Bahnhof Brugg

Wenn aus dem Bahnhof die Heimat wird: Ein Zusammentreffen mit Menschen am Rande der Gesellschaft

Auf der Windischer Seite des Bahnhofs Brugg treffen sich die Randständigen.

Auf der Windischer Seite des Bahnhofs Brugg treffen sich die Randständigen.

Zuverlässig wie eine Bahnhofsuhr tauchen sie jeden Abend auf, um Zigaretten zu rauchen und Bier zu trinken. Im Sommer bei grosser Hitze, im Winter bei bitterer Kälte. Die AZ hat sich mit den Menschen am Rande der Gesellschaft am Bahnhof Brugg unterhalten.

An ihnen ziehen Fahrgäste vorbei: Familien, Geschäftsleute und Studenten reisen mit dem Zug an oder weg. Aber sie, Menschen am Rande der Gesellschaft, verbleiben an Ort und Stelle, während am Bahnhof Brugg Waggon für Waggon an ihnen vorbeizieht.

Einer von ihnen ist Martin (Name geändert). Mit 40 Jahren verlor er seinen Job als Logistiker und sucht seither vergeblich nach einer Stelle. Die Ursache für seine Lebenskrise sieht er in der Arbeitswelt. «Ältere Menschen besitzen mehr Berufserfahrung und haben dementsprechend Anspruch auf einen höheren Lohn.

Deswegen bevorzugen die meisten Arbeitgeber jüngere Mitarbeiter», beklagt sich Martin und nimmt einen Schluck aus einer Bierdose. Er hat sich eine Aktentasche umgehängt, gefüllt mit Bewerbungen. Seine heutigen Bemühungen, einen Job zu finden, sind gescheitert.

Jetzt verbringt er den Abend am Bahnhof, statt mit seiner Freundin zu Hause zu sitzen. Dank ihr lebt er immerhin nicht als Obdachloser. Ihre IV-Rente von ungefähr 1200 Franken teilen sich die beiden.

Auf der Windischer Seite des Bahnhofs Brugg treffen zwei Welten aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die Fachhochschule Nordwestschweiz unterstützt junge Erwachsene beim Aufbau einer aussichtsreichen Zukunft. Spätere Maschinenbauer, Systemtechniker oder Wirtschaftsingenieure erfahren eine professionelle Aus- oder Weiterbildung, denn letztendlich bilden sie das zukünftige wirtschaftliche Rückgrat der Schweiz. Aber in unmittelbarer Nähe öffnet sich ein tiefer, sozialer Abgrund.

«Normale Leute nehmen uns nicht als Menschen wahr»

Oberhalb der Unterführung treffen sich Menschen mit teilweise schweren Problemen: Obdachlose, Sozialhilfebezüger, Menschen in psychiatrischer Behandlung. Zwei Männer und eine Frau grölen zu lauter Musik, die aus ihrem Ghettoblaster erklingt, während Martin sich nebenan unterhält.

Eine Frau im Pelzmantel kommt die Treppe hoch, wirft einen Blick auf die Gruppe und rollt angewidert die Augen. «Manchmal schreit einer: ‹Was gibt es denn zu glotzen!?› Dann eilen sie schnell davon und lassen uns in Ruhe», meint Martin.

Dann gesellt sich Michi dazu und fügt an: «Das hier ist die Realität. Normale Leute nehmen uns nicht als Menschen wahr, sondern als Abschaum.» Michi ist 51 Jahre alt, arbeitet als Monteur und besucht den Bahnhof Brugg durchschnittlich dreimal pro Woche. «An der Bahnhofsszene schätze ich die Ehrlichkeit.

Man setzt keine Maske auf, wie die meisten Menschen im Alltag. Man erzählt von seinen Schwächen, Problemen und hört zu, was das Gegenüber zu erzählen hat. Ich hasse nichts mehr wie die Floskel ‹Wie geht es dir?›», sagt Michi und will damit erklären, weshalb er hier ist.

Zwischen Gewalt und Zuneigung

Die Menschen am Rande der Gesellschaft fühlen sich untereinander verstanden. Auch würden sie sich gegenseitig helfen, sagen sie. Man leihe sich Geld oder würde einen Obdachlosen, den man kaum kennt, in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung übernachten lassen. Michi, Martin und weitere Personen geben Einblicke in ihre Welt, doch der Grossteil ihrer Aussagen mündet in Widersprüchen.

Im Verlauf des Abends erzählt Michi, dass man in diesem Umfeld lediglich vorgaukelt, ein guter Freund zu sein. «Ehrlichkeit zum Zweck, aber unter dem Strich passiert nichts», fasst er die Umgangsformen zusammen. Immer wieder komme es zu kleinen Auseinandersetzungen oder sogar Schlägereien, heisst es weiter. Meist gehe es dabei um Schulden. Ausgeliehenes Geld werde selten zurückbezahlt. Um das Gesicht zu wahren, würden die Gläubiger dann sogenannte «Respektschellen» verteilen.

Pendler: «Ich lasse sie in Ruhe und sie mich»

Die Angestellten im Coop auf der Windischer Seite bekommen das oft mit. Bereits mehrmals mussten sie die Polizei kontaktieren, weil sie sich terrorisiert fühlten oder alkoholisierte Personen beim Klauen erwischten. «Ich sagte meinem Chef, dass ich in der Filiale auf der Windischer Seite nicht mehr arbeiten möchte. Die Alkoholiker und Junkies bereiten mir Angst.

Sie sind laut, betrunken und aggressiv», äussert sich eine Mitarbeiterin über die Situation. Bahnhofbenützer stören sich hingegen weniger an den Randständigen. «Diese Menschen interessieren mich nicht. Ich lasse sie in Ruhe und sie mich», teilt ein Pendler mit.

Inzwischen ist es dunkel. Um die Billettautomaten tummeln sich ungefähr zehn Personen, hauptsächlich Männer im mittleren Alter. Die meisten von ihnen nippen an einem Bier, während Regen in Strömen auf den Asphalt prasselt. «Dieser Bahnhof ist für mich ein Stück Heimat. Hier trifft man immer jemanden an», sagt eine Person, die anonym bleiben möchte.

Sie möchten Bier trinken und miteinander reden

Der Bahnhof schützt vor nassem Wetter, bietet billiges Bier und ermöglicht sozialen Austausch. Für ein Café oder Restaurant fehlen den meisten hier die finanziellen Mittel. «Wir möchten nur ein Bier trinken und miteinander reden», meint ein Mann Mitte 40.

Oft fährt die Polizei im Kastenwagen auf, um Personenkontrollen durchzuführen (siehe Text nebenan). Mittlerweile hat sich die Bahnhofsszene daran gewöhnt. Michi meint sogar: «Wir unterstützen die rege Präsenz der Polizei. Uns Alkoholtrinkende lassen sie sowieso meist in Ruhe; man kennt uns.»

Trotz allem wünschen sich die Menschen am Rande der Gesellschaft eine Unterkunft in Brugg oder Windisch. «Eine Baracke neben dem Bahnhof, in die man von Sozialarbeitern betreut werden kann – in der Wärme sitzen – das wäre schön», sagt Michi.

Sämtliche Befragten meinen: Gäbe es einen Ort, wo sie hingehen könnten in Brugg oder Windisch, würden sie diese Gelegenheit nutzen. Aber Michi ergänzt seufzend: «In der Region weiss man, dass sich am Bahnhof Brugg Arbeitslose, IV-Bezüger, Obdachlose und einsame Menschen versammeln, aber niemand interessiert sich für uns, ausser die Polizei.

Aus dem Auge aus dem Sinn. Aber mit dieser Einstellung wird das gesellschaftliche Problem nicht kleiner – im Gegenteil.»

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