Brugg
Wenn Erinnerungen verloren gehen

«Die Akte Auguste D.» beschreibt die erste Alzheimerpatientin. Autorin Ulrike Hofmann und Schauspieler Basil Dorn luden zur szenischen Lesung im Brugger Salzhaus ein.

Irene Hung-König
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Verschiedene Hirnleistungsbereiche sind gestört: Rund 116000 Menschen in der Schweiz leiden an Demenz. iStockphoto

Verschiedene Hirnleistungsbereiche sind gestört: Rund 116000 Menschen in der Schweiz leiden an Demenz. iStockphoto

Getty Images/iStockphoto

Heute genügen ein paar Klicks im Internet und man weiss Grundlegendes zur Alzheimerkrankheit, der meist verbreiteten Form der verschiedenen Demenzkrankheiten. Verluste des Erinnerungsvermögens sowie andere Funktionsstörungen des Gehirns schreiten chronisch voran. Die für Aufmerksamkeit, Sprache, Lernen und Gedächtnis zuständigen Hirnleistungsbereiche sind gestört. Die Fähigkeiten, abstrakt zu denken und zu planen, verlieren sich immer mehr. Die eigenen Familienmitglieder werden nicht mehr erkannt.

All diese Informationen hatte der deutsche Arzt und Hirnforscher Alois Alzheimer nicht, als er 1901 seiner Patientin Auguste Deter gegenüber sass. Auguste Deter, die körperlich völlig gesunde 51-Jährige, zeigte Symptome, die ihn ratlos machten. Die Krankheit sollte später seinen Namen erhalten. Er konnte Auguste Deters Gehirn nach deren Tod 1906 untersuchen.

«Erinnerungen machen uns aus»

«Wir wollen die Erinnerungen behalten, denn die machen uns aus», sagt Samuel Vögeli zu Beginn des Abends im Salzhaus. Der Leiter der Geschäfts- und Beratungsstelle Brugg der Alzheimervereinigung Aargau erklärt, dass rund 116 000 Menschen in der Schweiz an Demenz leiden; der grösste Teil davon an Alzheimer.

Wie sprach der Arzt Alois Alzheimer zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seiner Patientin Auguste D. in der Irrenanstalt in Frankfurt am Main? Wie reagierte er auf Fragen von Ehemann Karl Deter und wie gestalteten sich die Fachgespräche mit seinem Assistenten Friedländer? Die Autorin von «Die Akte Auguste D.», Ulrike Hofmann, und Schauspieler Basil Dorn lassen die Gäste im Salzhaus an den Gesprächen teilhaben und beantworten diese Fragen.

Schauspieler Basil Dorn und Autorin Ulrike Hofmann verkörpern den Arzt und die Patientin.

Schauspieler Basil Dorn und Autorin Ulrike Hofmann verkörpern den Arzt und die Patientin.

Irene Hung-König

Die Zuhörer werden in die Irrenanstalten von damals zurückversetzt, durchlaufen die einer Kirche ohne Schmuck ähnelnden Schlafsäle. Oder sie können sich die Bädertherapien für unruhige Patienten vor Augen führen. Einige badeten während 6, andere während 14 Stunden; ärztlich verordnet, um zu beruhigen, aber auch, um die Patienten zu beaufsichtigen. Die authentischen Dialoge zwischen dem Arzt und seiner Patientin gehen unter die Haut, machen nachdenklich: «Nicht schneiden, nicht schneiden, ich lass mich nicht schneiden», schreit Auguste Deter. Der Arzt hatte vor, der Patientin den Blutdruck zu messen: «Niemand will sie schneiden», sagt der Arzt ruhig.

Auch der Ehemann leidet

In einigen Gesprächen kann Auguste Deter alle Monate aufzählen oder rechnen. Es sind hoffnungsvolle Momente für die Patientin, wenn sie über die einfachen Fragen lächeln kann. Etwa, wenn Alzheimer sie Gegenstände benennen lässt. «Zigarre, Schlüsselbund, Stahlfeder», sagt sie bestimmt. Doch die dunklen Momente, die Verzweiflung nimmt zu. «Ich habe mich sozusagen verloren. Ich kann das nicht, Sprechen», sagt sie.

Auguste Deters Mann Karl beklagt sich bei Alois Alzheimer über die Veränderungen, die er bei seiner Frau feststellt. «Wenn ich sie besuche, sitze ich unter allen nur dumm herum.» Alois Alzheimer erklärt Karl Deter, dass die Krankheit die Persönlichkeit seiner Frau verändert. «Herr Deter, sie müssen davon ausgehen, dass ihre Frau die Anstalt nicht mehr verlassen kann.» 1906 stirbt Auguste Deter an einer Blutvergiftung infolge Wundliegens. Doktor Alois Alzheimer überlebt 1915 eine Erkältung nicht; er stirbt im Alter von 51 Jahren an Nierenversagen.

Die von Ulrike Hofmann und Basil Dorn vorgetragene Geschichte berührt. In den authentischen Gesprächen wirkt der Arzt stets verständnisvoll und ruhig, die Patientin zunehmend verzweifelt und erschöpft. Auch der Ehemann weiss sich nicht zu helfen. «Wenn das so weitergeht», sagt Alzheimer zu seinem Assistenten Friedländer, «ist Karl Deter der nächste Patient.»

Ulrike Hofmann und Basil Dorn werden für ihren Auftritt mit einem lang anhaltenden Applaus gewürdigt. Samuel Vögeli bedankt sich mit Brugger Geschenken.

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