Analyse
Wer in Brugg Wandel fordert, steht in der Pflicht

Janine Müller
Janine Müller
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Wer wird ab dem 1.Januar 2018 das Oberhaupt der Stadt Brugg sein? Die Erwartungen an den neuen Stadtammann sind jedenfalls riesig.

Wer wird ab dem 1.Januar 2018 das Oberhaupt der Stadt Brugg sein? Die Erwartungen an den neuen Stadtammann sind jedenfalls riesig.

Janine Müller (jam)

Die Stadtammann-Wahlen in Brugg sind spannend, der Ausgang ist völlig offen. Zwei valable Kandidaten – Titus Meier (36, FDP) und Barbara Horlacher (46, Grüne) – bewerben sich um das Amt. Bereits im ersten Wahlgang trennten die beiden nur 29 Stimmen voneinander, niemand erreichte aber das absolute Mehr.

Entsprechend müssen jetzt Horlacher und Meier vor dem zweiten Wahlgang um jede Stimme kämpfen. Das ist gut so. Es bewirkt, dass der Wahlkampf engagiert geführt wird und Themen aufs Tapet kommen, die seit Jahren unter der Oberfläche schlummern und nie richtig angegangen wurden. Sei es die Attraktivitätslücke zwischen Neumarkt und Altstadt, die «Alte Post», der Nahverkehr, die serbelnde Altstadt oder der Übergang von Brugg nach Windisch. Während Titus Meier besonders mit konkreten Anliegen auf seinen Plakaten überzeugt, ist es Barbara Horlacher gelungen, in den sozialen Medien ihre Visionen zu deponieren. Beide suchen den Kontakt zur Bevölkerung – mit Tischtennis und Orientierungslauf (Horlacher) oder einem Stand mit Raclette und Guetzli (Meier).

Der Wahlkampf bewirkt auch, dass durch die Bevölkerung ein Ruck gegangen ist. In den Leserbriefen wird nach Umbruch, Aufbruch, frischem Wind und Veränderung geschrien. Die Erwartungen an den neuen Stadtammann oder an die neue Frau Stadtammann sind riesig – und wohl kaum komplett erfüllbar. Vor allem, wenn man bedenkt, dass bereits vor der Amtszeit des heutigen Stadtammanns Daniel Moser mit denselben Forderungen aufgewartet wurde. Damals lauteten die Titel von Leserbriefen: «Weichen neu stellen», «Visionen für die Zukunft» oder «Die Stadt Brugg hat gute Chancen, aufzuwachen».

Verändert hat sich in den letzten acht Jahren allerdings nicht wahnsinnig viel, die Einweihung des Campus Brugg-Windisch mal ausgenommen. Die Schlussfolgerung: Ein neuer Stadtammann kann nicht alleine eine Veränderung herbeiführen. Sie muss aus der Bevölkerung kommen, Wandel fängt bei jedem selber an. Es ist vergleichbar mit einem Besuch beim Coiffeur: Eine neue Frisur, ein neuer Stil, kann ein Anfang sein. Aber um sich als Person zu verändern, braucht es dann doch mehr.

Sie wollen eine florierende Stadt Brugg, mit Einkaufsmöglichkeiten, einer schönen Altstadt, aktiven Vereinen und einem vielfältigen Kulturangebot? Dann engagieren Sie sich. Werden Sie Mitglied in einem Verein – egal ob Fussballklub oder Squaredance-Verein –, in einer Partei, in der Feuerwehr oder bei einem Kulturlokal. Und wenn Ihnen die Zeit dafür fehlt, dann konsumieren Sie doch immerhin die Angebote, die die Stadt bietet. Wann waren Sie zuletzt an einem Konzert im «Dampfschiff», im Salzhaus oder einer Veranstaltung im «Odeon» oder einem anderen Brugger Kulturlokal? Wann haben Sie zuletzt Ihr Feierabendbier in der Altstadt getrunken? Und wo machen Sie Ihren Wocheneinkauf? Um einen Wandel herbeizuführen, braucht es Partizipation jedes Einzelnen. Wer Wandel fordert, steht selber in der Pflicht.

In der Pflicht steht aber durchaus auch das neue Stadtoberhaupt. Die Erwartungen, die jetzt gehegt werden, sollen anspornen und ernst genommen werden. Der neue Stadtammann muss die Kommunikation und den Auftritt gegen aussen verbessern und modernisieren, Verkrustungen aufbrechen sowie die Verwaltung führen und sich nicht von ihr führen lassen. Der neue Stadtammann soll, gemeinsam mit den Stadtratskollegen, die Wege für Ideen und Projekte ebnen, die aus der Bevölkerung und aus der Wirtschaft an sie herangetragen werden.

Die Herausforderungen sind vielfältig, die auf das neue Oberhaupt der regionalen Kleinstadt Brugg, die sich zwischen Aarau und Baden behaupten muss, zukommen. Titus Meier und Barbara Horlacher ist zuzutrauen, dass sie diese packen können. Drei Faktoren werden am 26. November die Wahl entscheiden: Wer von den beiden kann – trotz fehlenden nationalen Abstimmungen – besser mobilisieren? An wen gehen die Stimmen von Richard Fischer, der nicht mehr zum zweiten Wahlgang antreten konnte? Und was nicht zu unterschätzen ist: Welche Auswirkungen auf die Stadtammann-Wahlen hat die Abwahl von Andrea Metzler (SP), der einzigen Frau im Stadtrat?