Hausen

«Wer komponiert, versteht Musik anders»

Melanie Bieri hat zuerst Blockflöte gelernt. «Der Klang gefiel mir nicht», sagt sie. An der Kanti Baden belegt sie das Schwerpunktfach Musik.

Melanie Bieri hat zuerst Blockflöte gelernt. «Der Klang gefiel mir nicht», sagt sie. An der Kanti Baden belegt sie das Schwerpunktfach Musik.

Die 18-jährige Melanie Bieri war Teilnehmerin am Young Composers Project im Künstlerhaus Boswil.

Das Genie setzt sich an den Tisch und braucht danach nur noch eines: flinke Hände, um das auf Papier zu bringen, was in seinem Kopf herumgeistert: Töne. Also muss, wer komponieren will, zwingend ein Genie sein? «Nein», sagte einst der Schweizer Komponist Beat Fehlmann, als er zusammen mit dem Künstlerhaus Boswil das Young Composers Project initiierte. «Nein», bestätigt Jahre später auch Melanie Bieri mit einem Lächeln: «Man kann das Komponieren lernen.»

Die 18-Jährige, die täglich von Hausen nach Baden pendelt, um die dortige Kantonsschule zu besuchen, ist über sich selbst überrascht. Sie hat auf sechs freie Wochenenden verzichtet, um sich von März bis September in Boswil intensiv mit Musik auseinanderzusetzen. Ist demnach ihre Laufbahn vorgezeichnet? Melanie Bieri wägt ab: «Musik als Beruf sehe ich erst heute als eine reale Berufsoption, die ich gerne in Angriff nehmen würde; ich habe mich aber lange nicht zu diesem Gedankenschritt getraut. Jetzt muss ich allerdings noch entscheiden, wie sehr ich Musik mit einem Beruf kombinieren kann, sodass es eben nicht ‹nur› Musik ist.» Woher stammt bloss ihre Begeisterung für Musik? «Ich weiss nicht einmal so genau, woher diese kommt, sie ist einfach da», sagt Melanie Bieri.

Angeregt wurde dieser Enthusiasmus wohl aber doch vom Vater, der viele Instrumente spielte und der Mutter, die aus Indonesien stammt. Damit lässt sich auch Melanie Bieris Interesse an Musik generell und an solcher aus anderen Kulturen erklären. Nasheed, eine arabische Musik zählt dazu, aber auch Pop, japanischer Rock und Klassik. Wie viele andere Kinder, lernt Melanie Bieri zuerst Blockflöte. Aber dann hört sie noch in der Primarschule damit auf: «Der Klang gefiel mir nicht.» Dafür umso mehr jener der Gitarre, die der Bruder spielt. Tatsächlich hat die Kantonsschülerin, die als Schwerpunktfach Musik hat, zu diesem Instrument eine besonders innige Beziehung, selbst wenn ihr Klavier und Violine ebenfalls Herzensanliegen sind. Sie lächelt, als sie gefragt wird: «Haben Sie vor Boswil schon einmal komponiert?» «Nein. Das heisst: Ich habe es im Pop mit einem Lied versucht, bin aber nicht an der Musik, sondern am Text gescheitert.»

Von der Idee zur Komposition

Scheitern kann beim Young Composers Project niemand. Die elf Teilnehmerinnen und Teilnehmer wissen, dass man Kompositionen nicht aus dem Ärmel schütteln kann, dass es nicht primär auf geniale Einfälle, sondern sorgsam erarbeitetes Handwerk ankommt. «Wie bringe ich meine Gedanken aufs Papier? Wie entwickle ich einen musikalischen Gedanken? Welche Wirkungen kann ich mit Tonhöhen und Rhythmus erzielen?» Das sind nur einige der vielen Fragen, mit denen sich Melanie Bieri in Boswil auseinandersetzen muss. Sie ist beeindruckt von dem, was ihr vermittelt wird: Neben wichtigen Grundlagen wie Instrumenten- und Notationskunde steht die individuelle Arbeit an den eigenen musikalischen Ideen im Vordergrund. Im Einzelunterricht werden schliesslich die individuellen Kompositionsprojekte besprochen und Hilfestellungen gegeben.

Wie wird aus den vielen, überdies durch Hörerfahrungen genährten Ideen eine Komposition? «Ich wusste nur, in welche Richtung ich anfänglich nicht komponieren wollte.» Nämlich? Melanie Bieri verweist auf den polnischen Komponisten György Ligeti. «Ich kann mir zwar vorstellen, später etwas in diese Richtung zu schreiben; aber für den Moment wollte ich nicht ‹dorthin› komponieren, weil Ligetis Musik zwar beeindruckend, für mich aber noch zu schwierig war.» Nun ist Ligetis Musik atonal, keineswegs leicht zugänglich, aber auch sphärisch. So sehr, dass Regisseur Stanley Kubrik Ligetis «Atmosphères» im Kult gewordenen Science-Fiction-Film «2001: A Space Odyssey» eingesetzt hat.

Nervös vor Uraufführung

Und nun landen wir bei dem, was Melanie Bieri in Boswil herausgefunden hat, nachdem sie sich immer wieder gefragt hat: «Was entspricht mir?» Filmmusik. Diese könne «megaschön» sein, sagt sie und erwähnt den Soundtrack zu «Finding Nemo». Als «eher atmosphärisch» beschreibt sie ihre fünfminütige Komposition für ein mit Flöte, Klavier, Violine und Violoncello ungewöhnlich besetztes Quartett, das von Profimusikern uraufgeführt wird. Melanie Bieri ist nach wie vor verblüfft, wenn sie daran denkt: «Oh, das habe ich komponiert.»

Lampenfieber im Hinblick auf das Abschlusskonzert? Etwas nervös sei sie schon, bekennt die Kantonsschülerin; sie sei eben ein eher zurückhaltender Mensch. Aber nun muss sie nach vorne gehen, um ihr Werk dem Publikum kurz zu erläutern. Vielleicht sagt sie am Ende dann noch jenen Satz, der die ganz und gar nicht abgehobene Schülerin so sympathisch macht: «Wer komponiert, versteht die Musik anders.»

Meistgesehen

Artboard 1