«Abbruch Holzschopf, Neubau Gartenhaus» – so lautet die unauffällige Baugesuchsmitteilung der Gemeinde Birr. Doch hinter dem «Holzschopf» steckt mehr als ein lottriger Bretterverschlag. Abgerissen werden soll ein kleines Bijou im Garten der Liegenschaft Hinterdorfstrasse 5.

Verwittertes Holz, fast schwarz nach all den Jahren, eine Laube hinter Rebenranken und ein kleiner Saustall – der Speicher ist gar schön anzuschauen, heimelig. Doch alle Schönheit nützt hier nichts: Das Hüttchen ist marode. Und seitdem ein morscher Baum, der das Hüttchen von der Rückseite her gestützt hatte, gefällt wurde, neigt es sich immer bedrohlicher gegen das Haupthaus. Die Eigentümerin, die Einwohnergemeinde Birr, hat deshalb beschlossen, das Häuschen abzureissen.

Instandhaltung lohnt sich nicht

«Es ist natürlich schade um das Häuschen», sagt Sonja Biedermann von der Regionalen Bauverwaltung Birr-Lupfig. «Aus Sicherheitsgründen, auch gegenüber der Mieterin, drängen sich jedoch Massnahmen auf. Aber es gibt ja einen Ersatz, wenn auch einen etwas kleineren.»

Die Gemeinde hat Rosemarie Zehnder, Mieterin der Liegenschaft Hinterdorfstrasse 5 und des Speichers, schriftlich über den bevorstehenden Abbruch informiert: Die Baute habe sich stark verschoben, eine Einsturzgefahr könne nicht ausgeschlossen werden. «Der Rückbau der jetzigen Kleinbaute wurde uns von Ingenieuren dringendst empfohlen», so die Gemeinde in ihrem Schreiben. Zehnder muss jetzt bis Ende März das Häuschen räumen.

Für Rosemarie Zehnder ist klar, dass die Gemeinde wegen der Einsturzgefahr handeln muss: «Der Schopf ist so schief, dass eine Rettung wohl nur mit grössten finanziellen Anstrengungen möglich wäre.» Trotzdem findet sie es schade, «dass man den Speicher hat verlottern lassen. Man hätte ihn bereits vor Jahren sanieren müssen.» Schliesslich gehöre der Schopf zum historischen Ortsbild. «Die Gemeinde hat einst aus diesem Grund die Häuserzeile an der Hinterdorfstrasse gekauft: zum Schutz des alten Dorfkerns.»

«Identitätsstiftender Charakter»

Wie alt der Holzschopf ist, ist nicht bekannt. Möglich ist aber, dass er zeitgleich mit dem Wohnhaus, einem ehemaligen Hochstudhaus mit Strohdach, errichtet wurde. Gemäss Gravur im Sockel eines Kachelofens ist das Haus wohl über 180 Jahre alt, Baujahr 1829. Wäre der Speicher aus denkmalschützerischer Sicht überhaupt schützenswert?

«Der Speicher besitzt sicher identitätsstiftenden Charakter im Dorfkern von Birr», sagt Jonas Kallenbach von der Kantonalen Denkmalpflege auf Anfrage der az. Wenn ein Gebäude unter Schutz gestellt werden soll, seien immer die Schutzwürdigkeit und die Schutzfähigkeit zu beurteilen. «Für die Beurteilung der Schutzwürdigkeit betrachtet die Denkmalpflege zum Beispiel den künstlerischen, historischen und typologischen Wert des Gebäudes und dessen Stellung im Ortsbild.» Die Schutzfähigkeit hängt sehr stark vom baulichen Zustand ab.

Gartenhaus ersetzt das Bijou

Gemäss Kallenbach würde es sich beim Birrer Speicher – würde ihm die Prüfung durch die Denkmalpflege Schutzwürdigkeit und -fähigkeit attestieren – wohl nicht um ein kantonales Schutzobjekt handeln. «Im Quervergleich mit kantonal geschützten Speicherbauten, die charakteristische Zeugnisse für die verschiedenen landwirtschaftlichen und baulichen Entwicklungen im Aargau sind, würde der Speicher in Birr keine Lücke füllen.» Das heisst: Der Gemeinde steht es frei, ob sie Bauten, die sie für ihre Geschichte wichtig hält, unter Schutz stellt. Ein solcher Schutzstatus wäre dann von der Gemeinde umzusetzen.

Ersetzt werden soll das Bijou durch das Gartenhaus, das bisher beim Kindergarten stand. Für Rosemarie Zehnder keine wirkliche Alternative; der bevorstehende Abbruch des Häuschens stimmt sie traurig: «Es ist ein weiteres Stück Dorfgeschichte, das verschwindet.»

Das Baugesuch liegt noch bis zum 4. April in der Gemeindekanzlei Birr auf.