Farbforschung

Wettiger Schüttgelb bis Hallwiler Graugrün: In diesen Farben erstrahlt der Aargau

Farbforscher und Maler Stefan Muntwyler hat gemeinsam mit dem Badener Geologen André Lambert ein Projekt umgesetzt – entstanden ist ein Aquarellkasten mit Farben aus den Aargauer Regionen.

Die Streifzüge mit seinem Vater, einem malenden Lehrer, sind für Stefan Muntwyler unvergesslich. Weil es dabei nicht nur um das Kennenlernen neuer Gegenden, sondern vor allem um das Staunen ging – beispielsweise über das, worauf die Füsse standen: Erde. Oder Steine.

Der junge Muntwyler begann früh zu sammeln und hat damit nie aufgehört. «Farben aus Erden, Steinen und Pflanzen sind meine Leidenschaft; der Aargau ist meine Heimat, meine kleine Welt.» Diese ehrt der Farbforscher, Maler und Pigmentsammler nun mit dem Aargauer Aquarellkasten, den er als sein «Herzstück» bezeichnet (siehe Box am Ende des Artikels).

Wer den zierlichen, schwarzen Metallkasten öffnet, sieht Farben. Aber irgendwie kommen sie einem anders vor. Weshalb? Nun, es handelt sich um eine mineralische Farbpalette, die lediglich durch das Aargauer Wappenblau (Kobaltblau, synthetisch mineralisches Pigment) und durch drei organische Farben: Elfiger Schwarz aus verköhlerten Zwetschgensteinen; Wettiger Schüttgelb aus Kreuzdornbeeren und Aargauer Rüebliorange (synthetisch organisches Pigment) ergänzt wird. Diese – sowie weitere Farben wie etwa das Hallwiler Graugrün, das Scherzer Rotbraun oder das Küttiger Rosa – legen Zeugnis ab von der beeindruckenden geologischen Spannweite des Kantons Aargau.

Jede Farbe lässt sich zuordnen

Stefan Muntwyler streifte im Sommer 2014 nicht allein durch den Kanton Aargau, um vor der eigenen Haustür neue Farbpigmente zu finden, sondern mit dem Badener Geologen André Lambert. Die langjährigen Freunde entdeckten, welche Schätze dieser Kanton an Erden und Mineralien birgt: Für beide ein beglückendes Erlebnis, das sich auch in einer, dem Aquarellkasten beigelegten Publikation niederschlägt: Jede Farbe ist einem Fundort und einer Ortschaft zuzuordnen, weshalb jede Farbe eine eigene Geschichte erzählt.

Als Beispiel soll hier das Hallwiler Graugrün erwähnt werden. Muntwyler und Lambert bargen das Material – Seekreide – vom Hallwiler Seegrund. Dass daraus eine Aquarellfarbe entstehen würde, lässt den Maler ebenso staunen wie der Farbtonunterschied vom getrockneten, eierschalenfarbigen Rohmaterial zur dunkleren, grünlichen Aquarellfarbe. Vermutlich, so Muntwylers und Lamberts Einschätzung, seien organische Bestandteile in der Seekreide dafür verantwortlich.

Nicht nur diese eine Geschichte ist aufschlussreich; alle anderen Geschichten sind es auch. Kein Wunder, lernt man den Aargau mit einem Mal ganz neu kennen. Eignet sich der Aargauer Aquarellkasten demnach vor allem für Lehrer und Schüler?

«Nein», sagt Stefan Muntwyler und betont noch einmal das anfänglich Gesagte: «Ich peile kein spezifisches Publikum an. Es ist einfach so: Ich kenne und liebe den Kanton Aargau; ich lebe und arbeite hier als Farbforscher, Maler und Pigmentsammler. Der Aargauer Aquarellkasten ist nach fast 35 Jahren künstlerischen Schaffens mein Herzstück.»

Die Farbenvielfalt des Kantons

Mit 16 Farben ist dieser weit umfangreicher als seine kleineren Geschwister, die Muntwyler im italienischen Otranto, seiner zweiten Heimat, und im Kanton Zug hergestellt hat.

Selbst wenn sich der Aargauer Aquarellkasten an keine bestimmte Zielgruppe richtet – bloss zum Anschauen ist er nicht da. Stefan Muntwyler und André Lambert möchten ihn sehr wohl an Orten der Politik (z.B. Regierungsgebäude), Bildung (Fachhochschule) und der Kultur (Museen und Galerien) präsentieren – an Abendveranstaltungen genauso wie an Sonntagsmatineen. Nichts würden die Freunde lieber tun, als über Farben aus Erden, Steinen und Pflanzen sprechen – und damit natürlich über die Farbenvielfalt unseres Kantons.

Im Mai wird der Aargauer Aquarellkasten in einer Erstauflage von 300 Stück erscheinen. Wie wird er überhaupt finanziert? Bislang aus der eigenen Tasche. Stefan Muntwyler und André Lambert haben nun 14 Gemeinden angeschrieben, deren Farbe im Aquarellkasten vertreten ist: Ob die Sponsorenbeiträge sprudeln werden?

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