbedingt meist sehr kurzfristig. Bei entsprechender Witterung müssen gleichzeitig riesige Wiesenflächen abgesucht werden. Praktisch müsste jede Jagdgesellschaft eine entsprechende Drohne inklusive Pilot zur Verfügung haben», gibt er zu bedenken. Und: «Die Wärmebildkamera kann nur frühmorgens eingesetzt werden, wenn man den Temperaturunterschied von Rehkitz und Wiese noch sieht.» Weiter hätten Drohnen für verschiedene Tierarten, insbesondere für Vögel, ein grosses Störpotenzial. (jam)

Aktuelle Nachrichten